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DORMAGEN: Festival ALTE MUSIK KNECHTSTEDEN würdigt E:T.A. HOFFMANN als Komponisten

28.09.2026 | Konzert/Liederabende

DORMAGEN: Festival ALTE MUSIK KNECHTSTEDEN würdigt E:T.A. HOFFMANN als Komponisten
19. – 26.9. (Werner Häußner)

Man könnte es sich so leicht machen mit einem Festival wie dem in Knechtsteden, einem traditionsreichen Kloster bei Dormagen: Auf die Wirkung des romanischen Raums der ehemaligen Prämonstratenserkirche vertrauend, ließe sich das Publikum mit Populärem locken. Ein Bach hier, ein Händel da – und fertig wäre das Programm.

Festivalleiter Michael Rathmann hat da anderes im Sinn: In diesem Jahr widmete sich das seit 1992 bestehende Festival „Alte Musik Knechtsteden“ dem kompositorischen Erbe Ernst Theodor Amadeus Hoffmanns. Das 1776 geborene Multitalent, heute fast nur noch als Schriftsteller bekannt, hat ein respektables musikalisches Œuvre hinterlassen. Eine Sinfonie, ein Harfenquintett, ein Klaviertrio, mehrere Klaviersonaten, Opern und kleinere Gesangsstücke – insgesamt rund 80 nachweisbare Werke. Eines davon, das Miserere in b-Moll, sollte zusammen mit Mozarts Kantate „Davide penitente“ (KV 469) das Eröffnungs- und Herzstück des Festivals werden.

Rathmann steht mit dieser Würdigung des von Goethe abschätzig beurteilten „Gespenster-Hoffmann“ weit und breit alleine da. Weder in Hoffmanns langjährigem Wirkungsort Berlin noch in Bamberg, wo er 1809 das „Miserere“ schrieb, waren nennenswerte musikalische Aktivitäten bemerkbar. Keines der deutschen Musiktheater dachte daran, eine seiner vier problemlos aufführbaren Opern auf Aktualität und Bühnentauglichkeit zu prüfen. Selbst sein größter Erfolg, die 1816 uraufgeführte romantische Zauberoper „Undine“, blieb zum Archivschlummer verurteilt. Während an den Literaten Hoffmann publizistisch ausführlich erinnert wurde, blieb der Komponist unbeachtet – und dabei verstand sich der Dichter viel lieber als Tonkünstler. Noch 1812 schrieb er in sein Tagebuch, er habe „mein Sach aufs Komponieren gestellt“.

Liebe zu Mozart, Verehrung für Bach

Da hatte er die trüben Erfahrungen in Bambergs provinzieller Theaterwelt schon hinter sich, und das „Miserere“ als Bewerbungsstück auf einen Posten in Würzburg geschrieben, wo er vergeblich seine Hoffnungen auf den dort regierenden Großherzog von Toskana, Ferdinand, gesetzt hatte. Mit dem „Miserere“ wollte Hoffmann offensichtlich sein Talent als Komponist und seine Kenntnis des kirchenmusikalischen Stils demonstrieren. In der kontrapunktischen Arbeit lässt sich die (damals rudimentäre) Kenntnis Bachs, in Harmonik und Instrumentation die tiefe Liebe zu Mozart erkennen: Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann nannte sich ab 1804 aus Verehrung für die Musik des Salzburger Meisters „Amadeus“.

Doch wer in Hoffmanns Vertonung von elf Versen aus dem Psalm 51 den „romantischen“ Ton etwa des nur zehn Jahre jüngeren Carl Maria von Weber hören möchte, wird enttäuscht. Hoffmanns Ideale, niedergelegt in seinem wegweisenden Aufsatz über „Alte und Neue Kirchenmusik“, sind die einer „wahrhaftigen“ Einfachheit, orientiert an den alten italienischen Meistern wie Giovanni Pierluigi da Palestrina. Bewusst achtet er auf schlichte Melodik, auf einen vielfach homophonen Satz und auf zurückhaltende Modulationen. Dass er innerhalb der selbstgesetzten Grenzen dramatische Momente kennt, chorische und solistische Passagen abwechselnd einsetzt und die rund 40 Minuten Musik mit einer imponierenden Fuge abschließt, zeigt sein Streben, in der Musik „die Ahnung des Höchsten und Heiligsten“ auszusprechen.

Erhabene Dramatik

Die Rheinische Kantorei und das Concerto Köln sind sich unter der Leitung von Edzard Burchards dieser Haltung durchaus bewusst. Der Klang der Streicher – unverkennbar an Mozarts „Requiem“ orientiert, ist dunkel und warm; die Bläser üben sich in nobler Dezenz. Der Chor, im Klang lange von Burchards Vorgänger Hermann Max geformt, intoniert das „Miserere“ des Beginns verhalten über dem düsteren Adagio der Streicher, bevor der Sopran Anna Nesybas das Solistenquartett eröffnet.

