„Himmelhöchstes Weltentrücken!“ – Tristan und Isolde an der Semperoper Dresden, Dernière am 03.02.2024
„Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb, sie konnten beisammen nicht kommen, das Wasser war viel zu tief“ – so beginnt die Ballade von den zwei Königskindern Hero und Leander. Leander besucht Hero nur heimlich und durchschwimmt dafür jede Nacht den Hellespont und ertrinkt eines Nachts, als ein Sturm (oder in manchen Varianten der Sage eine böse Nonne) das in einem Turm entzündete Signal Heros löscht. Als sein Leichnam am nächsten Morgen am Strand durch Hero entdeckt wird, springt diese ihrem Geliebten in den Tod hinterher. Der Stoff wird zunächst im ersten Jahrhundert vor Christus dokumentiert, meist mündlich tradiert und erlebt dann in der Neuzeit eine literarische Renaissance. Zunächst durch Christopher Marlowe, Friedrich von Schiller schreibt eine Ballade und Achim von Arnim dichtet in „Des Knaben Wunderhorn“ seinen eigenen Text unter dem Titel „Der verlorne Schwimmer“ – die Geschichte wird zu einem häufig thematisiertem Sujet der Romantik und ist bis heute bekannt.
Auch die Geschichte von Tristan und Isolde birgt in der von Richard Wagner bearbeiteten Variante zahlreiche Elemente die bei den zwei Königskindern auftauchen: Beide sind königlichen Geblüts, beide lieben aneinander, beide können (oder dürfen) nicht zueinander finden, Isolde signalisiert Tristan mit dem Löschen der Fackel, daß er zu ihr kommen kann, beide finden am Ende den Tod. Wenngleich Wagner sich auf die Sage keltisch-germanischen Ursprungs, insbesondere den Versroman Gottfried von Straßburgs berief, ist einerseits klar, daß er als Teil der Romantik selbstverständlich auch die Sage von den zwei Königskindern kannte. Hierdurch ergeben sich nun logischerweise auch verschiedene Interpretationsvarianten des Tristan und es überrascht nicht, daß Christian Thielemann, der nunmehr seinen letzten Wagner als GMD der Semperoper Dresden dirigierte, einmal mehr in der Lage ist hier nicht nur zu überraschen, sondern erneut eine ungewohnte und umso überzeugendere Deutung des Werks zu bieten.
Denn entgegen häufig verbreiterter Interpretationen erwartet uns an diesem Abend keinesfalls ein musikalisches „Stahlgewitter“ welches den Tristan als zerstörerisches Klangmonstrum definiert und so nicht nur den Musikern, sondern auch dem Zuhörer größte Anstrengung abverlangt, ja harte Hör-Arbeit einfordert um schließlich durch Isoldes Verklärung erlöst zu werden und einen kurzen Moment musikalischen Glücks erhaschen zu dürfen. Nein, Herr Thielemann weiß um die Gefahren eines solchen Ansatzes, um des gefährlichen Suchtpotentials der Musik des Tristans vor der schon Wagner selbst in einem Brief an Mathilde Wesendonck, seiner persönlichen Isolde, warnte: „Kind, dieser Tristan wird was Furchtbares! Dieser letzte Akt! Ich fürchte, die Oper wird verboten, nur mittelmäßige Aufführungen können mich retten! Vollständig gute müssen die Leute verrückt machen.“ So warnt Herr Thielemann auch uns bereits in der Ouvertüre vor dem Werk und der Geschichte: Es sind süßliche, magisch-sphärische Klänge die uns jedoch nicht rauschhaft umnachten, sondern wie die funkelnden Sterne einer klaren, doch eisig kalten Nacht hin zum Tristan Akkord locken. Sie wollen uns sanft verführen, hinein in den Sog von Wagners Musik ziehen, uns schon jetzt schwellend umrauschen, in den „wogenden Schwall, in dem tönenden Schall, in des Welt-Atems“.
