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DRESDEN/ Deutsches Hygiene-Museum: „KONZERT ZUM 80. GEBURTSTAG VON PETER SCHREIER

12.11.2015 | Konzert/Liederabende

Dresden/Deutsches Hygiene-Museum: „KONZERT ZUM 80. GEBURTSTAG VON PETER SCHREIER – 11.11.2015

Peter Schreier ist ein „Ausnahmekünstler“, ein „Jahrhundertsänger“, sagte der 1. Konzertmeister der Dresdner Philharmonie und seit 2002 Leiter des 1969 gegründeten  Philharmonischen Kammerorchesters aus Mitgliedern der Dresdner Philharmonie, Wolfgang Hentrich, zu Beginn des 12. Abends der Reihe „Dresdner Abende“. An diesem Abend überließ er das Dirigentenpult aus besonderem Anlass Peter Schreier, der in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag gefeiert hat und Dresden trotz seiner Weltkarriere immer sehr eng verbunden war und weiterhin ist. Auf „seinem“ Programm standen frühe Werke zweier Wunderkinder, Wolfgang Amadeus Mozart und Felix Mendelssohn-Bartholdi.

Bei den „Dresdner Abenden“ steht meist ein Komponist im Mittelpunkt, der eine besondere Beziehung zu Dresden hat. Mozart weilte zwar seinerzeit u. a. auch einige Tage in Dresden, wo er sehr gefeiert wurde und noch heute in der Beliebtheitsskala sehr weit oben steht, aber an diesem Abend stand Peter Schreier im Mittelpunkt, der in großem Umfang Dresdner Musikgeschichte mit geschrieben hat. Wer unter den Zuhörern erinnerte sich nicht an seine zahlreichen, bis heute unübertroffenen, Evangelisten-Partien in den großen Oratorien, meist in Kreuzkirche oder auch im Kulturpalast, seine Opernrollen und vor allem seine wunderbaren Liederabende.

Jetzt „bescherte“ er dem Dresdner Publikum noch einmal einen unvergesslichen Abend. Bereits die ersten Töne des „Divertimentos Nr. 10 h‑Moll“, das der 16jährige Mozart in Salzburg schrieb, strahlten in der Interpretation  des Streichorchesters in für die Mozartzeit typischer kleiner Besetzung sehr viel jugendliche Heiterkeit und Frische und unbekümmerte Lust am Muszieren auf hohem Niveau aus. Die Musiker spielten mit sichtlicher Freude unter Peter Schreiers Leitung, der mit sehr sparsamen Gesten eins zu sein schien mit den Musikern und sich ausschließlich leiten ließ von der Musik Mozarts – eine ideale Interpretation im genau richtigen Tempo, nicht geeilt und gejagt, wie es jetzt oft üblich ist, sondern gelöst und voller Gespür für die Musik.

Mit ganz anderen Klängen, ernst und feierlich, begann der 1. Satz „Adagio“ der (nur) zweisätzigen „Streichersinfonie Nr. 10 h‑Moll“ (1823), die Mendelssohn im Alter von 14 Jahren schrieb. Auch hier wählte Schreier ein Tempo, bei dem sich die Musik voll entfalten konnte und der, den Musikern der Dresdner Philharmonie eigene, warme Klang Mendelssohns Komposition besonderen Reiz verlieh.

Den Solopart in Mozarts 1782 komponiertem „Konzert für Klavier und Orchester A‑Dur“ (KV 414) hatte der britische Pianist Steven Osborne übernommen. Ohne Äußerlichkeiten, mit sehr schöner Tongebung, der Kunst des klangvollen, perlenden Anschlags, (der unter den jüngeren Pianisten immer mehr schmerzlich vermisst wird), besonders schönen lockeren Trillern und Verzierungen, und viel Sinn für die Kompositionen der Klassik spielte Osborne mit dem entsprechend vergrößerten Orchester und war „eins“ mit den Musikern, Seine Solopassagen schienen sich folgerichtig aus dem Orchesterklang zu erheben, sich, nicht vordergründig, aber virtuos „emporzuschwingen“ und sich schließlich durch die perfekten Einsätze des Orchesters wieder mit dem Gesamtklang zu verbinden. Zwischen Pianist und Orchester herrschte völlige Übereinstimmung, ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Osborne spielte mit weichem, gefälligem Ton, so wie es diesen in jüngeren Jahren komponierten Werken entspricht, und vor allem mit schöner Klarheit. Jeder Ton war deutlich im Gesamtgefüge zu vernehmen. Den langsamen Satz spielte er sehr gefühlvoll und klangschön, „kostete“ ihn  in seiner ganzen Musikalität, in allen Feinheiten und Nuancen aus, ohne den großen Überblick und die Einordnung ins gesamte Konzert aus den Augen zu verlieren, wobei über allem auch ein leichter „Hauch“ von kühler Frische lag.

Als Zugabe spielte Osborne eine der „Bagatellen“ von L. v. Beethoven,  ebenso feinsinnig und mit Gefühl und Verstand. Es war „nur“ eine „Bagatelle“ – aber ganz groß interpretiert!

Das sehr gut zusammengestellte Programm für Kammerorchester wurde mit der „Sinfonie A‑Dur (KV 201) des 18jährigen Mozart beschlossen. Unter Schreiers inspirierender, sehr sorgfältiger Leitung erlebte man eine Sinfonie voller Musikalität und Stilempfinden. Alle Ausführenden ordneten sich in sehr gutem Zusammenspiel ganz dem Werk unter. Jeder fügte sich perfekt in den Orchesterklang mit stilsicherer Orientierung ein, weniger „historisch orientiert“,  sondern in vor allem musikalisch-inhaltlicher und schöngeistiger Aufführungspraxis, die dem Werk am besten entsprach. Es war ein „echter“ Mozart, bei dem man letztendlich doch den „Liebling der Götter“ vor Augen hatte. Das ist die ganz große Kunst, mit dem „Zünglein an der Waage“ das innere Wesen der Musik in seiner Balance zu erspüren und adäquat wiederzugeben, ohne Äußerlichkeiten und doch mit der richtigen, internen Spannung, voller Abwechslung und sprühender Energie.

Die Intendantin der Dresdner Philharmonie, Frauke Roth, ließ es sich nicht nehmen, Peter Schreier am Schluss die Blumen persönlich zu überreichen. Auf seinen Wunsch hin bedankte sich das Kammerorchester mit einer „ungeprobten“, aber glanzvoll gespielten Orchesterzugabe, dem „Air“ von J. S. Bach.

Dirigieren ist bekanntlich Schreiers große Leidenschaft. Mit diesem Abend machte er aber nicht nur sich, sondern auch seinem Publikum ein sehr großes Geschenk.

 Ingrid Gerk

 

 

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