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DORTMUND/Opernhaus: LOHENGRIN – Elsa’s Liebestraum gescheitert. Premiere

01.12.2019 | Oper

Foto: Thomas Jauk stage picture

 

Dortmund  Opernhaus  Lohengrin – Elsa´s Liebestraum gescheitert

Premiere am 30. November 2019

 Kaum hatten  Streicher der Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von  GMD Gabriel Feltz  Richard Wagners romantische Oper Lohengrin  einfühlsam mit dem Grals-Motiv begonnen, wurde man von diesem  einzigartig instrumentierten Vorspiel  wie heute üblich durch Bebilderung  abgelenkt. (Inszenierung Ingo Kerkhoff)  Man sah Elsa  auf der ansonsten dunklen Bühne ( Dirk Becker) in  einem beengten Zimmer  auf dem Bett  sitzend durch ein von aussen beleuchtetes Fenster blicken und vom Helden träumen, der sie  aus dieser Enge erlösen soll. Diesen sieht man dann auch gleich, nämlich Lohengrin als Video (Philipp Ludwig Stangl).  So träumend war sie fast während der ganzen Vorstellung auf der Bühne zu sehen. Im Verlauf der Handlung verwechselte sie Traum und Realität, denn der häufig gemütlich Zigaretten rauchende König Heinrich sowie Telramund und Ortrud betraten dieses Zimmer. Wie alle Mitwirkenden waren sie in schwarz-weisse Allerweltsklamotten gekleidet (Kostüme Jessica Rockstroh) mit Ausnahme des Heerrufers ,der marionettenhaft  die Wünsche seines  Königs verdeutlichte – stimmlich wie gewohnt großartig Morgan Moody. Nur  im Brautgemach durfte Elsa  jungfräuliches Weiß tragen. Der von Fabio Mancini  erfolgreich einstudierte Opernchor sang im ersten und dritten Aufzug von den oberen Rängen her, was dessen Vielstimmigkeit und dynamische Abstufungen (etwa pp der Herren bei wie wunderbar oder des ganzen Chors bei welch holde Wunder) akustisch  sehr deutlich werden ließ. Das galt auch für die hinten platzierten Trompeten, deren meist gutes Zusammenspiel überwältigenden Stereo-Effekt ergab.

Auf der anderen Seite führte das Fehlen des Chors dazu, daß die Protagonisten auf der bis auf ein paar angedeutete Schilfstoppel leeren und meist dunklen Bühne einsam vor sich hin sangen, was der Aufführung  einen konzertanten Eindruck verlieh. Verstärkt wurde dies dadurch, daß natürlich ein Schwan nicht einmal zu ahnen war und Lohengrin ebenfalls unscheinbar gekleidet trotz der großartigen sängerischen Vorbereitung seines Auftritts durch den Chor unvermittelt aus dem Dunkel auftauchte. Während der Kampfvorbereitungen im ersten und den Kriegsgesängen im dritten Aufzug sah man  durch Video vergrössert Gottfried und Elsa als Kinder Suppe löffeln. Durch auf die Bühne eingeblendeten und im Programmheft nachzulesenden Hinweis erfuhr der Opernbesucher, daß es eine märchenhafte Parallele zu Gebrüder Grimm´s Brüderchen und Schwesterchen dargestellt werden sollte. Das sind schlechte Inszenierungen, die erst  durch schriftliche Nachhilfe verständlich werden. Es wird sogar auf  eine eventuelle frühere inzestuöse Beziehung zwischen Elsa und Gottfried hingewiesen, das hat in keinem Vers und keiner Note der Oper die geringste Grundlage.. Konzertant endete dann auch der erste Aufzug, in dem die sechs Protagonisten unter einer vielleicht adventlichen Girlande mit den  vielen  Heil – Rufen zusammen mit dem unsichtbaren Chor gesanglich mächtig auftrumpften..

Im zweiten Aufzug erfuhren wir – im Zimmer vom ersten Aufzug  – manches vom Sex-leben zwischen Telramund und Ortrud. Für letztere begann er mit der Zigarette danach, für Telramund mit Ankleiden. Hier war Elsa einmal nicht anwesend, vielleicht hätte sie sonst etwas über eheliche Freuden lernen können. Szenisch besser gelungen wurde das Ränkespiel der raffinierten Ortrud gegen Elsas Unbedarftheit dargestellt. So konnte der Aufzug  beim letzten Frageverbot-Motiv mit einer am Boden liegenden Elsa und einer hoch aufgerichteten stolzen Ortrud enden, etwa weibliches Gegenstück zu Jago und Otello am Ende des dritten Akts von Verdi´s Oper.