Doch der Kapellmeister dämpft den Tristan Akkord, ja bremst ihn nahezu ab, warnt uns, gleich einer Andeutung, einer leisen Ahnung vor dem was Tristan und Isolde erwartet und nun auf uns zukommt. Herr Thielemann erzeugt eine filigran-zarte, emotionale Fabel, eine romantische Liebesgeschichte die herzergreifend an unsere feinfühligsten Wesenszüge und Gefühle appelliert. Eine Ballade der Hochromantik, kein deutschtümelndes Monumentalwerk, ein Appell an die Liebe und ihre unausweichliche Wahrhaftigkeit. Und doch steigert sich die Ouvertüre weiter und weiter in eben genau diese gefährliche Dynamik, diesen Taumel der kein Ende kennt. Es ist eine Liebe ohne Grenzen, eine Emotionalität voll Suchtpotenzial die nicht von dieser Welt ist und deshalb keine Grenzen und somit auch kein Erbarmen kennt. Immer weiter steigern sich die Klänge der Sächsischen Staatskapelle hinauf in schwindelnde Höhen hinauf zu einem fast unerreichbaren, klanglich nahezu unerträglichen Gipfel, nur um uns dann in die tiefsten Abgründe zu reißen, in denen unbändig, peitschend die verzehrende Sehnsucht Tristans nach Isolde wartet, uns mitreißt und verschlingt. Tatsächlich ist bereits die Ouvertüre allein ein Ereignis und Christian Thielemann erzeugt nicht nur ein ganz neues Klangwerk, in dem er nie gekannte, höchst filigrane Klänge aus der Partitur zu Tage fördert. Auch die Sächsische Staatskapelle beweist, weshalb Richard Wagner sie als seine „Wunderharfe“ bezeichnete – Was für ein Auftakt für einen Tristan!
In den folgenden Akten dürfen wir dann einen Opernabend erleben, der von so außerordentlicher Qualität ist, daß man ihn mit Fug und Recht als herausragend titulieren darf. Denn bereits die kleineren Rollen sind mehr als hochkarätig besetzt, Attilio Glaser verbreitet als Stimme des jungen Seemanns einen unheilsvollen Unterton der ganz bewusst darauf hindeutet, dass hier einiges im argen ist und Tristan mitnichten nur im Auftrag seines Herrn gehandelt hat, sondern auch selbst emotional auf das Tiefste involviert ist: „Wehe, wehe, du Wind! Weh, ach wehe, mein Kind!“
Voll frische und Kraft verhöhnt Kurwenal Isolde nahezu, Martin Gantners Stimme zeugt von siegesbewusstem Stolz, voll von Vorfreude auf die triumphale Ankunft in Kornwall. Er weist Isolde in Ihre Schranken, denn „Wer Kornwalls Kron‘ und Englands Erb‘ an Irlands Maid vermacht, der kann der Magd nicht eigen sein, die selbst dem Ohm er schenkt“. Ohne Überheblichkeit macht Kurwenal hier klar, wessen Diener er ist und dass er jederzeit an der Seite seines Herrn Tristan stehen und im Zweifelsfall auch mit ihm in den Tod gehen wird. Herrn Gantners Stimme ist dabei entschlossen und ausdrucksstark, fest im Sattel, jederzeit ruhig und bestimmt klingend. Klar und verständlich akklamiert er jedes Wort, der Text sitzt einwandfrei und er hat sich den Charakter Kurwenals spielerisch zu eigen gemacht. Dabei ist es ein Genuss seiner wohligen Stimme zu lauschen, ein Bilderbuchbariton und mit besonnener Milde im Klang macht er klar, daß eigentlich Kurwenal der „treuste aller Treuen“ ist und nicht Tristan.
