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DRESDEN/ Kreuzkirche/Frauenkirche/Kulturpalast: JOHANN SEBASTIAN BACH – GEISTLICH UND WELTLICH

01.04.2024 | Konzert/Liederabende
  • Dresden/Kreuzkirche, Frauenkirche, Kulturpalast: JOHANN SEBASTIAN BACH – GEISTLICH UND WELTLICH – 29.3./ 30.3.2024

 

In diesem Jahr stand in Dresden, neben dem Beginn der Richard-Strauss-Tage an der Semperoper zu Ostern die Musik von Johann Sebastian Bach im Vordergrund. Seine beiden großen Passionen gehören für viele Menschen, auch nicht konfessionell gebundenen, zu Ostern wie das Erwachen der Natur im Frühling und die Ruhe und Entspannung der Feiertage.

Ostern in der Kreuzkirche ohne „MATTHÄUSPASSION“ MIT DEM DRESDNER KREUZCHOR (29.3.) wäre in Dresden undenkbar – eine Tradition seit vielen Jahrzehnten, die immer weiterlebt und immer noch und immer wieder die Menschen aller Generationen, darunter viele Jugendliche, in ihren Bann zieht und zahlreiche Gäste der Stadt anlockt.

Seit Martin Lehmann, der es versteht, die besten Traditionen auch jungen Leuten, Ausführenden und Zuhörenden, nahe zu bringen, den traditionsreichen Dresdner Kreuzchor leitet, ist die Kreuzkirche wieder ein Kraftquell, ein Ort der inneren Sammlung und des inneren Friedens geworden. Seine Aufführungen mit dem Kreuzchor sind erbauliche Stunden, denn er lebt in dieser musikalischen und geistigen Welt. „Nur, wer selbst brennt, kann andere entzünden“ – und das vermag er im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Aufführung begann mit feierlicher Andacht. Chor, Orchester und Solisten strahlten Ruhe aus, nachdem sich die Kruzianer sehr diszipliniert, sehr ernsthaft und lautlos in einer zweigeteilten Aufstellung formiert hatten, um auch optisch die Doppelchörigkeit der Passion zu verdeutlichen. Dann eröffnete der Kreuzchor mit dem Eingangschor „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen“ die groß angelegte Passion in festlicher Klangschönheit, die er bis zum Schluss beibehielt. Die Tempi waren sehr gut gewählt, einer Passion angemessen und doch in genau richtiger Balance zwischen Beschaulichkeit und innerer Spannung.

Exakt und wohldurchdacht und mit schönen Stimmen gestaltete der Chor die in ihrer Art sehr unterschiedlichen, gewaltigen, dramatischen spannungsgeladenen (Volks-)Chöre (turbae) in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen, mal packend, mal lyrisch-nachdenklich, mit dynamischer Dramatik oder unerbittlicher Wucht, wie das erschütternde „Barrabam!“ Allein der Eingangschor ist ein Ereignis höchster Intensität. Im Gegensatz dazu strahlten die lyrisch betrachtenden, beschaulich reflektierenden, empfindungsreichen oder trauernden, von Bach in barocker Manier umspielten, Choräle innere Ruhe aus. Wer Choräle bisher als „trocken“ oder „antiquiert“ empfand, lernte sie bei dieser Interpretation verstehen und schätzen. Bach hat mit seiner Bearbeitung deutlich gemacht, welche Weisheit, Lebenserfahrung und Kraft darin verborgen ist, und das wurde bei dieser transparenten Ausführung deutlich.

Es bedeutet immer einen Hörgenuss, die jungen Stimmen mit exakter polyphoner Linienführung in den barocken Strukturen im Zusammenwirken mit dem Orchester in solcher Transparenz und Ausdrucksstärke zu erleben. Ausgefeilt bis ins letzte Detail, reagierte der Chor auf die Intentionen Lehmanns, dem jeweiligen Inhalt entsprechend, flexibel und mit einem stets homogenen Klangbild.

Nicht nur ein sehr sicheres, sondern auch besonders klangschönes Fundament der zweimaligen Aufführung war auch die Dresdner Philharmonie, die mit gleichem Werkverständnis in wechselseitiger Beziehung, im Aufeinander-eingehen, Sich-aufeinander-einstellen und Gemeinsam-wirken mit dem Chor eine schöpferische Einheit bildete. Sie war wie immer ein kongenialer Partner und bereicherte die Aufführung mit schöner Kontinuität und klanglicher Brillanz, insbesondere die perfekten Continuo-Gruppe und die sehr schöne solistische Begleitung der Arien, unter anderem durch Flöte (Kathrin Bäz), Oboe d’amore (Undine Röhner-Stolle, Guido Titze) und vor allem die beseelte Solo-Violine (Wolfgang Hentrich).

