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DRESDEN/ Frauenkirche: AUFTAKT DES BEETHOVEN-JAHRES MIT DANIEL HOPE UND DEM ZÜRCHER KAMMERORCHESTER

13.12.2019 | Konzert/Liederabende

Dresden / Frauenkirche: AUFTAKT DES BEETHOVEN-JAHRES MIT DANIEL HOPE UND DEM ZÜRCHER KAMMERORCHESTER – 12.12.2019

Inmitten der, vom Publikum begehrten, Advents- und Weihnachtskonzerte lud die Frauenkirche in Dresden auch zu einem reinen Konzertabend mit Daniel Hope und dem Zürcher Kammerorchester ein. Auf dem Programm standen ausschließlich – für den Konzertsaal bestimmte – Werke von Ludwig van Beethoven, die jedoch auch im Kirchenraum ihre Wirkung nicht verfehlten. Gründe für dieses Konzert gab es gleich mehrere.

Das Gedenkjahr anlässlich des 250. Geburtstages Beethovens steht bevor, warum nicht auch einmal das Gedenkjahr mit dem Kirchenjahr statt mit dem Kalenderjahr beginnen? Seit 2016/17 ist Daniel Hope Musikdirektor des Zürcher Kammerorchesters, seit Januar 2019 Künstlerischer Leiter der Konzerte in der Dresdner Frauenkirche und seit Juni dieses Jahres designierter Präsident des Beethoven-Hauses Bonn. Da passt einfach alles zusammen, und das Publikum ließ auch nicht auf sich warten.

Hopes Vorgänger beim Zürcher Kammerorchester (bis 2005), Roger Norrington, pflegte als Principal Conductor und einer der Pioniere der Originalklangbewegung mit diesem Orchester die historische Aufführungspraxis, auf die auch Hope orientiert. Er leitete Beethovens, noch den klassischen Tradition verhaftete, aber auch schon einige revolutionierende Details aufweisende, „Sinfonie Nr. 1 C‑Dur“ (op. 21) als Dirigent mit der Violine, eine Praxis, die Johann Strauss jun. noch bis ans Ende des 19. Jahrhunderts pflegte.

Hope widmete sich zunächst der langsamen Einleitung des Kopfsatzes, die bei den ersten Aufführungen wegen ihrer Neuerung noch Skepsis und Kritik hervorrief, jetzt aber gerade den Reiz dieser Sinfonie mit ausmacht, mit besonderer Hingabe, eine knisternde Spannung erzeugend. Er „zelebrierte“ die ersten Töne genussvoll und „kostete“ ihren Klang hörbar aus, bis er zu einem rasanteren Tempo überging. Zu Beginn des 3. Satzes führte er einige, sehr wirkungsvolle Ritardandi ein, um die Spannung zu erhöhen und dann ausgelassen den fröhlichen 3. Satz frisch, akzentuiert und sehr lebhaft auszuführen. Solche Freiheiten waren in der früheren Musizierpraxis durchaus üblich.

Ob es „original“ zu Beethovens Zeiten so oder ähnlich geklungen hat, sei dahingestellt, aber an diesem Abend überraschte Hope mit einer sehr vitalen, akzentuierten und farbenreichen Wiedergabe voller geballter Energie, bei der er der sehr guten solistischen Flöte und Oboe sowie den Holzbläsern und Streichern Raum zur klangschönen Entfaltung einräumte und auch dem tänzerischen Charakter im 2. Satz viel Aufmerksamkeit schenkte. Allerdings „verschwammen“ im langsamen 2. Satz Pauken und Trompeten infolge der Akustik durch die Kuppel der Frauenkirche, obwohl das Orchester akustisch günstig aufgestellt war. Leise Töne kommen hier am besten an und gehen trotz der Größe des Raumes nicht verloren.

Das wirkte sich sehr vorteilhaft bei Beethovens einzigem Violinkonzert, dem „Konzert für Violine und Orchester D‑Dur“ (op. 61) aus, bei dem jeder der brillanten feinen, leisen Töne der Violinsoli in seiner Klangschönheit zu vernehmen war. Hier kamen auch die feinen, dezenten Paukentöne und klangvollen Oboen voll zur Wirkung. Dem Werk entsprechend, spielte Hope die Solovioline zunächst mit dem Orchester, bis er mit seinem geschmeidigen, souveränen Spiel hervortrat und mit versiertem technischem Können und betörender Tongebung die Kadenzen in ungeahnter Brillanz erklingen ließ, mit seinen sehr lockeren, perlenden Trillern und geschmeidigen Doppelgriffen faszinierte und besonders im Pianissimo mit sehr leisen, feinen Tönen, die sich trotz ihrer Feinheit über das Orchester erhoben, die ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich zog. Das Orchester nahm anschließend seine Intentionen auf und führte sie im gleichen Sinne weiter. Trotz wahrer virtuoser „Hexenkünste“, die zuweilen den Atem stocken ließen,  ließ Hopes Konzentration nie nach. Es wirkte alles sehr ausgeglichen und frisch.

Hope war Spiritus Rector und Primus inter Pares zugleich, und obwohl er auch das Orchester leitete, verzichtete er zweckmäßigerweise darauf, sich in solofreien Passagen umzudrehen und das Orchester zu leiten (was mancher Solist und Leiter an gleicher Stelle schon getan hat und damit keinen guten Eindruck hinterließ). Bei heiklen Passagen übernahm der 1. Konzertmeister sehr dezent die Koordinierung. Hope und die Musiker dieses konform und klangschön spielenden Orchesters, das trotz seiner Größe (33 Musiker) auch bei der speziellen Akustik mit sehr schöner Klarheit musizierte, verstehen sich „blind“ bzw. nach Gehör, im Gleichklang auf einer Wellenlänge und mit gleicher Werkauffassung. Sie ergänzen sich gegenseitig wie eine eingeschworene Gemeinschaft.

Es war eine mitreißende, aber auch sehr feinsinnige Wiedergabe, bis ins kleinste Detail ausgearbeitet und genau abgestimmt, technisches Können vorausgesetzt, wobei auch Virtuosität und Temperament nicht zu kurz kamen. Hope war bis zum Schluss unermüdlich auf Klangqualität bedacht und gab einfach alles. Am Ende konnte er dafür – sichtlich glücklich – die wohlverdienten Standing Ovations entgegennehmen, wofür er sich gemeinsam mit dem Orchester, das ebenfalls wesentlichen Anteil an diesem großartigen Konzertabend hatte, mit der „Sinfonia concertante“ von W. A. Mozart bedankte, bei der Hope die Stelle des 1. Konzertmeisters übernahm und mit sichtlicher Freude dabei war.

Da sich das Publikum auch danach nicht von so viel Virtuosität und Klangschönheit trennen wollte, spielte Hope solo auf seiner Violine, der „Ex-Lipinski“ von Guarneri des Gesú (1742) aus dem ehemaligen Besitz des Dresdner Konzertmeisters Karol Lipinski, „Guten Abend, gute Nacht“, wobei das Publikum leise mitsummte, und schmückte es in freier Improvisation aus, um sich mit leise ausklingenden Tönen zurückzuziehen. Das Orchester folgte ihm. Neben seinen großen technischen und  klanglichen Künsten versteht er es auch, publikumswirksam aufzutreten. Er weiß, was dem Publikum gefällt.

Ingrid Gerk

 

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