Dresden / Kreuzkirche, Frauenkirche, Kulturpalast, Semperoper: FAURÈ, DVORÀK UND BRAHMS IN DEN „DRESDNER GEDENKKONZERTEN“ – 10.2.- 14.2.2024
Ganz im Zeichen der europäischen, genauer der französischen, böhmischen und deutschen Romantik standen die diesjährigen Dresdner Gedenkkonzerte, die an die verheerende Bombennacht gegen Ende des II. Weltkrieges, am 13./14. Februar 1945 erinnern, als die Kunststadt mit ihren Schätzen und barocken Bauwerken von internationalem Rang in Schutt und Asche versank, mehr als 25 000 Menschen einen qualvollen Tod erlitten und viele Menschen körperliche und seelische Wunden und Verletzungen davontrugen, die bis jetzt noch nachwirken.
Als erster gedachte der Dresdner Kreuzchor im August 1945 unter seinem damaligen Kreuzkantor Rudolf Mauersberger mit dessen, wenige Wochen zuvor, am Karfreitag, noch unter dem unmittelbaren Eindruck der Ereignisse komponierten Trauermotette „Wie liegt die Stadt so wüst“ in der Ruine der ausgebrannten Kreuzkirche dieses schrecklichen Infernos und später alljährlich mit dem ebenfalls von Mauersberger komponierten „Dresdner Requiem“, dem stets diese Trauermotette vorangestellt wurde.
Rudolf Kempe führte 1951 mit der Sächsischen Staatskapelle (damals Dresdner Staatskapelle) die „Messa da Requiem“ von Giuseppe Verdi zum ersten Mal als Gedenkkonzert auf. Andere Orchester und Musikzentren wie die Dresdner Philharmonie und die Frauenkirche und einmal auch das Orchester der Staatsoperette, schlossen sich später dieser Tradition an. Jetzt finden jedes Jahr mehrere dieser Gedenkkonzerte statt. 1995 gab es Bestrebungen, diese Konzerte zu beenden, da 50 Jahre genug seien, aber da Künstler und Bevölkerung daran festhielten und auch jetzt noch festhalten, sind sie aus dem Dresdner Musikleben nicht mehr wegzudenken. Der Besucherstrom von überall her bewies auch in diesem Jahr, wie wichtig diese Konzerte nicht nur den Dresdnern sind.
In der Kreuzkirche, wo als Hauptwerk das „Requiem“ (op. 48) von Gabriel Fauré auf dem Programm stand (10.2., 17 Uhr), waren alle der über 3000 Sitzplätze besetzt, und in der Frauenkirche, wo das gleiche Werk am gleichen Tag (10.2., 19.30 Uhr) aufgeführt wurde, das gesamte Haupt- und Seitenschiff. Warum man sich allerdings gleich an zwei Veranstaltungsorten für das gleiche Requiem entschied, obwohl es doch so viele geeignete, aufführenswerte Werke für einen solchen Anlass gibt, ist schleierhaft. Vielleicht war es eine Reminiszenz an den 100. Todestag Faurés in diesem Jahr. Die „Begleit-“Programme der beiden Konzerte waren sehr unterschiedlich, so dass letztendlich jede Veranstaltung ihr Publikum.
Faurés „Requiem“ wurde 1888 in der Pariser Kirche La Madeleine mit einem Chor aus nur 20–25 Knaben- und 8–10 Männerstimmen sowie einer Instrumentalbesetzung aus Streichern, Harfe, Pauken und Orgel zum ersten Mal aufgeführt. Im Laufe der folgenden Jahre erstellte Fauré eine größer besetzte zweite Fassung, bei der unter anderem Bläser hinzukamen. Sie wurde 1900 zur Pariser Weltausstellung vor rund 5000 Zuhörern gespielt und später auch zu Faurés Beerdigung (1924). Die Aufführung in der Kreuzkirche mit dem Dresdner Kreuzchor und seinen Knaben- und (Jung-)Männerstimmen, jedoch mit wesentlich mehr als nur etwa 30, könnte an die Urfassung erinnern, und der gemischte Chor in der Frauenkirche an die spätere Fassung.