Die von den Bläsern abgeschlossene Nummer drei („Ecce enim veritatem“) hat mit ihrer bewegten Begleitung einen Zug zu einer Dramatik, wie sie in den Opernchören etwa eines Antonio Salieri zu finden ist. Auch der Gegensatz der heftigen Akzente von Bläsern und Pauken zum Piano-Einsatz des Chores („Averte faciem tuam“) verfehlt seine Wirkung nicht: Die dynamischen Kontraste in der Bitte, Gott möge sein Antlitz von den Sünden des bittenden Subjekts abwenden, verweist auf „erhabene“ Momente in Opern Christoph Willibald Glucks. Daneben finden sich lyrisch-ausdruckshafte Melodien, die an die verklärte Schönheit nazarenischer Gemälde erinnern.

Neben den souverän geführten, in der Höhe aber zu scharfer Emission neigenden Sopran Anna Nesybas treten der milde Mezzo Alice Lackners und der geradlinig und vibratoarm intonierende Tenor Johannes Gaubitz. Für den für Matthias Lutze eingesprungenen Bass Konstantin Paganetti gibt es mit „Docebo iniquos“ (Nr. 8) eine längere solistische Aufgabe, in der er seine vokalen Qualitäten zeigen kann. Alice Lackner kann dann in Mozarts „Davide penitente“ mit der Arie „Lungi le cure ingrate“ mit einem Text aus Psalm 100 Geläufigkeit und geschmackvolle Gestaltung zeigen. Der Chor verzaubert mit variablem Klang, einem strahlenden Bekenntnis zur Hoffnung auf Gott im finalen Chor, kommt im Wettstreit mit dem kraftvollen Orchestersatz an seine artikulatorischen Grenzen, hält aber dennoch den Klang für die Verästelungen der Polyphonie transparent.

Romantische Kammermusik

So zerrissen, wie sich Hoffmann als Schriftsteller gibt, ist er in seiner Musik nicht. Das zeigt sich im „Grand Trio“ in E-Dur, das vom Ensemble Tamuz auf historischen Instrumenten neben Beethovens „Geistertrio“ op. 70,1 und Schumanns Klavierquintett op. 44 gestellt wurde – ein ganz und gar „romantisches“ Programm. Im Trio ist der Einfluss Beethovens unverkennbar, aber auch Hoffmanns Streben nach Ausgewogenheit und Symmetrie, während die von Christine Schornsheim einen Tag später in Schloss Arff (zwischen Köln und Dormagen) gespielte Klaviersonate f-Moll eher den Wunsch durchscheinen lässt, mit kontrapunktischen Kunststücken zu reüssieren: Das wirkt wie eine Pflicht, der sich Hoffmann respektabel, aber mit einer Art trockener Gelehrsamkeit unterzieht. Seine melodisch aparte frühe Klaviersonate A-Dur aus dem Jahr 1805 wird damit nicht überboten. „Unheimlich. Fantastisch“, das Motto dieses Festivals lässt mehrere Deutungen zu; der Hoffmann, der diese Attribute verdiente, schimmert in dieser Musik nicht durch.

Reizvoll auch, was sich Residenzkünstlerin und Flötenspezialistin Dorothee Oberlinger einfallen ließ: In einem Konzert mit dem Freiburger Barockorchester erkundete sie Spuren unheimlich-fantastischer Zwischenwelten aus der Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts. Das liegt nicht so weit von Hoffmanns Musikgeschmack entfernt: In „Johannes Kreislers, des Kapellmeisters musikalische Leiden“ spielt der im Haus des Geheimen Rats Röderlein gedemütigte Musiker nach einem „vergeudeten Abend“ mit dem Kammerdiener Johann Sonaten von Arcangelo Corelli.

Zum Abschluss der Festwoche hat sich Edzard Burchards mit seiner Rheinischen Kantorei noch ein spezielles Programm einfallen lassen. In der Klosterbasilika lässt er die doppelchörigen Motetten des von Hoffmann hochverehrten Johann Sebastian Bach erklingen, kombiniert mit Vorgängern des Thomaskantors: Deren Musik lässt hören, wie qualifiziert die Kirchenmusik auch vor Bach in Leipzig gepflegt wurde, etwa vom langjährigen Organisten der Thomaskirche und späterem Musikdirektor der Universität, Johann Kuhnau, oder von früheren Thomaskantoren wie Sebastian Knüpfer, Tobias Michael oder dem Ältesten in der Runde, Sethus Calvisius, der in seiner Motette „Unser Leben währet siebzig Jahr“ noch nichts von moderner Duchschnittslebenserwartung gewusst hat. Mit solchen Programmen – und vor allem der Würdigung des Komponisten E. T. A. Hoffmann kann das Festival Alte Musik in Knechtsteden überregionale Bedeutung beanspruchen

Werner Häußner

 

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