Dresden/Frauenkirche: REGULA MÜHLEMANN UND DAS KAMMERORCHESTER BASEL – 22.4.2023
Wo Regula Mühlemann auftritt, sind alle, vom Fachexperten bis zum Musikliebhaber, angetan. Mit ihrer warmen, weichen, besonders klangvollen Stimme und außergewöhnlich guten Technik, von der manche Sängerinnen und Sänger nur träumen können, wird alles, was sie singt, zum Hörgenuss und lässt es in natürlicher Schönheit erstrahlen. Wenn sie dann noch Arien von Wolfgang Amadeus Mozart singt, die so perfekt zu ihr passen, ist das Glück für die Zuhörer vollkommen. Bei ihrem Konzert in der Frauenkirche sang sie Arien aus Opern sowie eine Konzertarie des Meisters in Verbindung mit Kompositionen zweier französischer Komponisten des Fin de siècle und des Impressionismus.
Opernarien in der Frauenkirche? – Warum nicht. Die Frauenkirche wurde bei ihrem Wiederaufbau als Mehrzweck-Veranstaltungsraum konzipiert. Akustisch gab es bei dieser Stimme mit dieser Technik auch keine Probleme, und in der Art, mit der Regula Mühlemann singt, passt ihre Interpretation in jeden Raum und zu jedem Anlass.
Das Kammerorchester Basel erwies sich als kompetenter Partner für die Begleitung der Arien und steuerte seinerseits drei Instrumentalwerke bei. Unter der Leitung von Umberto Benedetti Michelangeli (Neffe des Pianisten Arturo Benedetti Michelangeli) eröffnete das, von Absolventen Schweizer Musikhochschulen 1984 als „Serenata Basel“ gegründete und 1999 in seinen heutigen Namen umbenannte Kammerorchester das gut abgestimmte Programm mit „Masques et Bergamasques. Suite für Orchester“ (op. 112) von Gabriel Fauré. Die etwa 30 Musikerinnen und Musiker musizierten die vier rein instrumentalen Sätze, deren Bezeichnungen „Ouvertüre“, „Menuett“, „Gavotte“ und „Pastorale“ an die Suiten der Barockzeit erinnern, leicht und locker und unterstrichen den heiteren, unterhaltsamen Charakter der aus Bühnenmusiken arrangierten Orchestersuite, die zu Faurés beliebtester Komposition wurde.
Im Mittelpunkt der musikalischen Arbeit des Orchesters steht der Anspruch, Alte und Neue Musik zu kombinieren, und so bildeten die ausgewählten Instrumentalstücke mit ihrem Bezug zu älterer Musik, vorwiegend der Barockzeit, eine klangliche Ergänzung zu Mozarts Arien, die das Orchester sehr dezent und einfühlsam begleitete und damit der Sängerin volle Entfaltungsmöglichkeiten bot.
Bei Rezitativ und Arie der Susanna „Giunse alfin il momento – Deh vieni, non tardar“ aus der Oper „Le nozze di Figaro“ war Regula Mühlemann die jugendliche, liebenswerte Kammerzofe, die sich nichts vormachen lässt, und mit der Arie „L’amerò, sarò costante“ aus der „Serenata“ in zwei Akten „Il re pastore“ (KV 208) der unbedarfte Hirte Aminta, der nichts von seiner Abstammung als rechtmäßiger König weiß. Bei der Arie der Konstanze „Martern aller Arten“ aus der Oper „Die Entführung aus dem Serail“, der Arie der Pamina „Ach, ich fühl‘s“ aus der „Zauberflöte“ und der Arie der Zaide „Ruhe sanft, mein holdes Leben“ aus dem Singspiel „Zaide“ (KV 344) sowie der zur Jahreszeit passenden Konzertarie „Schon lacht der holde Frühling“ (KV 580) setzte sie ihre feine Differenzierungskunst im Dienst der jeweiligen Arie ein und verschönte sie mit eigenen feinen Verzierungen.
Mit ihrer geschmeidig und dennoch ausdrucksvollen und vor allem auch ohne große Lautstärke tragenden Stimme kann sie jede Nuance ausdrücken, feine Übergänge gestalten und jedes, noch so zarte Pianissimo bis in den letzten Winkel des Raumes tragen. Das ist die große Gesangskunst, die immer seltener wird. Selbst bei virtuosen Passagen kennt ihre Stimme keine Härten. Bei ihr ist immer alles im Fluss und wirkt sehr natürlich und leicht, auch wenn es noch so schwer ist. Sie macht alles zum Hörgenuss und wird auch höchsten Ansprüchen gerecht.
Zwischen den Arien erklang noch einmal ein Stück von Fauré, die „Pavane“ (op. 50), ein kurzes, ursprünglich als Klavierstück geschriebenes, Werk, das in eine irreale Traumwelt oder die vergangene Zeit der französischen Belle Époque führt und hier in Faurés Orchesterfassung die „melancholisch gefärbte Poesie und zarte Wehmut“ zum Ausdruck brachte.
Als weiteres Instrumentalwerk steuerte das Kammerorchester Basel „Le Tombeau de Couperin“ von Maurice Ravel bei, nicht nur eine Homage, ein Grab- oder Gedenkstein für Couperin und die gesamte französische Musik des 18. Jahrhundert, sondern auch ein Gedenken an seine, im Ersten Weltkrieg gefallenen, Kriegskameraden und einen verstorbenen Freund und Musikwissenschaftler, ursprünglich als „Suite pour piano“ geschrieben und wenig später für Orchester instrumentiert.
Die als Gegenstück zu den Mozart-Arien aufgeführten Instrumentalstücke aus dem 19./20. Jahrhundert erschienen nicht als Widerspruch zu Mozarts, im 18. Jahrhundert komponierten, Opernarien, sondern in dieser feinsinnigen Musizierweise als klangliche Ergänzung.
Mit ihrer Gesangskunst, ihrem bescheidenen Auftreten, ihrer sympathischen Ausstrahlung und natürlichen Anmut gewann Regula Mühlemann sofort die Herzen der sehr zahlreich erschienenen Zuhörer. Starallüren kennt sie nicht, sie ist einfach liebenswert und brennt für die Musik. Für den stürmischen Applaus bedankte sie sich zusammen mit dem Kammerorchester mit zwei Zugaben, der selten zu hörenden Arie „Un moto di Gioia“ für Sopran und Orchester, die Mozart bei der Wiederaufnahme von „Le nozze di Figaro“ 1789 am Wiener Burgtheater als Ersatz für Susannas Arie im zweiten Akt für eine neu engagierte Sängerin hinzukompoierte, und den „Frühlingsstimmenwalzer“ von Johann Strauss mit perlenden Koloraturen, nach dem erst Recht die Wogen der Begeisterung hoch schlugen.
Ingrid Gerk

