Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

DRESDEN/Frauenkirche:TOURNEE-ERÖFFNUNGSKONZERT DES ORCHESTRE DE CHAMBRE DE LAUSANNE

23.11.2019 | Konzert/Liederabende

Dresden/Frauenkirche:TOURNEE-ERÖFFNUNGSKONZERT DES ORCHESTRE DE CHAMBRE DE LAUSANNE– 22.11.2019

Seine neue viertägige Tournee nach Köln, Stuttgart und Innsbruck eröffnete das Orchestre de Chambre de Lausanneunter der Leitung von Joshua Weilerstein in der Dresdner Frauenkirche im Rahmen der Reihe „Kontraste“. Auf dem Programm standen zwar Orchesterwerke, die für die Aufführung im Konzertsaal gedacht sind, aber dass Orchesterwerke jetzt auch in einer Kirche zu erleben sind, ist schon lange kein Affront mehr, höchstens gelegentlich akustisch ein Problem. Das Schweizer Kammerorchester war zwar – akustisch günstig – vor der Chorschranke positioniert, aber man musste sich doch erst mehr oder weniger an den etwas anderen Klang gewöhnen.

Zunächst gab es diesbezüglich da kaum Probleme, als nur eine kleinere Streicherbesetzung“Within Her Arms“ von Anna Clyne (geb. 1980) spielte, einer britischen Komponistin, deren akustische und elektroakustische Musik weltweit gefragt ist. Hier lag jedoch eine sehr persönliche, eher tonale Komposition vor, eine klingende Erinnerung an die Kindheit, gewidmet ihrer Mutter und vermutlich auch ihrem Tod, ein fragiles Stück mit melodischen Linien und fast romantischen Klängen, zart und liebevoll, Musik zum Träumen und Erinnern, in Liebe und Schmerz, aber auch Erwachen und sehr verhalten ausklingend. Ihre Musik „kommt aus dem Herzen. Sie widersetzt sich Klassifizierungen und überwindet Begrenzungen aller Art …“äußerte sich Ricardo Muti über diese Komponistin, die schon in jungen Jahren, als sie mit dem Klavierspiel anfing, auch zu komponieren begann.

Bei Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzert Nr. 24 c‑Moll (KV 491) gab es ebenfalls kaum akustische Probleme. Der französische Pianist Lucas Debargue, geb. 1953, hat ein natürliches Gespür für Musik, Klang und Raum. Er eignete sich zunächst einen Großteil seines Klavierrepertoires autodidaktisch an, bevor er – erst mit zwanzig Jahren – eine professionelle Klavierausbildung begann. Seine Auseinandersetzung mit Mozarts Klavierkonzert verriet ein völlig unvoreingenommenes Erforschen des Werkes bis in die gedanklichen Tiefen. Entgegen mancher sorglos leichtfertigen Ansicht über Mozarts Kompositionsweise nahm er dessen Musik sehr ernst und brachte das oft gehörte Werk fern aller gewohnten Routine mit besonders klangvollem Anschlag und einer breiten Palette vom feinstenPiano bis zum ausdrucksstarken Forte in seiner mitreißenden Art zu Gehör.

Er lebt in der Musik. Bei ihm ist immer alles sehr ehrlich empfunden, und so hatte er sich auch dieses Klavierkonzert unprätentiös, aber sehr intensiv angeeignet und erschloss es so dem Publikum. Er „kostete“ Mozarts Musik in allen Details aus, betonte auch die geheimnisvoll-dämonischen Züge und brillierte mit fabelhaft gespielten Kadenzen. Seine individuelle Gestaltung erweckte Aufmerksamkeit. Durch ihn war dieses oft gehörte Konzert wieder neu zu entdecken und auch angetan, junge Leute zu begeistern. Weilerstein begleitete mit dem Orchester sehr akzentuiert, nahm hin und wieder auch zurück und beendete das Klavierkonzert mit lautem Schluss, wovon das Publikum immer begeistert ist.

Als Zugabe wählte Debargue „Prelude & Fugue Es-Dur“ des französischen Komponisten, Lehrers und Pianisten Stéphane Delplace (geb. 1953), eine Komposition zwischen modern und polyphon, und spielte es mit reichlich Pedal, wodurch auch ein leicht romantischer „Touch“entstand.

Die Aufführung von Werken der Romantik mit großem Orchester in einer Kirche ist schon wegen der Akustik ein gewagtes Unterfangen, was sich auch bei der „Sinfonie Nr. 2 C‑Dur“ (op. 61) von Robert Schumanns, die doch besser in einen Konzertsaal passt, bemerkbar machte. Der 1. Satz wurde mit Vehemenz gespielt, der 2. Satz stark akzentuiert und sehr lebhaft und der 3. Satz ausdrucksstark und im gemäßigten Tempo, um auch die Details auszumusizieren – eine Interpretation, wie sie junge Leute sehr mögen. Im 4. Satz verschwammen dann leider die Konturen infolge des Nachhalls der Kirche. Da die anderen Konzerte der Tournee in Konzertsälen stattfinden, dürfte es diese Probleme nicht geben.

Ungeachtet dessen war das Publikum sehr angetan, so dass sich Weilerstein und die Streicher des Kammerorchesters für eine mitgebrachte Zugabe entschlossen, bei der es keine akustischen Probleme gab: Die zweite „Miniatur“ aus „Drei Miniaturen“ des aserbaidschanischen Komponisten Kara Karayew (Gara Garayev), melodisch-tänzerisch, elegisch und volksliedhaft, stark rhythmisch und mit dem Temperament der Aserbaidschaner.

Fazit: Konzerte in kleinerer Besetzung, einschließlich Solokonzerte und Rezitals von der Renaissance bis zur Klassik passen hinsichtlich Akustik sehr gut in eine Barockkirche, auch in die Dresdner Frauenkirche, große Orchesterwerke der Romantik jedoch leider nicht.

Ingrid Gerk

 

 

Diese Seite drucken