Fauré schrieb sein „Requiem für Sopran und Bariton, vier- bis sechsstimmigen Chor und Orchester“ (op. 48), sein einziges größeres Werk mit religiösem Text zwischen dem Tod seines Vaters (1885) und dem seiner Mutter (1887) inmitten der pulsierenden, lauten Metropole Paris Ende des 19. Jahrhunderts. Dennoch ist es ein stilles Werk ohne das expressive Höllen-Inferno des „Dies irae“, ein friedvolles Bild des Todes, elegisch und sanft, das in einer Vision von friedlicher Ewigkeit „In paradisum“ verklärend endet. Ähnlich dem „Deutschen Requiem“ von Johannes Brahms scheint ein „himmlisches“ Sopransolo die Stimme der verklärten Mutter zu assoziieren, flankiert von zwei Baritonsoli des auf Erden zurückgebliebenen Sohnes in seiner Auseinandersetzung mit Tod und Leben. Die spätromantischen, fließenden Klänge und die betörenden Gesangslinien vermitteln viel Trost und machen das „Requiem“ zu einem ergreifenden Chorwerk, das in seiner Wirkung auch die Konzertbesucher der Gegenwart ergreift.
Entsprechend dem Anlass betrat der DRESDNER KREUZCHOR den Altarplatz der Kreuzkirche, wo Mitglieder der Sächsischen Staatskapelle bereits Platz genommen hatten, in würdevoller Ernsthaftigkeit und höchster Disziplin. Unter der Leitung von Kreuzkantor Martin Lehmann, einem Musiker mit Leib und Seele, der in freundlichem Umgang mit den jungen Sängern auch bei jeder Aufführung noch auf alles bis ins letzte Detail achtet und damit eine perfekte, geistig durchdrungene, mitreißende Wiedergabe erreicht, begann der Chor mit der traditionsreichen, a‑capella gesungenen Trauermotette „Wie liegt die Stadt so wüst“ von Mauersberger, entsprechend dem Text leise, feierlich, sehr sensibel und getragen von ehrfurchtsvollem Ernst bis zum verzweifelten Aufschrei „Warum?“.
Das anschließende Glockengeläut nach Mauersbergers Willen hat eine besänftigende, tröstende Wirkung (auch wenn es einige Minuten zu früh einsetzte). Es überrascht immer wieder, wie genau der Jahrtausende alte Text der Bibel aus den Klageliedern Jeremiae diesem musikalisch verarbeiteten Geschehen entspricht.
Zwei kurze Stücke gegenwärtiger Komponisten komplettierten das Programm und schafften einen Bezug zur Gegenwart: das in seiner eindringlichen Gleichförmigkeit von nur den (Jung-)Männerstimmen mit leichter Instrumentalbegleitung von Streichern und Schlagwerk und durchdringenden Hammerschlägen vorgetragene und sehr leise, sehr langsam verklingende „De Profundes“ von Arvo Pärt und das melodisch, harmonische, ebenfalls sehr beeindruckend interpretierte „The fruit of Silence“ („Die Frucht der Stille“ ) von Péteris Vasks nach einem Text von Mutter Teresa.
`Dazwischen erklang ein kleines geistliches Werk von Fauré, „Cantique de Jean Racine“, romantisch klangvoll, ein eindrucksvolles Werk(chen), das in seiner Art musikalisch an Mendelssohn erinnert und wo mit wenigen Worten und Tönen viel gesagt wird, sehr ansprechend, ausgewogen und ausgeglichen gesungen.
Dann folgte Faures „Requiem“ mit faszinierender Klarheit der einzelnen Stimmgruppen und in harmonischem Zusammenwirken mit Orchester und Kreuzorganist Holger Gehring an der Orgel in einer Ausdrucksskala von sehr getragen bis ausdrucksstark. Andreas Scheibner verlieh der Baritonpartie mit seiner ausdrucksvollen Stimme, perfekten Gesangstechnik und seinem Gespür für den Oratoriengesang Nachdruck und Glaubhaftigkeit. Alina Wunderlins Gestaltung der Sopranpartie hinterließ tatsächlich den Eindruck einer sphärischen, fast transzendenten Vision.
