Dresden/Frauenkirche: MIDORI UND DAS PRAGUE PHILHARMONIA ORCHESTRA MIT WERKEN VON ANTONÍN DVORÁK – 9.3.2024
Schon durch die geografische Nähe zu Tschechien gab es immer und gibt es auch jetzt verstärkt einen kulturellen Austausch zwischen Sachsen, speziell Dresden, und dem Nachbarland. Jetzt war das Prague Philharmonia Orchestra (PKF) mit Eugene Tzigane am Pult zu Gast in der Frauenkirche mit einem Programm, das ausschließlich Antonín Dvořák gewidmet war und einen umfassenden Bogen spannte, von einem seiner frühen Werke, der „Vanda Konzert-Ouvertüre g-Moll“ (op.25), über sein einziges Violinkonzert, das nach einigen Überarbeitungen 1883 am Prager Nationaltheater erstmals erklang, bis hin zu seiner „Sinfonie Nr. 8 G‑Dur“ (op. 88), seiner vorletzten, die 1890 im Prager Rudolfinum, von Dvořák selbst geleitet, Premiere hatte.
Wer bei Dvořák an Oper denkt, denkt zuerst (und fast ausschließlich) an seine bedeutendste und bekannteste Oper „Rusalka“, aber Dvořák hat noch mehr geschrieben, insgesamt zehn Bühnenwerke, darunter „Jacobin“, „Alfred“, „Armida“, „Dmitrij“ usw., die jedoch kaum aufgeführt werden, was an ihren Libretti und den Inszenierungs-Anforderungen liegen mag, denn dafür werden große Bühnen gebraucht, um die „einfallenden Armeen“ darzustellen und vor allem sehr gute Sänger. Nun gut, jetzt nehmen manche Regisseure die ursprüngliche Handlung ohnehin nicht mehr sehr ernst, aber mehrere gute Sänger gleichzeitig sind – wie für „Dmitrij“ – schon ein Problem.
Eine von diesen Opern ist „Vanda“ nach einer alten polnischen Legende aus dem 11. Jahrhundert. Nach ihrer Uraufführung 1876 am Prager Prozatímní Theater konnte sich diese Oper nur in Tschechien durchsetzen, wurde aber auch dort nur selten gespielt. Die deutsche Erstaufführung fand erst 2014 (!) am Theater Osnabrück statt. Nur die Konzertouvertüre, eine Neufassung der ursprünglich kürzeren Opern-Ouvertüre, die die gesamte Handlung vorwegnimmt, fand den Weg in die Konzertsäle.
Unter der Leitung von Tzigane trat das, 1993 von Jiří Bělohlávek gegründete, Orchester in großer Besetzung auf. Mit der jetzt üblichen, sehr kontrastreichen Interpretationsweise zwischen temperamentvollem, fast überbordendem Klangrausch im Fortissimo und feinerem, liebevoll musiziertem Piano und Pianissimo wurden zuweilen auch die typisch böhmische Mentalität und Liebe der Musiker zur Musik ihres Landsmanns, die ihnen im Blut liegt, spürbar und auch sehr feine Stimmungen, entsprechend der Opernhandlung eingefangen.
Bei Dvořáks „Violinkonzert a‑Moll“ (op. 53), einem der anspruchsvollsten überhaupt, denkt man unwillkürlich an Yehudi Menuhin, David Oistrach, Anne-Sophie Mutter, Nathan Milstein u. a. in Live-Konzerten und Aufnahmen und nicht zuletzt an Josef Suk, den Urenkel des Komponisten (u. a. Aufnahme mit der Tschechischen Philharmonie unter Václav Neumann, 1978, Supraphon), dessen Interpretation in idealer Übereinstimmung mit dem Orchester als „authentisch“ bezeichnen werden könnte.
Ganz anders verhielt es sich bei der jetzigen Aufführung. Hier begegneten sich zwei sehr unterschiedliche Welten, nicht nur die japanische und die europäische, sondern zwei sehr individuelle Beziehungen und Herangehensweisen an das Werk, zwei Mentalitäten und sehr unterschiedliche Auffassungen.
