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DRESDEN/ Kreuzkirche:  DIE NEU GEGRÜNDETE “CAPELLA SANCTAE CRUCIS“ MIT „HIMMLISCHEN“ KLÄNGEN

01.02.2021 | Konzert/Liederabende

Dresden / Kreuzkirche:  DIE NEU GEGRÜNDETE “CAPELLA SANCTAE CRUCIS MIT HIMMLISCHEN“ KLÄNGEN – 30.1.2021

Opern-Aufführungen und Live-Konzerte sind in Zeiten von Corona leider tabu – auch in Dresden, wo die Musik zum Leben gehört wie die Luft zum Atmen. Semperoper, Staatskapelle, Philharmonie und Kreuzchor müssen zwangsweise pausieren. Die Oper liegt im Dornröschenschlaf, während andere Opernhäuser wenigsten über Livestreams mit ihrem Publikum in Verbindung bleiben. Bei der Sächsischen  Staatskapelle und der Dresdner Philharmonie haben Musiker und Publikum gleichermaßen „Entzugserscheinungen“. Beide Seiten wünschen sich nichts sehnlicher, als sich bald wieder bei Konzerten live zu begegnen.

Ganz ohne Musik geht es in Dresden aber nicht. In einem Stadtteil hat sich spontan, angefangen von einem Hobbymusiker mit seinem Horn und seiner Tochter mit der Blockflöte vom Balkon aus nach und nach ein „Orchester“ gebildet, zu dem auch Profimusiker stießen, das nun von Balkon zu Balkon und Fenster zu Fenster, wenn es wieder wärmer wird, auch im Freien agiert. Not und guter Wille machen erfinderisch.

Dass gerade die Hochkultur trotz ihrer perfekten Hygienekonzepte gegenwärtig so ausgebremst wird, ist nicht ganz nachvollziehbar. Umso mehr freut man sich über auch nur ein kleines bisschen Live-Musik, wie es kürzlich in Dresdens Hauptkirche, der Kreuzkirche, zu erleben war.

Im Rahmen einer kirchlichen Vesper anlässlich Lichtmess (2. Februar) mit Ausbreitung des Friedenslichts von Bethlehem wurde aus Anlass des 650jährigen Bestehens der wöchentlich sonnabends stattfindenden Vespern ein neues Vokal- und Instrumentalensembles, die Capella Sanctae Crucis, in Fortsetzung der historischen Vergangenheit in neuem Gewand unter Leitung von Kreuzorganist Holger Gehring gegründet. Sein Name geht zurück auf eine, der damaligen Nikolaikirche, der Vorgängerkirche der jetzigen Kreuzkirche, angegliederte Kapelle, die der jetzigen Kreuzkirche ihren Namen gab und in der seit dem Mittelalter entsprechend einer am 1. März 1371 begründeten „ewigen Stiftung“ des damals regierenden markgräflichen Kurfürsten musikalisch hochwertig gestaltete Vespern zur Verehrung eines Splitters vom Kreuz Christi stattfanden.

Diese Vespern haben sich durch alle Jahrhunderte, Reformation und Kriegswirren, bis in unsere Gegenwart erhalten und sollen nun – neben dem Dresdner Kreuzchor – durch dieses Ensemble aus professionellen Sängern und Instrumentalisten, vornehmlich aus Dresden und Umgebung, die schon in den vergangenen Jahren in der Kreuzkirche mitgewirkt haben, erhalten und fortgeführt werden. Die Instrumentalisten musizieren auf historischen Instrumenten in historisch informierter Aufführungspraxis. Die Besetzung wird den jeweils aufzuführenden Kompositionen, vorrangig aus Mitteldeutschland, angepasst.  

In dieser Vesper waren zunächst „nur“ fünf versierte Spezialistinnen für Alte Musik (Anne Schumann und Elisabeth Starke, Barockviolinen, Caroline Kersten, Barockviola, Katrin Meingast, Barockcello und Ulla Hoffmann, Violone) unter Gehrings Leitung an der Truhenorgel mit Kompositionen aus Italien und Österreich zu erleben. Sie brachten das „Concerto grosso C‑Dur op. 3 Nr. 12 ‘Per il Santissimo Natale‘ “ von Francesco Manfredini (1684-1762), das „Concerto grosso g‑Moll op. 8 Nr. 6 ‘Concerto in forma di Pastorale per il antissimo Natale‘ “ von Giuseppe Torelli (1658-1709) und als besonderes Highlight, eine der unergründlichen „Mysteriensonaten“ von Heinrich Ignaz Franz von Biber (1644-1704), die „Mysteriensonte Nr. IV d‑Moll ‘Darstellung im Tempel‘ “ in perfekter historisch informierter Aufführungspraxis zu Gehör, bei der sich der wunderbare Klang der Barockinstrumente voll entfalten konnte, die Herzen der Zuhörenden höher schlagen und die besonderen Qualitäten der Musikerinnen erkennen ließ.

Diese Musikerinnen haben ein natürliches Verhältnis zur Barockmusik. Für sie ist die historisch orientierte Aufführungspraxis „kein leerer Wahn“ oder nur wissenschaftliche Theorie (wie es jetzt leider oft geschieht), sondern eine sinnvolle Erkenntnis und gute Grundlage für die praktische Wiedergabe der Werke vergangener Zeiten, die sie mit Gefühl und Leben erfüllen. Sie haben Theorie und Praxis als Einheit verinnerlicht und setzen sie mit ungebrochener Musizierfreude in eine sehr vitale, ansprechende Musizierweise um.

In Bibers geheimnisvoller „Myteriensonate für skordierte Violine und Basso continuo“, bei der die „Skordatur“, d. h. das “Umstimmen“ auf eine von der üblichen Stimmung abweichende Stimmung, vermutlich zu der besonders geheimnisvoll mystischen Wirkung beiträgt, bescherte Anne Schumann mit wunderbar klangschön, empfindsam und sensibel geführter solistischer Violine im „Adagio“ einen besonderen musikalischen Genuss, und Holger Gehring ergänzte das Programm an der großen Jehmlich-Orgel mit dem stilgerecht und eindrucksvoll gestalteten „Concerto del Sigr. Blamr“ des deutschen Komponisten Johann Gottfried Walther (1684-1748).

Diese bereits überaus klangschönen „Kostproben“, die die Berichte von Zeitgenossen des 17./18. Jahrhunderts, nach denen die Leute beim Anhören dieser Musik in Verzücken gerieten, nachvollziehen ließen, lassen erwartungsvoll auf kommende Begegnungen mit diesem Ensemble hoffen – ein echter Lichtblick in diesen traurigen, musikarmen Zeiten. Bleibt nur zu hoffen, dass es bald möglich sein wird, auch dieses Ensemble wieder live zu erleben, auch in seinen vielen (geplanten) Facetten.

 

Ingrid Gerk

 

 

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