Die Solisten erfüllten ihre Aufgaben auf unterschiedliche, auch sehr individuelle Art. Marie-Sophie Pollak bewältigte die Sopran-Arien sicher und zuverlässig mit klarer, tragfähiger Stimme, geradlinig und eher sachlich und schlicht.

 Warum jetzt fast überall ein Altus mit der Altpartie, die Bach in seinen Passionen so seelenvoll gestaltet hat, betraut wird, ist unverständlich, da es hierzulande sehr gute Altistinnen gibt, die schon mehrfach, auch an dieser Stelle, gezeigt haben, dass eine warme wohlklingende weibliche Altstimme die Partie in ihrer Intensität wesentlich besser und natürlicher ausfüllen kann. Dem jungen, schon recht sicheren Altus Jonathan Mayenschein gönnte man aber die Chance, an dieser exponierten Stelle auftreten und seine Fähigkeiten und schöne Stimme einsetzen zu können. Er lernte diese Musik bereits im Windsbacher Knabenchor kennen und konnte diese Erfahrungen auch für die Gestaltung nutzen. Er dürfte zu großen Hoffnungen berechtigen.

Benedikt Kristjánsson begann die Evangelistenpartie sehr leise und verhalten, gestalterisch gut gemeint, jedoch für den großen Kirchenraum mit zu wenig Stimmvolumen. Er steigerte sich allmählich, und bei genauem Hinhören war eine flexible, facettenreiche Gestaltung erkennbar, mit der er sich mehr auf eine sachliche Berichterstattung als auf Emotionen oder gar barocke Ausschmückung konzentrierte. Die Arien sang er deutlicher und flüssig, mit richtiger Diktion, aber auch hier ohne große Emotion.

Es ist nicht leicht, für die trockene Akustik der Kreuzkirche das richtige Maß an Lautstärke und Intensität zu finden. Das machte sich auch bei dem Bassisten Klaus Häger bemerkbar, der kraftvoller sang und richtig gestaltete, wenn auch kaum mit der nötigen Ausstrahlung und Würde eines Christus.

Das richtige Maß an Stimm-Intensität hatte Tobias Berndt, der die wesentlich schwierigeren Bass-Arien an dieser Stelle schon oft gesungen hat und einst Mitglied des Kreuzchores war. Er konnte auch bei dieser Aufführung mit guter, kraftvoller Stimme und stilgerechter Gestaltung der Arien und Rezitative sowie der Pilatus-Gestalt sehr überzeugen.

Die Nebenrollen, wie die zwei falschen Zeugen, Petrus, Judas, die zwei Mägde, Testis I und II und Pontifex wurden, einer schönen Tradition zufolge, von Solisten aus dem Chor gesungen. Während manche Stimmen sehr leise erschienen, beeindruckte der kleine Sänger der ersten Magd mit seiner bereits für sein Alter kräftiger, klangvoller Sopranstimme und sicherem Auftreten.

Stark beeindruckt von dem innigen Zusammenwirken von Chor und Orchester, das mit seiner kontinuierlichen klangschönen Begleitung manche Arie und Rezitativ veredelte sowie dem „nahtlosen“ Zusammenspiel von Chor und Solisten mit genau ab- und ausgewogenen „Einwürfen“ des Chores unter der umsichtigen und inspirierenden Leitung von Martin Lehmann endete die Aufführung in andächtiger Stille.

Bevorzugen die Dresdner zu Ostern die “Matthäuspassion“ in der Kreuzkirche mit dem Kreuzchor, ist für viele auswärtige Besucher eine Passion in der Frauenkirche zum Inbegriff für das Osterfest geworden. Hier wurde Bachs „JOHANNESPASSION“ aufgeführt, die vor genau 300 Jahren zum ersten Mal in Leipzig erklang. Sie ist kürzer und vielleicht noch dramatischer als die „Matthäuspassion“, aber ebenso eindrucksvoll.

Hier gestaltete Tobias Hunger den Evangelisten abwechslungsreich und zum Teil lautmalerisch und auch die Tenor-Arien gut.

Marie Hänsel gestaltete die Sopran-Partie sehr ansprechend, sang mit frischer, klarer Stimme und bewältigte die heikle Chromatik der Arie „Ich folge dir gleichfalls“ mühelos.

 

Wie wohltuend, dass hier die bewegenden Alt-Arien von einer Altistin gesungen wurden, von einer, die nicht nur bestens mit Oratorien-Gesang vertraut ist, sondern auch jene innere Emotionalität mitbringt, die die ganze Tiefe der Betrachtungen der gläubigen Seele berührend gestalteten kann. Henriette Gödde verlieh den Rezitativen und Arien mit ihrer klangvollen Stimme seelenvolle Wärme und Ausstrahlung.

