Dresden/Hochschule für Musik: GEDENKKONZERT ANLÄSSLICH DES 10. TODESTAG DES ORGANISTEN, PIANISTEN UND HOCHSCHULLEHRERS AMADEUS WEBERSINKE – 16.12.2015
Er war eine Persönlichkeit, bei Studierenden und Publikum gleichermaßen verehrt und geliebt, der Organist, Pianist und Hochschullehrer Amadeus Webersinke (1920 – 2005). Seine Konzertreisen führten ihn durch Europa und bis nach Ägypten und Japan. Als Organist gehörte er neben Karl Richter zu den ersten Preisträgern des I. Internationen Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerbes in Leipzig (1950). Als Pianist war er Preisträger des Robert-Schumann-Wettbewerbes in Zwickau (1974), zu dessen Preisträgern u. a. auch Alfred Brendel und John Eliot Gardiner (in anderen Jahren) gehörten. Bis zum Schluss brachte er Orgel und Klavier in ganz besonderer Weise zum Klingen, denn er betrachtete einen Musiker als Mittler „zwischen den Welten der Stimme und des Geistes“.
Ab 1946 war er Dozent am Konservatorium in Leipzig. 1966 übernahm er eine Professur an der Hochschule für Musik in Dresden. Neben Orgel und Klavier widmete er sich auch dem Clavicord und der Kammermusik und engagierte sich für zeitgenössische Musik. „Die Kammerkonzerte mit ihm gehören für mich zu den bewegendsten Erlebnissen gemeinsamen Musizierens“ bekannte Olaf-Torsten Spies, einer der Mitwirkenden dieses Konzertes, das einige der ehemaligen Studierenden Webersinkes aus Anlass seines 10. Todestages an der Stätte seines ehemaligen Wirkens, deren Geschichte er wesentlich mit geprägt hat, gestalteten. „Alle Mitwirkenden dieses Abends verdanken Webersinke erfüllte und bewegende Konzerte und tragen sie als eine besondere Begegnung in ihren Herzen“ (d. O.).
Als anfänglich sehr strenger Hochschullehrer, dessen Wesen mehr und mehr milder wurde, lächelte bei diesem Konzert sein Schwarz-weiß-Konterfei wohlwollend weise von einer Großleinwand. Dazu erklang eine seiner Toneinspielungen mit einem Auszug aus den „Goldeberg-Variationen“ von J. S. Bach. Selbst bei dieser „Tonkonserve“ verfehlte seine fein differenzierte Anschlagskultur und vor allem seine geistige Ausdrucksweise ihre Faszination nicht. Seine Maxime waren künstlerische Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit.
Anstelle der danach vorgesehenen zwei Live-„Gesänge“ von Johannes Brahms, die wegen Krankheit der Altistin Britta Schwarz ausfallen mussten, wurden die ersten beiden Sätze des „Lerchenquartetts“ („Streichquartett op. 64 Nr. 5“) von Joseph Haydn gespielt, die sich Webersinke einst für seine Trauerfeier gewünscht hatte. In diesem besonderen Streichquartett spielten renommierte Musiker mit viel Gefühl und Hingabe und „singendem“ Ton: Matthias Wollong, 1. Konzertmeister der Sächsischen Staatskapelle Dresden (1. Violine), Olaf-Torsten Spies, ebenfalls Staatskapelle Dresden und Alumnus der Hochschule (2. Violine), Urs Stiehler, langjähriger Konzertmeister der Münchner Philharmoniker (Viola) und Martin Jungnickel, Stellvertretender Solocellist der Staatskapelle Dresden und Alumnus der Hochschule (Cello).
Einer der Klavierschüler Webersinkes, der gegenwärtig in London lebende, international wirkende, Pianist Andreas Boyde, steuerte Ludwig van Beethovens „Klaviersonate Nr. 14 cis-Moll“ op. 27 Nr. 2, die „Mondscheinsonate“ bei. Er begann mit gut klingendem Anschlag und steigerte sich mit bewundernswerter Technik und Treffsicherheit bis zu harten, mechanisch hämmernden, Akkorden, vor allem am Schluss der Sonate. In großen Sälen mag das international Eindruck machen, in diesem mittleren Saal mit guter Akustik war es schließlich „zu viel des Guten“, noch unterstrichen durch reichlich Pedal.
Viel Kraft und viel Lautstärke führten hier zu entsprechenden Härten, leider zu Ungunsten des Klanges und noch mehr des geistigen Inhaltes, der bei Beethoven wichtiger ist als alle Virtuosität. Offenbar wollte Boyde damit, dem „Zug der Zeit“ folgend, starke Effekte setzen. Webersinke ging es um „die Übertragung des Geistes über die Finger auf die Tasten“, Boyde offensichtlich vor allem um die virtuose Seite. Er schien gegen Ende der Sonate distanziert vom eigentlichen Inhalt der Musik. Es war nur noch reine Technik. Musik sollte aber nicht zum Sport werden, bei dem es um „Rekorde, Rekorde!“ geht, Rekorde an Schnelligkeit und Lautstärke.
Ein Pianist mit ganz anderen Idealen gesellte sich für die Wiedergabe des „Klavierquintettes f-Moll“ op. 34 von Johannes Brahms zu den vier Herren, die die beiden Sätze aus dem „Lerchenquartett“ mit viel musikalischem Einfühlungsvermögen wiedergegeben hatten. Winfried Apel, einst ebenfalls Schüler von Webersinke, Bachpreisträger und Hochschullehrer in Dresden und international angesehener Pianist, verfügt über einen besonders sensiblen Anschlag mit einer reichen Palette an Klangfarben. Er beherrscht die Kunst, auch die leisen Töne noch wunderbar hörbar zu machen und sich in kongenialem Zusammenspiel mit den Streichern als gleichberechtigter Partner in das Quintett zu integrieren.
Es wurde mit viel Temperament musiziert, ohne zu übertreiben. Jeder der fünf Musiker ordnete sich mit seinem Part in entsprechender Weise in das Quintett ein und ganz dem Werk unter, um die Musik „sprechen zu lassen“. Sie folgten dem Duktus der Musik und brachten „den Inhalt zum Klingen“. Ganz im Sinne Webersinkes hatten sie das „innere Wesen“ der Musik erfasst, verinnerlicht und mit dem richtigen Gespür in sehr gutem Zusammenspiel wiedergegeben, trotz allen Temperamentes auch mit „himmlisch schönen“, sensiblen Passagen.
Ingrid Gerk