Eine mitnichten einfache Leistung denn Camilla Nylund ist vom ersten Ton an voller Leidenschaft und Energie. Emotional ist ihre Isolde und doch gefasst, bei Frau Nylund sitzt jeder Ton und sie dominiert den ersten Akt vollkommen. Eine tiefe Wut sitzt in ihrer Isolde, Wut über die List, Wut über sich selbst und nun als Gefangene nach Kornwall gebracht zu werden. Ist dies der Dank für die Heilung Tristans? In dieses Dunkel muss Licht hinein, „öffne, öffne“ fordert sie Brangäne auf, welche die großen, grauen Wände des Hintergrunds aufstößt, hinter denen sich der Bug des Schiffes offenbart und an der Spitze sehen wir Tristan breitbeinig in der triumphierenden Pose des Siegers stehen und auf Isolde herabschauen. Wir spüren die Schmach Isoldes, hören sie in jedem Ton, der sich weiter in ein Inferno der Wut steigert. Doch es ist eine kontrollierte, berechnende Wut, Isolde beherrscht ihre Gefühlswelt genau wie Frau Nylund diese Partie bis ins kleinste Detail. „Das rächende Schwert, statt es zu schwingen, machtlos ließ ich’s fallen! Nun dien‘ ich dem Vasallen!“ offenbart eine hochsensible Gefühlswelt Isoldes, die Verletzbarkeit, die sie in gutem Glauben an Tantris zuließ und schamlos missbraucht wurde. Nie wird sie es Tristan verzeihen, dass er unter falschem Namen ihre Hilfe und ihre Liebe errang und sie dann als Genesener unterwerfen konnte. Frau Nylund zieht uns mit präzisen Tönen voll von Leidenschaft in den Abgrund Isoldes ungezügelter Wut: „Wie siegprangend heil und hehr, laut und hell wies er auf mich“ ist das gnadenlose Versprechen Isoldes Rache zu nehmen. „Fluch Dir, Verruchter! Fluch Deinem Haupt! Rache! Tod! Tod uns beiden“! Voller Feuer und Emotion, rasend und unaufhaltsam in Rage steigert sich Isoldes Verlangen nach Rache, denn ihre Liebe scheint unerreichbar und wandelt sich in endlose Wut. Frau Nylund legt lange Tonbrücken, voll von Eleganz und Dynamik, ihre Kraft scheint unendlich zu sein, doch wirkt sie nie angestrengt, vielmehr entschlossen, energisch und in höchstem Maße sich selbst und ihrer Stimme bewusst. Sie entführt uns in die tiefe Dunkelheit der seelischen Abgründe Isoldes, lässt uns schlicht keine Wahl ihr zu folgen und fordert ihren Tribut ein: „Tristan trink mit mir Sühne“ – Ihre Liebe zu Tristan ist erbarmungs- und kompromisslos und wenn diese Liebe nicht erlaubt, ja nicht möglich ist, so soll Ihre Rache ebenso erbarmungs- und kompromisslos sein.
„Der Tod nun sag ihr Dank!“ wird durch seine Zartheit zu einem angsteinflößenden Ausspruch, der von eben jener kategorischen Kompromisslosigkeit zeugt, verstärkend noch durch ihm folgende Sekunden der Stille, die wie Stunden, ja Tage wirken. Maestro Thielemann kostet diese Stille regelrecht aus, lässt die Worte Frau Nylunds wirken und die Tragweite ihrer Worte ebenso bewusst werden, wie den edlen Klang ihrer Stimme. Wie Fanfaren des Triumphs kündigt das Blech den nun unvermeidbar scheinenden Tod durch den Gifttrank an, strahlend verkünden sie vom scheinbar nahenden Sieg Isoldes über die erlittene Schmach. Und immer wieder gefolgt von Stille türmen sie sich zu unbändiger Spannung auf. Im Wechselspiel mit Tristan stoßen nun die Gefühle beider aufeinander, doch Tristan verwehrt sich dieser und weist Isoldes Wunsch sich zu ihr zu gesellen von sich, verweist auf seinen Schwur, den Isolde jedoch nun selbst verhöhnt „Doch was er schwur, das schwur ich nicht, zu Schweigen hatt‘ ich gelernt!“ – wieder gefolgt von unerträglicher Stille. Schließlich, ja endlich trinken beide und wir könnten die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören doch werden wir wieder von dunkelster Stille umhüllt. In monumentalem Ausmaß wird die formprägende Bedeutung dieser Stille klar, die Wagner selbst hier setze und in fast schon sadistischem Ausmaß von Maestro Thielemann ausgekostet werden. Doch nicht mit brachialer Gewalt, sondern feinster und in größter Sorgfalt erarbeiteter Hochpräzision. Tristan und Isolde werden durch einen nebelartigen Vorhang verhüllt, wie ein Schleier legt er sich um die beiden Trinkenden, der Tristan-Akkord ertönt, die vorhin noch bedrohlich wirkende Klangkulisse wird mit einem Mal zu einem sphärisch-funkelndem, hörbarem Glück und wir hören wie mit jedem Tropfen des Tranks der die Körper der Liebenden erfüllt ihre Liebe weiter und weiter erblüht. Mit einem Mal weicht die dunkle Nacht, diese Vorahnung des Todes der Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft in Liebe, der ganze Saal versinkt in einem einzigen Rausch der Musik, wird zu einer nicht enden wollenden Feier der Liebe bei der „alle Sinne wonnig erbeben“ und wir erleben am ganzen Körper „höchste Liebeslust“!