Midori, eine der besten Geigerinnen unserer Zeit, eine visionäre Ausnahmekünstlerin mit sehr persönlichem Musikverständnis, die die Verbindung von Musik und menschlicher Erfahrung sucht, gestaltete den Solopart in ihrem individuellen Interpretationsstil mit technischer Präzision und schönem, rundem, wohlklingendem Ton, wobei sie damit zwar nicht unbedingt dem slawischen Temperament entsprach, aber ihrer feinsinnigen Art, Innigkeit, Anmut und Ausstrahlung konnte sich wohl niemand entziehen. Von ihr geht eine große Faszination aus. In ihrem Spiel liegt so viel natürliche Musikalität und Innigkeit und ein intuitives Erfassen des geistigen Gehaltes zwischen den Noten, dass man sich unwillkürlich angesprochen und berührt fühlt.
In starkem Gegensatz dazu ging Tzigane, der in Japan geboren, in zwei Welten aufwuchs und heute in Europa lebt, trotz seines vielfältigen kulturellen und musikalischen Hintergrundes und seiner Begegnung mit Musik unterschiedlicher Herkunft kaum auf die besondere Interpretationsweise der Midori ein, sondern blieb mit dem Orchester bei der gegenwärtig weit verbreiteten Interpretationsweise der starken Kontraste mit Lautstärke, nicht nur in den reinen Orchesterpassagen, sondern mitunter auch dort, wo die Solostimme dominieren sollte, die dadurch mitunter beinahe zugedeckt wurde.
Zudem machte sich auch hier die spezielle Akustik der Frauenkirche wie immer bei großer Orchesterbesetzung ungünstig bemerkbar, bei Midoris hinreißend gespielter Zugabe für Violine solo von J. S. Bach danach jedoch nicht, wie immer bei kleiner Besetzung, vornehmlich bei Instrumenten solo, auch Streichinstrumenten. Da ging keine Feinheit des transparenten vielsimmigen Spiels mit schönem, rundem Ton und die Zartheit des Klanges, die bei jeder Stimme wie in einem guten Streichquartett zur Geltung kam, verloren. Es war ein Erlebnis der besonderen Art.
Warum Dvořáks oft verkannte, weniger beachtete „Sinfonie Nr. 8 G‑Dur“ (op. 88) so sehr im Schatten seiner beliebten „Neunten“ steht, ist unverständlich, ist sie doch genau so genial und erfindungsreich mit großem Einfalls- und Ideenreichtum komponiert. Zweifellos ist die „Sinfonie aus der Neuen Welt“ mitreißend und begeisternd und vielleicht liegt es auch am prickelnden Reiz des Fremdländischen, Amerikanischen, dass sie so beliebt ist und oft gespielt wird. Im Gegensatz zu dieser, in Amerika entstandenen Sinfonie, die die Eindrücke in einem fernen Land wiederspiegelt, ist die Bezeichnung „Englische Sinfonie“ für die „Achte“ irreführend, da Dvořák lediglich die Verlagsrechte und die erste ausländische Premiere nach England vergab und das Werk einen zutiefst tschechischen Charakter mit leisen, Anklängen an die Musik des von Dvořák verehrten Peter I. Tschaikowski aufweist.
Sie ist jedoch nicht weniger interessant und sehr klangschön, und so war es den Pragern zu danken, sie wieder einmal zu hören. Mit viel Temperament, tänzerischem Schwung, schönen solistischen Phrasen der sauberen Bläser, ansprechendem Violinsolo und einer dynamischen Steigerung zum Schluss ließ Tzigane das Orchester mit seinem charakteristischen Klang die lebensbejahende, lautmalerischen Musik zwischen dem hier problematischen Fortissimo und kaum mehr hörbarem Pianissimo in schöner Transparenz entstehen, die Dvořák während eines Sommeraufenthaltes auf seinem Landsitz im böhmischen Dörfchen Vysoká schrieb. Man konnte sich in eine liebliche Landschaft mit Vogelgezwitscher, von den Flöten im ersten Satz imitiert, versetzt fühlen, hörte einen zwischen slawischer Schwermut und Beschwingtheit wechselnden Walzer im dritten Satz und Fanfarenklänge als begeisterte Hommage an die böhmische Volks- und Tanzmusik. Hier war der klangliche Reichtum und die Lebendigkeit der Musik Dvořáks unmittelbar zu erleben.
Ingrid Gerk