Im zweiten Aufzug war der Chor auf der Bühne platziert, wieder eigentlich nur  konzertant aber sehr gelungen singend, was hier natürlich besonders für den Herrenchor galt – etwa im pp bei gesegnet soll sie schreiten.  Einige  Kerzen der Chordamen konnten bei deren häßlichen Kostümen nicht für die geringste feierliche Atmosphäre sorgen.

Zum Schluß des dritten Aufzugs sah man dann Elsa mit den anderen Protagonisten im jetzt zerstörten Zimmer des ersten Aufzugs hocken – ihr Traum vom Glück war gescheitert, weshalb, macht die Inszenierung nicht genügend deutlich.  Gescheitert war auch  Ortrud, die  sich vorher nach dem letzten Ruf an ihre alten Götter vergiftet hatte…

Christina Nielsson (Elsa von Brabant), Daniel Behle (Lohengrin) © Thomas Jauk, Stage Picture (Bild honorarfrei)
Christina Nilsson, Daniel Behle. Foto: Thomas Jauk stage picture

Versöhnen mit dieser Inszenierung konnte zum Glück  die musikalische Seite der Aufführung. Das galt vor allem und besonders für Daniel Behle in der  perfekten stimmlichen Darstellung der Titelpartie. Lyrisches Legato gelang ihm ebenso wie kräftige Spitzentöne, die er  unangestrengt ohne jedes Forcieren sicher traf. Dabei war er immer, nicht nur in den Rezitativen ähnlichen Passagen, völlig textverständlich. Seine Gralserzählung  war in ihrer Steigerung mitreissend,  etwa vom pp bei Taube bis zum ff bei Gral.

Über lyrische Legatos verfügte auch Christina Nilsson als Elsa, etwa bei der Traumerzählung im ersten oder Euch Lüften im zweiten Aufzug. So wurde zusammen mit Lohengrin der intime Beginn der Brautgemachs-Szene ein musikalischer Höhepunkt des Abends. Bei hohen Spitzentönen sollte Frau (Christina) Nilsson vielleicht etwas weniger forcieren. Letzteres galt auch für die Ortrud von Stéphanie Müther. Dabei verfügte sie über genügend Stimmkraft, um auch im zweiten Aufzug die Entweihten Götter gegen  „Alle Bläser“, wie Wagner vorschreibt, hörbar zu machen.

Einen hervorragenden Eindruck mit kräftigem, kernigen Bariton, dabei sehr textverständlich, hinterließ  Joachim Goltz in der undankbaren Rolle des Telramund. Sein Durch dich mußt ich verlieren zu Beginn des zweiten Aufzugs hatte fast italienischen Schwung,

Shavleg Armasi strahlte stimmlich, auch er sehr textverständlich, als König Heinrich die Autorität aus, die ihm die Regie verwehrte. Die vier brabantische Edlen und  die vier Edelknaben ergänzten stimmlich passend das Ensemble.

GMD Gabriel Feltz leitete überlegen das musikalische Geschehen, was angesichts der hinter ihm platzierten Chöre und seitlich platzierten Trompeten-Spielern besondere Fähigkeiten der Koordination erforderte. Die Dortmunder Philharmoniker zeigten sich von ihrer besten musikalischen Seite. Erwähnt seien neben dem elegischen Klang der hohen  Streicher für die Darstellung der Grals-Atmosphäre die hohen Holzbläser zu Elsa´s Begleitung, die  Celli bei Einleitung des zweiten Aufzugs oder  Fagott, Englisch-Horn und  Baßklarinette für die wiederkehrende unterschwellige Erinnerung an das Frageverbot.

Das Publikum im ausverkauften Haus setzte nach dem ausweglosen Schluß erst zögernd mit Applaus ein, der sich für Lohengrin, die anderen Sänger sowie Chor und Orchester zu Bravos steigerte. Erwartungsgemäß gab es für das Regieteam Buh- und Bravorufe, insgesamt war es für eine Wagner-Aufführung in Dortmund ein relativ kurzer Applaus..

 

Sigi Brockmann 2. Dezember 2019

 

 

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