Auch Klaus Florian Vogts helle Stimme verliert sich nun vollends im Liebestaumel. Bis zur Einnahme des Tranks wirkt er edel, gefasst, nobel und stark. Mit seinem typischen, strahlend hellem Klang ist sein Tristan bis hierhin fast ein Parsifal, ganz rein und her der Liebe zu Isolde entsagend, den Dienst an König Marke in den Vordergrund stellend: „Des Schweigens Herrin heißt mich schweigen: fass‘ ich, was sie verschwieg, verschweig‘ ich, was sie nicht fasst“. Auch Herr Vogt ist vollkommen klar und sauber, gefasst und deutlich, ohne den filigran-funkelnden Klang seiner Stimme zu verlieren. So macht Herr Vogt auch Tristan zum reinen Thoren, der sich keiner Schuld bewusst ist und dann doch schuldig macht, indem er Marke verrät. Doch schließlich gibt er im Ringen seiner Gefühle nach und verliert sich im Verlangen. „Tristans Ehre — höchste Treu‘! Tristans Elend — kühnster Trotz! Trug des Herzens! Traum der Ahnung!“ wird eine zustimmende Akklamation zu Isoldes Wunsch nach Rache, ein Fallenlassen, ein Entsagen. Tristan streift alle Schwüre ab, entsagt der Sitte, jeder Konvention, jedem Versprechen – und trinkt! Endlich, endlich kann er seine „seligste Frau“ in Armen halten und sich hingeben.
Als habe die Erlösung beider schon stattgefunden führen Frau Nylund und Herr Vogt auch im zweiten Akt bei ihrem Wiederaufeinandertreffen voller Kraft und Energie diesen grenzenlosen Taumel weiter. Getrieben von unendlicher Liebe, verzehren sich Tristan und Isolde nacheinander, „Isolde! Geliebte! – Tristan! Geliebter!“. Im völligen, nicht enden wollenden Rausch erleben wir „himmelhöchstes Weltentrücken“. Doch nicht in musikalischer Schwere, vielmehr wie eine Nocturne von Chopin wird der zweite Akt zu einem Paradestück der musikalischen Romantik. Frau Nylund und Herr Vogt bilden dabei zwei Stimmen die zu einer musikalischen Einheit werden und „O sink hernieder Nacht der Liebe“ wird zu einer musikalischen Offenbarung die voll von Zärtlichkeit ist. Filigran, innig und auf das tiefste berührend schweben wir regelrecht auf einer Woge des Gefühls: „Selbst dann bin ich die Welt, wonne-hehrstes Weben, liebe-heiligstes Leben, nie-wieder-Erwachens, wahnlos hold bewusster Wunsch“.
Umhüllt wird ihre Zweisamkeit von den Rufen Brangänes, die sich im dunkel schimmernden Timbre Tanja Ariane Baumgartners wie ein Kokon aus Seide Tristan und Isolde zärtlich um die Liebenden legt. Mit ihrer Stimme behütet sie beide regelrecht und schafft einen geschützten Raum, der jenseits der realen Welt zu liegen scheint. Frau Baumgartner klingt dabei leicht, fast schon schwebend und doch dringt die Intensität ihres Gesangs tief in unsere Seelen. Denn trotz des Momentes, der den Liebenden alleine gehört, ist die damit verbunden Mahnung allgegenwärtig. Ihre Zeit ist begrenzt, nicht nur in diesem Beisammensein: „hab der Einen Ruf in acht, die den Schläfern Schlimmes ahnt, bange zum Erwachen mahnt“. Frau Baumgartner scheint die Liebe Tristan und Isoldes für uns hörbar, ja begreifbar zu machen, unbeschwerte Schönheit umrahmt ihre Zweisamkeit und doch gesellt sich immer wieder diese drohende Ahnung hinzu, die uns die Unausweichlichkeit von Tristan und Isoldes Ende drastisch bewusst macht. Doch Tristan und Isolde sind der realen Welt vollends entrückt, im Sterbe-Duett steigert sich der Taumel ihrer Liebe noch weiter und höher, gleicht einem unbeschreiblichen Wahn, der mit den Worten „höchste Liebeslust“ regelrecht orgastische Ausmaße erreicht – und mit dem Erschein den der Jagdgesellschaft mit einem mal unterbrochen und für immer zerstört wird. Der Schelier fällt:„Rette Dich Tristan!“
Mit dem Auftritt Georg Zeppenfelds tritt mit einem Mal die Realität wieder auf, bringt uns schmerzhaft zurück auf den Boden der Tatsachen: „Tatest Du’s wirklich?!“ Herr Zeppenfeld ist dabei glasklar sauber, deutlich, geerdet und eindringlich. Ins Mark getroffen und zutiefst verletzt, ja erschüttert ist dieser Mann. Mit großer stimmlicher Resonanz und weitfassender Tiefe, strotzend kraftvoll, übertönt er das Orchester stellenweise. „Warum mir diese Schmach?“ Fassungslos ist dieser Marke als Tristan ihm auch noch „das kannst Du nie erfahren“ ins Gesicht schleudert. Und doch verliert Herr Zeppenfeld niemals diese majestätische und raumfüllende Aura die seine stimme auch heute Abend wieder auszeichnet.
