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DORTMUND/ Konzerthaus. REQUIEM von Hector Berlioz – gewaltig und innig

20.05.2017 | Konzert/Liederabende

Dortmund  Konzerthaus  am 19. Mai 2017  –  Berlioz  „Reqiem“ – gewaltig und innig

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Jukka-Pekka Saraste. Foto: Petra Coddington

Für seine Vertonung des „Requiem“, der lateinischen Totenmesse, brauchte Hector Berlioz eine riesige Anzahl Mitwirkender, darum heißt sein op. 5 auch  „Grande Messe des Morts“  (Grosse Totenmesse). Neben dem ganz grossen  „Hauptorchester“ mit viel Schlagzeug, immerhin u.a. acht Fagotten und entsprechend vielen Streichern,  Holz- und Blechbläsern schreibt er noch vier Fernorchester bestehend aus Blechbläserchören in den vier Himmelsrichtungen vor, dazu einen gemischten Chor von mindestens 210 Stimmen, als Solisten aber nur einen Tenor.

Wenn dieses Riesenwerk im eher nüchtern wirkenden Konzerthaus Dortmund aufgeführt wurde, dann fehlte zunächst die Atmosphäre des sakralen Raums wie etwa des „Dôme des Invalides“ in Paris für die Uraufführung 1837 als Trauerfeier für einen verstorbenen General bestimmt oder wie auch kürzlich des Doms zu Münster oder des Kölner Doms. Von der Aufführung im letzteren waren die Mitwirkenden nach Dortmund ins Konzerthaus gekommen. Dafür hörte der Musikfreund betreffend Instrumentation  und Polyphonie der Chorsätze  manches, was im Kirchenraum vielleicht nicht so deutlich wurde.

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Jukka-Pekka Saraste. Foto: Petra Coddington

Kaum faßte das Podium die grosse Zahl der Mitglieder des WDR Sinfonieorchesters Köln. Die mehr als zehn Pauken waren hinter dem Orchester im Halbkreis aufgestellt, auf jeder Seite davor zwischen den Bläsern je eine grosse Trommel (gran cassa), die mehr als fünf Beckenpaare links und die Tuben hinten rechts. Die Bläserchöre der Fernorchester wirkten ganz von oben rechts, links und in der Mitte des obersten Rangs sowie hinter den Zuschauern.

Die vereinten Chöre des WDR Rundfunkchor Köln und des Tschechischen Philharmonischen Chores Brünn standen auf den ansteigenden Plätzen hinter dem Orchester.

Gleich nach dem ersten Einsatzzeichen von  Dirigent Jukka-Pekka Saraste  zum chromatisch aufsteigenden Anfangsmotiv des Introitus zeigte sich  durch das deutlich zu hörende Crescendo zum sf auf einem Ton der Vorteil einer Aufführung in einem Raum mit der Akustik des Konzerthauses. Auch waren im folgenden „Requiem“ wie auch später bei mehrstimmigen Sätzen die einzelnen Stimmen akustisch gut verfolgbar. Dies  galt auch wenn etwa ein Teil des Chores choralartige Melodien sang, der andere dazu sich  wie Tropfen anhörende durch kleine Pausen getrennte Achtel sang,

 Das „Dies irae“ begannen Celli und Bässe choralartig, bevor verhalten der Chor einsetzte. Das war die Ruhe vor dem Sturm zur Einleitung des „Turba mirum“ (die Posaune erklingt),wo  das gesamte grosse Orchester mit allem Schlagzeug sowie alle Fernorchester – rhythmisch sehr präzise –  die Schrecken des Jüngsten Gerichts ankündigten. Der folgende gewaltige Einsatz der Bässe des Herrenchores liessen dann das Konzerthaus erbeben, gelungen der Gegensatz zum p „Mors stupebit“ (der Tod erschauert). Beim späteren „Judex ergo cum sedebit“ (der Richter setzt sich) waren dann allerdings die Orchestermassen so laut, daß man vom Platz im Parkett die Chöre kaum noch hören konnte.