Die Vox Christi sang Martin-Jan Nijhof mit seinen Erfahrungen als Opernsänger und nicht immer ausgeglichen.

Im Gegensatz dazu verkörperte Andreas Scheibner die ideale Ausführung der Bass-Arien und der Gestalt des Pilatus, der bei ihm trotz der wenigen Worte zu einer Persönlichkeit wurde. Scheibner erfüllte alle Erwartungen hinsichtlich gesangstechnischer Bewältigung, die für ihn die Grundlage einer wohldurchdachten, emotionalen und mehr als plausiblen Darstellung und subtilen Gestaltung ist.

Unter der Leitung von Frauenkirchenkantor Matthias Grünert überzeugte der Kammerchor der Frauenkirche, obwohl zahlenmäßig nicht sehr groß, zweigeteilt aufgestellt, was sich sehr gut in der Architektur der barocken Frauenkirche ausnahm, durchaus in den wuchtigen dramatischen Chören und war auch flexibel genug für die ruhigeren Choräle.

Das ebenfalls nicht allzu große ensemble frauenkirche dresden aus Mitgliedern der Sächsischen Staatskapelle und der Dresdner Philharmonie ließ bei der instrumentalen Seite nichts vermissen und erfreute mit gutem Klang und schönen solistischen Instrumentalpassagen.

 Bachs „Johannespassion“ und „Matthäuspassion“ sind großartige Werke und überaus eindrucksvoll. In beiden Passionen erlebt der Zuhörer die Handlung aus vier verschiedenen Perspektiven: einer erzählenden durch den Evangelisten, die handelnden Personen und dramatischen Chöre, die betrachtende Perspektive Einzelner in lyrischen Arien, die einer andächtigen Gemeinde mit den Chorälen und eine ermahnende durch die aufwändig angelegten Eingangs- und Schlusschöre, was für viel Abwechslung sorgt, aber auch sehr viel Feingefühl bei der Ausführung erfordert. Beide Werke sind inspirierend und „durchdringend bis in die letzte Faser“ (Imre Kertész) und wirken auch jetzt noch gegenwärtig und lebendig und nehmen auch jetzt noch unmittelbar gefangen, vielleicht noch mehr als vor 300 Jahren.

Damals wurde vielleicht der Text emotionaler und mit gläubiger Andacht aufgenommen, während jetzt vor allem die Musik, schon durch die bessere Aufführungspraxis, im Vordergrund steht, wobei Text und Musik nicht zu trennen sind. Wahrscheinlich hat Bach seine Passionen nie so technisch perfekt, ausgefeilt und geistig durchdrungen gehört wie es jetzt möglich ist. Damals gab es die Mittel, die großen Chöre und Orchester nicht. Nicht umsonst hat sich Bach über die unzulänglichen Bedingungen in Leipzig beschwert. Ihre Ausstrahlung und Anziehungskraft haben beide Werke bewahrt und werden sie auch in Zukunft behalten, denn vieles darin besitzt Allgemeingültigkeit und bewegt auch gegenwärtig noch, wie die Frage des Pilatus: „Was ist Wahrheit?“

 

Das KONZERT DER DRESDNER PHILHARMONIE am Ostersonntag (30.3.) im Kulturpalast mit dem Titel „BACH !“ richtete den Blick auf die weltliche Seite in Bachs reichem kompositorischem Schaffen. Es begann mit Pauken und Trompeten, den königlichen Instrumenten, die Bach in seiner „Orchestersuite Nr. 3 D‑Dur“ (BWV 1068) großzügig einsetzt. Alles jubelt darin und sprüht nur so vor Lebensfreude und Lebenslust in überschäumender Klang-Opulenz. Die Form der Orchestersuite nach französischem Vorbild war damals eine Modeerscheinung. Der französische Hof des “Sonnenkönigs“ Louis XIV. in Versailles galt damals, einschließlich pompöser Opernaufführungen, für alle Königs- und Fürstenhäuser Europas als erstrebenswertes Vorbild, nur konnten die sich solchen Luxus nicht leisten.

Anstelle der Opern, der „tragédies lyriques“ von J.-B. Lully mussten sie sich mit Instrumentalauszügen aus seinen Bühnenwerken, vornehmlich Folgen von Tanzsätzen, begnügen, denn der Tanz am französischen Hof spielte eine große Rolle. In dieser Art schrieben schließlich auch deutsche Komponisten, auch Bach, Folgen mit französischen Tanzsätzen, wie „Gavotte“, „Bourrée“, „Gigue“ oder auch „Air“ usw., denen eine, oft sehr ausführliche Ouvertüre vorangestellt wurde, weshalb diese Tanzfolgen als „Suite“ oder auch „Ouvertüre“ bezeichnet wurden und nicht zum Tanzen bestimmt waren, sondern nur zum Hören  – wer hätte auch nach einer „Air“ (Arie) tanzen können! Bach dürfte mit seinen Orchestersuiten den musikalischen „Prunk“ Lullys noch übertroffen haben, ohne schwülstig zu erscheinen.

Unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann musizierten Musikerinnen und Musiker der Dresdner Philharmonie, die durch ihre jahrzehntelange Mitwirkung des Orchesters bei den Konzerten des Dresdner Kreuzchores ein besonderes Verhältnis zur Musik Bachs haben, als relativ kleines Orchester, wie es zur Bach-Zeit üblich war, in zügigem Tempo frisch, flott und schwungvoll die „Ouvertürensuite“ als festliches Entree.

Nach so viel üppiger Lebensfreude wirkten die nachfolgenden drei kunstvoll arrangierten Chorsätze, kunstvoll, transparent und mit akribischer Genauigkeit und großer Hingabe von den 36 Damen und Herren des, 1985 von Rademann gegründeten und seither geleiteten Dresdner Kammerchores a capella gesungen, trotz schöner Stimmen sogar etwas düster, obwohl die eingeblendeten Texte eher ein „Glücklich-in-sich-ruhen“ verrieten.

Der beliebte Ohrwurm „Es muss ein Wunderbares sein“ von Franz Liszt strahlte in dem Arrangement für achtstimmigen Chor a capella von Oscar von Redwitz-Schölz (2004) mit einer sicheren, tragenden weiblichen Solostimme nicht den beliebten Schwung aus und das bekannte „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ von Gustav Mahler im Arrangement von Clytusv Gottwald für 16-stimmigen Chor a capella (1983) nicht den besonderen Reiz der Originalkomposition, an den man zuerst denkt, wenn man die Titel liest. Der dritte Chorsatz „Stars“, original von Ēriks Ešenvalds (*1977) auf einen englischen Text für gemischten Chor und mit Wasser gestimmte Gläser (2011), die vor, während und nach dem Gesang ein kontinuierlich surrendes, säuselndes, leise klapperndes Geräusch verursachten, verriet spätromantische Züge und sprach am ehesten an.

Darauf folgte die opulente weltliche Kantate „Preise dein Glücke, gesegnetes Sachsen“ (BWV 215) mit festlichem Bläserglanz, eine Huldigungskantate zur Wahl des Kurfürsten von Sachsen, Augusts III. zum König von Polen, die Bach 1734 anlässlich eines Aufenthaltes des Monarchen in Leipzig schrieb. Da dieser seinen Besuch in Leipzig sehr kurzfristig ankündigte und wenig Zeit zum Komponieren und Proben blieb, wird angenommen, dass Bach im sogenannten Parodieverfahren auf eigenes älteres Material zurückgegriffen hat, eine durchaus gängige Praxis. So findet sich die Sopran-Stimme der Arie „Durch die von Eifer entflammeten Waffen“ die allen sehr bekannt vorkam, mit veränderter Instrumentalbegleitung als Bass-Arie („Erleucht auch meine finstren Sinnen“) im „Weihnachtsoratorium“ wieder. Andere Komponisten verwendeten Kompositionsteile ihrer Kollegen, Bach nur seine eigenen.

Pauken und Trompeten verliehen auch dieser Kantate, die auf den (kriegerischen) Kampf um die polnische Königskrone (die dann durch Bestechung „erkauft“ wurde) unter anderem mit lautmalerischem „Geschützdonner“ der Pauke Bezug nimmt, ihren festlichen Charakter.

Elisabeth Breuer, Sopran, Daniel Johannsen, Tenor und Matthias Winckler, Bass, setzten als gestandene Bach-Interpreten,  ihre Erfahrungen und ihr Können für die Vertonung der in echt barocker Manier mitunter sehr drastischen Texte ein. Das Orchester musizierte sehr flüssig, kontinuierlich und klangschön und wartete mit schönen solistischen Passagen und Arienbegleitungen der 2 Flöten, Oboe, Cello und Trompeten auf, die anderen Bläser und die Streicher nicht zu vergessen. Nach dem Schlussgesang aller Beteiligten „Himmel lass dem Neid zu Trutz unter solchem Götterschutz sich die Wohlfahrt unsrer Zeiten in viel tausend Zweige breiten“, bildeten Chor und Orchester in homogener Einheit den triumphalen Schluss, der noch einmal als „da capo“ für das begeisterte Publikum wiederholt werden musste.

 

Ingrid Gerk

 

 

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