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DRESDEN/ Deutsches Hygiene-Museum: KOJA BLACHER BEI DER DRESDNER PHILHARMONIE

22.01.2017 | Konzert/Liederabende

Dresden/Deutsches Hygiene-Museum: KOJA BLACHER BEI DER DRESDNER PHILHARMONIE 21.1.2017

Es war ein ungewöhnliches Konzert. Die Dresdner Philharmonie nahm in relativ großer Besetzung im dunkelroten Kongresssaal des Deutschen Hygiene-Museums Platz, ein Saal der lange Zeit (bis zur Fertigstellung des Kulturpalastes) in anderer Gestalt als einziger großer Konzertsaal Dresdens fungierte und nun mit bis zu 437 Sitzplätzen als eine der „Ausweich“-Spielstätten bis zur Fertigstellung des Kulturpalastes, der eigentlichen Heimat der Philharmonie, dient.

Man wartete auf den Dirigenten, aber stattdessen betrat der Meistergeiger Kolja Blacher, jüngster Sohn des Berliner Komponisten Boris Blacher, den Raum, setzte sich auf den Platz des Ersten Konzertmeisters, der auf den Platz des Stellvertreters gerückt war, und begann mit dem Orchester die „Ouvertüre“ zur Oper „Le nozze di Figaro“ (KV 492) von Wolfgang Amadeus Mozart.

Die Musiker spielten sehr diszipliniert und waren eines Sinnes und mit sichtlicher Freude  dabei. Es war kein qualitativer Unterschied zu Aufführungen zu hören, bei denen in herkömmlicher Weise ein Dirigent vor dem Orchester steht, obwohl die „Figaro“-Ouvertüre von den Philharmonikern zuletzt 2008 unter der Leitung von Peter Schreier aufgeführt wurde und vermutlich auch in anderer Besetzung, es also keine Routine sein konnte.

Früher galt die Regel, dass ab neun Musikern ein Dirigent erforderlich sei. Hier kam ein großes Orchester ohne aus. Trotzdem sollte man nicht fragen, wozu eigentlich noch ein Dirigent erforderlich sei. Bei noch größerer Orchesterbesetzung, neueren, spätromantischen und wenig bekannten Werken dürfte das nicht so einfach sein. Mozart haben die Musiker im Blut, da verstehen sie sich „blind“, da sie über den nötigen Teamgeist und eine kongeniale Musik-Auffassung verfügen.

Dann kam der große Augenblick. Der Erste Konzertmeister rückte wieder auf seine angestammte Position, eine junge Geigerin nahm den Platz des Stellvertretenden Konzertmeisters ein und Kolja Blacher stand als Solist in Felix Mendelssohn-Bartholdys, oft und immer wieder gern gehörtem, „Konzert für Violine und Orchester f‑Moll (op. 64) vor dem Orchester und war in solofreien Passagen auch „Dirigent“.

Sein Strich ist äußerst geschmeidig, feinsinnig und klangvoll und erinnert an Mozarts Ausspruch von der „Buttergeige“. Sein Klang, seine Intuitionen mischten sich kongenial mit dem Orchester. Im Vergleich zu anderen Solisten, die in letzter Zeit dieses Konzert in Dresden gespielt haben, war es wieder eine eigene, eine andere, sehr einschmeichelnde Art der Interpretation dieses bekannten und immer wieder neu zu erlebenden, Violinkonzertes. Hier lag die letzte Aufführung noch nicht so lange zurück. 2015 leitete Chefdirigent Michael Sanderling „sein“ Orchester. Solist war Marc Bouchkov, der es wieder anders interpretierte, so dass es kaum eine Orientierung für die jetzige Wiedergabe sein konnte.

Danach wurden die Plätze wieder getauscht. Blacher nahm erneut seine „Konzertmeister-Position“ ein und musizierte als „Primus inter pares“ (Erster unter Gleichen) mit den aufmerksam mitgehenden (und mitfühlenden) Orchestermusikern die „Sinfonie D‑Dur (KV 504), die „Prager“ von Mozart, die sie 2009 unter Hans Zender aufgeführt hatten.

Möglich wurde dieses „Experiment“, weil Kolja Blacher als Solist, Konzertmeister und Pädagoge, die Facetten des Musiker-Daseins bestens kennt, schließlich war er von 1993 bis 1999 Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, danach Professor für Violine und Kammermusik in Hamburg und seitdem auch wieder verstärkt als Solist in Violinkonzerten tätig. Er kennt beide Seiten, die des Solisten und die des Orchestermusikers und weiß, wie ein Orchester von innen funktioniert. Dadurch kann er sich – nicht nur bei seinem solistischen Spiel – bestens auf das Orchester einstellen und es führen.

In zunehmendem Maße leitet er Orchester von der Violine aus, sozusagen als Solist und Konzertmeister in einer Person. Den Orchestern kommt das sehr entgegen, da dann die Musiker noch besser aufeinander hören und auch ihre eigenen musikalischen Intentionen mit einbringen können.

Es war ein besonderes, ein ungewöhnliches Konzert, nicht unbedingt zur epigonenhaften Nachahmung empfohlen, aber in diesem Rahmen mit diesem, in vielfacher Hinsicht erfahrenen, Musiker und den leistungsstarken Mitgliedern der Dresdner Philharmonie ein besonderer Erfolg.

Ingrid Gerk

 

 

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