Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

DRESDEN / Frauenkirche: “TRADITIONSKONZERT“ DES LEIPZIGER THOMANERCHORES

05.11.2016 | Konzert/Liederabende

Dresden/Frauenkirche: “TRADITIONSKONZERT“ DES LEIPZIGER THOMANERCHORES5. 11. 2016

Es gehört nun schon zur Tradition der wiedererstandenen Dresdner Frauenkirche, dass der Leipziger Thomanerchor einmal im Jahr hier ein Konzert gibt. In diesem Jahr gratuliert der Chor, der selbst auf acht Jahrhunderte seines kontinuierlichen Bestehens zurückblicken kann, gleichzeitig damit dem Dresdner Kreuzchor zu seinem Jubiläum des ebenfalls 800jährigen Bestehens.

Unter der Leitung des 17. Thomaskantors nach J. S. Bach, Thomaskantor Gotthold Schwarz, hat der Chor seit dem Amtswechsel eine sichtbare, vor allem aber hörbare Qualitätssteigerung erfahren. Schwarz ist bestens vertraut mit der mitteldeutschen Kirchenmusik, deren intensive, vor allem in geistige Tiefen vordringende Interpretation, ausgehend von den Leipziger Thomaskantoren Karl Straube, Günther Ramin und Kurt Thomas eine Intensität erfuhr, die weltweit ihresgleichen sucht, und allmählich fast in Vergessenheit zu geraten droht. Gotthold Schwarz bewahrt sie, ohne sich dem Neuen zu verschließen.

Das fand seinen Niederschlag nicht nur bei der Aufführung von geistlichen Kompositionen der Barockzeit, dezent und stilgerecht begleitet von Violone (Fritjof-Martin Grabner) und Continuo-Orgel (Michaela Hasselt). Die beiden Instrumente „mischten“ sich gut mit den Singstimmen und bedeuteten nicht nur ein sicheres Fundament für den Chorgesang, sondern auch eine klangliche Bereicherung und Belebung der Alten Musik, vor allem der vor J. S. Bach, wie dem Psalmkonzert Jauchzet dem Herren, alle Welt“ und den beiden Motetten „Selig sind die Toten“ aus „Geistliche Sommermusik“ und „Das ist je gewißlich wahr“ aus „Geistliche Chormusik“ von Heinrich Schütz, dem geistlichen Madrigal Was betrübst du dich, meine Seele“ aus dem „Israelsbrünnlein“ von Johann Hermann Schein und der Motette Unser Leben ist ein Schatten“ von Johann Bach (1604-1673), dem ältesten komponierenden Mitglied der Bach-Familie.

Die Motetten von J. S. Bach kennt man vorwiegend ohne instrumentale Begleitung, obwohl bei der Motette „Der Geist hilft unser Schwachheit auf“ begleitende Instrumentalstimmen erhalten sind. Der Thomanerchor sang diese sowie die Motette Jesu, meine Freude“ ebenfalls mit Begleitung von Violone und kleiner Orgel.

Allgemein fiel ein schöner, voller Chorklang mit klanglich sehr ansprechenden Knabenstimmen und etwas härteren Männerstimmen auf, meist ausgeglichen und exakt und immer mit guten, angemessenen Tempi zum Verstehen, Mitdenken und Verinnerlichen.

Den Höhepunkt aber bildeten die Stücke von Max Reger, der Leipzig ebenfalls sehr verbunden war: Morgengesang“, „Wir glauben“, „Der Mensch lebt und bestehet nur eine kleine Zeit“ und „O Tod, wie bitter bist du“ mit klarer Führung der Stimmen und guter Gesamtkonzeption. Hier war spürbar, dass Schwarz die Musik Regers in ihrem Wesen voll erfasst und den Chor zu entsprechender Umsetzung inspiriert hatte.

Bei den „Fest- und Gedenksprüchen“ von Johannes Brahms schien dann die Konzentration der jungen Sänger etwas nachzulassen, bis mit der Bachmotette „Der Geist hilft unser Schwachheit auf“ ein entsprechender Abschluss gestaltetet wurde.

Frauenkirchenorganist Samuel Kummer steuerte mit klarer Gestaltung der kontrastreich miteinander korrespondierenden melodischen Linien und individueller Registrierung auf der großen Kern-Orgel der Frauenkirche jeweils passend zu den gesungenen Kompositionen Orgelwerke bei. Bevor J. S. Bachs Motette „Jesu meine Freude“ vom Chor gesungen wurde, spielte er eine Choralbearbeitung dieser Motette für Orgel aus der „Kirnbergersammlung“, später einleitend vor dem Programmteil, in denen die Stücke von Max Reger erklangen, dessen „Kyrie eleison“ und überleitend zu Brahms‘ „Fest- und Gedenksprüchen“, dessen “Präludium und Fuge a‑Moll“ (WoO 9) für Orgel.

Es war ein sehr reichhaltiges Programm mit Werken aus unterschiedlichen Epochen und Stilrichtungen von Komponisten, die eine besondere Beziehung zu Leipzig hatten. Insgesamt kann konstatiert werden, dass der Chor auf dem richtigen Wege ist, um seine guten Traditionen zu wahren, ohne sich dem Neuen zu verschließen und seinen guten Ruf wieder zu festigen.

 Ingrid Gerk

 

 

Diese Seite drucken