In der FRAUENKIRCHE, dem symbolträchtigen Bauwerk von Dresden, das wie kein anderes Zerstörung und Wiederaufbau verkörpert, waren die Jenaer Philharmonie, die einmal im Jahr hier ein Konzert mitgestaltet, und der Kammerchor der Frauenkirche unter der Leitung von Frauenkirchenkantor Matthias Grünert die beiden Säulen des Fauré-Requiem, das nach der Aufführung der vom Orchester sehr kontrastreich musizierten „Sinfonie d‑Moll“ von Cesar Franck erklang, deren mitreißendes exotisches Thema das Werk durchzieht. Hier bemühte sich Thomas Laske mit Vibrato und Lautstärke um die richtige Diktion der Baritonpartie. Catalina Bertucci konnte mit ihrer klaren jugendlichen Sopranstimme, guter Diktion und feinen Abstufungen vom zarten Piano bis zu kräftigeren Phrasen durchaus den Kirchenraum füllen.
Das Orchester spielte werkgerecht und einfühlsam und fing den französischen Charakter der Musik ein. Bei dem stilsicheren Chor dominierten die klangvollen Frauenstimmen, was in diesem Fall kein Nachteil war, da sie der Aufführung Strahlkraft verliehen. Die zuverlässigen Männerstimmen sorgten für Schattierung und Untermalung des Klanges. In seiner etwas anderen Art hinterließ dieses Konzert ebenfalls einen nachwirkenden Eindruck.
Bei der DRESDNER PHIILHARMONIE im Konzertsaal des Kulturpalastes (13.2.) ließ es sich Martin Janowski, der sich am Ende der vergangenen Saison als Chefdirigent des Orchesters mit 84 Jahren verabschiedete, nicht nehmen, das Gedenkkonzert, das ihm immer sehr am Herzen lag – jetzt als Gast – zu übernehmen. Unter seiner Leitung entstand das „Stabat mater für Soli, Chor und Orchester“ von Antonín Dvořák, dieses besonders eindringliche Werk mit seinen Klängen voller Schmerz und Trauer, aber auch Trost und Hoffnung, ergreifend, ausgeglichen und in ausdrucksvoller Transparenz, die jede Feinheit der Komposition und Dvořáks persönlichen Schmerz durch Schicksalsschläge, die er während der Komposition durchleben musste, den Tod einer neugeborenen Tochter und ein Jahr später zweier weiterer Kinder, unmittelbar miterlebbar machte.
In eindringlicher Weise beleuchtete Janowski die verschiedenen Aspekte der 10 Sätze des „Stabat mater“ nach dem gleichnamigen mittelalterlichen Gedicht der um ihren Sohn Jesus trauernden Mutter Maria mit besonderer Intensität in ihrer Spezifik, Emotionalität und böhmischen Mentalität. Die Musiker der Philharmonie setzten seine Intentionen mit entsprechender Klangqualität um. Flöte(n), Oboe(n), Hörner Trompeten fügten sich mit ihren solistischen Beiträgen gut in den Gesamtklang ein, und auch die Pauke unterstrich im richtigen Maß den Orchesterklang und setzte die Akzente nicht vordergründig, aber wirkungsvoll.
Der exzellente MDR-Rundfunkchor, mit dem die Dresdner Philharmonie eine vieljährige Partnerschaft verbindet, bestach mit seiner Qualität in den abwechslungs- und kontrastreichen vokalen Besetzungen, allen Anforderungen aufs Beste gerecht werdend und mit hoher Klangqualität, insbesondere mit seiner Piano-Kultur und Differenzierung vom Feinsten, aber auch expressiven Ausbrüchen, wie in der visionären Szene des „Virgo virginum praeclara“ (Satz VII), bei der die Frauenstimmen des Chores die Solistin dezent, aber sehr eindrucksvoll begleiteten, oder den kraftvollen Männerstimmen im „Fac me vere tecum flere“ (Satz VIII) – Einstudierung: Philipp Ahmann.
Die Solisten Hanna-Elisabeth Müller, die mit der Strahlkraft ihrer Stimme und großen Spannungsbögen der Sopranpartie eindrucksvoll Gewicht zu verleihen vermochte, die Mezzosopranistin Roxana Constantinescu, der auf dem Gebiet des Oratoriengesanges erfahrene Christian Elsner mit klarer, ungewöhnlich hell timbrierter Tenorstimme und Tareq Nazmi, der die Basspartie kraftvoll-kernig gestaltete, bildeten das Solistenquartett für die vielfältigen Einsätze der Singstimmen, solo und in Kombinationen.