Flohen Tristan und Isolde in ihrem Liebestaumel vor der Realität, so kehrt mit ihr auch die Dunkelheit zurück und jagt Tristan nun regelrecht, der fiebernd und hechelnd vor Angst ein dahinvegetierendes Wrack ist. Gegensätzlicher als der strahlende Held im Auftrag Markes könnte er nicht sein. Die Abgründe der Liebe zu Isolde waren so verzehrend, dass er regelrecht kauernd auf der gigantischen Stiege liegt, auf welcher er seine Bettstatt hat. Der Rausch entpuppt sich als Sucht, als eine Droge ohne deren Befriedigung Tristan nicht mehr leben kann. In manischen Anfällen phantasiert er von Isolde, am ganzen Körper zitternd „Kurwenal, siehst Du es nicht?!“. Die „glühende Qual“ die Tristan regelrecht auffrisst erleben wir mit, bis ins Mark dringt Herrn Vogts Stimme, er übertönt das Orchester stellenweise „Der Trank! Der Trank!“. Zurück kehren auch wieder die langen Pausen, Stille ist an diesem Abend das mächtigste Mittel Herrn Thielemanns und nun potenziert es die Qualen Tristans. Gefolgt von der seelischen Zerrissenheit, mit der uns die Musik nun wahrhaft auspeitscht und dann wieder in Stille leiden lässt. An die Grenze des Erträglichen treibt uns dieses Spiel. Zu Recht, nur Isolde kann Tristan erlösen, sein Leiden lindern, seine Sucht befriedigen. Und endlich, das Schiff Isoldes erscheint am Horizont, als triumphaler Siegesruf gellt Tristans ruf durch den Saal „Hei ha ha ha ha! Vorbei! Vorbei!“ und wieder steigert sich Klaus Florian Vogt in völlige Extase, kann Isoldes Eintreffen nicht abwarten „zu ihr, zu ihr!“ und bricht zusammen, als letztes den Namen Isoldes auf den Lippen.
Isolde kommt zu spät, doch Tristan ist von seinem Leid erlöst, die Sucht hat sein Leben eingefordert. Sich dessen bewusst opfert sich auch Kurwenal, er der wirklich treueste aller Treuen: Tristan! Trauter! Schilt mich nicht, dass der Treue auch mitkommt!“. Wir sind tief bewegt von der Darstellung Herrn Gantners. Und schließlich findet auch Isolde ihren Frieden, ist selber gleichzeitig Heilmittel als auch Gift. Frau Nylund klingt wie von Sternen umstrahlt und zart, Isolde folgt Tristan und verlässt diese Welt.
Was wir an diesem Abend erleben, ist außerordentlich. Ein Abend voller Hingabe an die Musik Wagners, ein Abend an dem alle Musiker ihre gesamte emotionale Welt nach außen stülpen, höchst verletzbar sind und sich in das Leiden Tristan und Isoldes eingelassen haben. Dabei ist der Abend vollkommen liebevoll und zart gestaltet, wie der intimste Moment den zwei Liebende miteinander haben können. Tristan und Isolde ist heute eine der bewegendsten und einfühlsamsten Liebesgeschichten der Operngeschichte. Kein donnernd-wütend-tobendes Drama, sondern eine zart-lieblich, sehnend und flehende, hochromantische Ballade. Ganz und gar mild und leise!
E.A.L