Die farbige Instrumentation hörte man dann wieder deutlich in der Einleitung  und den „Seufzern“ des „Quid sum miser“ (Was soll ich Unglücklicher sagen) durch Englisch Hörner und die acht Fagotte. 

Beim „Rex tremendae“ (König schrecklichere Majestät) war wieder eindrucksvoll zu hören der Gegensatz der Klangfülle aller  Orchester bis zum  „voca me“ (rufe mich), dann –  nach einer Generalpause für den hier fehlenden Nachhall –  folgend  „sotto voce“ von den Bässen  ohne Probleme bis in ganz tiefe Tiefen gesungen „de profundo lacu“ (aus der tiefen Unterwelt)

Grosses Lob gebührt den Chören für das folgende ohne Orchester zu singende mehrstimmige „Quaerens me“ (Mich suchend) – man hatte den Eindruck eines nachempfundenen mittelalterlichen Madrigals.

Mittelpunkt des Werks ist das „Lacrymosa“  (jener tränenreiche Tag). Beim tänzerischen 9/8-Takt liessen sich die mehrstimmigen  Chöre durch die dazwischen fahrenden sich immer steigernden Akkorde aller Orchester auf unbetonten Taktteilen nicht aus dem Rhythmus bringen, sodaß der Eindruck eines Totentanzes deutlich wurde, der dann im gewaltigen einstimmigen Schlußakkord gipfelte.

Nach dieser Anstrengung durften die Chöre  im „Offertorium“ das immer wiederholte Motiv des „Domine“ (Herr Jesus Christus“)  –  angeblich die Seelen im Fegefeuer – sitzend singen. Sehr farbig kam sich steigernd der Orchestersatz zur Geltung.

Beim  einstimmigen „Hostias“ (Opfergaben) des Herrenchors bewunderte man die  delikate akkordische Begleitung durch drei Flöten des Hauptorchesters mit Posaunen zweier Fernorchester – das ist akustisch in solch einem Konzertsaal optimal nachzuvollziehen.

Das gilt auch für das Flötensolo mit vier Solo-Geigen im „Sanctus“ Zart begleitet vom Damenchor sang mit  schlanker Stimme und scheinbar ganz unangestrengt das hohe  b erreichend  Andrew Staples  vorne links vom ersten Rang her wie von einer Kanzel sein Solo.– hier fehlte ein wenig der Nachhall des Kirchenraums.  Kraftvollen Kontrast bot dann wieder ganz durchhörbar vom gesamten Chor gesungen die allen Regeln der Kunst entsprechende Fuge des „Hosanna in excelsis“,  immerhin von einem Komponisten, der Bach nicht besonders mochte. Bewundern mußte man  bei der Wiederholung des „Sanctus“ wie sanft die sonst so lauten Becken  als Begleitung geschlagen wurden.

 Das abschliessende „Agnus dei“ begann mit abwechselnden p-Akkorden der Holzbläser und der Bratschen, weshalb diese wohl vorne rechts platziert waren. Beim  „Amen“ beeindruckte zu den langsamen Arpeggien der Streicher  der Wechsel zwischen leisen Akkorden aller Bläserchöre und den verklingenden Schlägen der Pauken, die mit zusammen mit einem Pizzikato-Akkord der Streicher das Werk beenden.

Da war es nur passend, daß erst nach einer Schweigeminute starker Applaus einsetzte mit Bravorufen – natürlich irgendwann stehend – für den Dirigenten, der die Aufführung so überlegen, einfühlsam aber doch präzise  und ohne besondere Schaueffekte geleitet hatte.  Ebenso applaudiert wurde dem Tenorsolisten, den Chören und dem Orchester und den durch Scheinwerfer hervorgehobenen Fernorchestern.

 Sigi Brockmann 20. Mai 2017

 PS: Die Aufführung mit denselben Mitwirkenden aus dem Kölner Dom wird am nächsten Samstag, dem 27. Mai 2017, auf 3-sat übertragen.

 

 

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