Der Tradition entsprechend, erhoben sich alle Ausführenden und Zuhörer unter dem Eindruck des Gehörten und Erlebten am Schluss still von ihren Plätzen und verharrten in Schweigeminuten.
Danach bot sich ein Gang zum benachbarten Neumarkt an, der auch Christian Thielemann seinerzeit nach seinem Amtsantritt in Dresden sehr beeindruckt hatte. Dort setzten Menschen unzählige rote und weiße Kerzen und Windlichter in dem vorgezeichneten Symbol einer großen Kerzen nieder, und die Glocken der Frauenkirche läuteten zur Zeit des damaligen Angriffs.
Die SÄCHSISCHE STAATSKAPELLE führte in ihrem 6. Symphoniekonzert als Gedenkkonzert „Ein Deutsches Requiem nach Worten der Heiligen Schrift für Sopran, Bariton, Chor und Orchester“ (op. 45) auf, das Johannes Brahms ursprünglich in eigener Auswahl der Bibeltexte für die Trauerfeier seines verstorbenen Freundes Robert Schumann begonnen und aus Anlass des Todes seiner Mutter wieder aufgenommen und vollendet hat.
Christian Thielemann lässt sich diese Gedenkkonzerte ebenfalls sehr angelegen sein und hatte auch das richtige Feeling für dieses Werk. Nach einigen Minuten der Sammlung für Solisten, Chor und Orchester – und Publikum begann der Sächsische Staatsopernchor Dresden (Einstudierung: André Kellinghaus) auf jedes Zeichen von Thielemann achtend, in feinem Pianissimo. Dann stimmte langsam das Orchester ein, sich steigernd bis zum wuchtigen „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras …“ und dem Höhepunkt „Aber des Herrn Wort …“ zustrebend. Thielemann hatte dem Werk und dem Anlass entsprechend, ein mäßiges Tempo gewählt, das nicht nur für Besinnlichkeit sorgte, sondern Gesangssolisten und Chor auch Zeit zur Entfaltung gab. Er verstand es, sehr gut zu differenzieren und den Gehalt des Werkes zu vermitteln. Die Sächsische Staatskapelle setzte all ihre technischen und klanglichen Tugenden und Fähigkeiten ein, um seine Intentionen umzusetzen.
Julia Kleiter verkörperte mit ihren stimmlichen und gestalterischen Fähigkeiten die überirdische Frauenstimme, die aus den Wolken erscheint, einige Zeit zu den Menschen spricht und wieder entschwindet. Zurück bleibt der Mensch auf Erden, dem Markus Eiche Stimme und starken Ausdruck verlieh, auch Stimmkraft, die er an den richtigen Stellen einsetzte. Mit ausgezeichneter Textverständlichkeit (die jetzt leider nicht mehr selbstverständlich ist, auch nicht beim Chor) brachte er die Partie den Zuhörern sehr nahe.
Vor dem trostreich abschließenden „Selig sind die Toten“ fügte Thielemann eine längere Zäsur ein, ein Innehalten und inneres Sammeln. Danach gelang auch hier durch seine geschickte Geste die traditionelle „Schweigeminute“ als gemeinsames längeres Verharren in Stillschweigen von Dirigent, Solisten, Chor, Orchester und Publikum.
In allen drei, in diesem Rahmen aufgeführten Hauptwerken verarbeiten die Komponisten unterschiedlich ihre persönliche Auseinandersetzung mit dem Tod durch den Verlust von nahen Angehörigen, was diese Musik besonders eindringlich erleben lässt. Im Gegensatz zum liturgischen Modell eines Requiems steht bei diesen drei Werken nicht die Bitte um Erlösung der Toten, sondern der lebende, zurückgelassene und trauernde Mensch im Fokus. Allen drei ist nicht nur Tod und Schrecken, sondern vor allem auch Trost und Zuversicht gemeinsam.
Ingrid Gerk

