Dohna/Kirche: KLAVIERABEND MIT PETER RÖSEL BEIM FESTIVAL SANDSTEIN & MUSIK – 9.10.2022
Das von Startrompeter Ludwig Güttler 1993 ins Leben gerufene Festival „Sandstein & Musik“ in der Region Sächsische Schweiz (Elbsandsteingebirge), einer bizarren Felslandschaft südöstlich von Dresden, feiert in diesem Jahr ein Jubiläum, es kann auf 30, sehr erfolgreiche, Jahre zurückblicken.
Die touristische Erschließung der Gegend begann im 19. Jahrhundert. Künstler der Romantik, wie die Maler Caspar-David-Friedrich, Ludwig Richter, Carl Gustav Carus und andere ließen sich von der wilden Schönheit der Felsen zu ihren berühmten Gemälden inspirieren, Carl Maria von Weber zu seiner Oper „Der Freischütz“. Hinsichtlich musikalischer Veranstaltungen war die Gegend jedoch wenig bedeutsam, was sich durch das Festival, das Besucher aus nah und fern anlockt, verändert hat. Die Umgebung bietet mit ihren historischen Gebäuden, Burgen und Kirchen bis zum Steinbruch reichlich Möglichkeiten für Veranstaltungen in reizvoller Umgebung. Eine davon fand in Dohna, einer der ältesten Städte Sachsens, am Rande der Sächsischen Schweiz statt, die einst politische Bedeutung für das Land hatte, jetzt aber ein eher beschauliches Dasein führt.
In der idyllischen, hoch oben über dem Tal des Flusses Müglitz gelegenen, mit ihrem barocken Turm weithin sichtbaren, spätgotischen Kirche gab der Pianist Peter Rösel einen Klavierabend mit Charakterstücken von Franz Schubert und Robert Schumann.
Er begann mit dem Impromptu B‑Dur (D 935.3) von Franz Schubert, einem der lyrischen Klavierstücke aus dessen letzten Lebensjahren, das so mancher der aufmerksamen Zuhörer selbst gespielt haben mag, aber wohl kaum so klangschön und ausgereift wie es unter Rösels Händen erklang und die Genialität dieses, auf Improvisation beruhenden Musikstücks erschloss.
Es folgte Schuberts, relativ selten zu hörende, obwohl jetzt im Kernrepertoire jedes guten Pianisten zu findende, „Gasteiner Sonate“ (D 850) aus seinen letzten Lebensmonaten, deren besondere Schönheit, individueller Stil, ungewöhnliche inhaltliche und geistige Reife und reicher Gefühlsausdruck in Rösels Interpretation sehr beeindruckten. Schuberts Kompositionen sind zweifellos genial, aber Rösel versteht es, alles, was er spielt durch seinen besonders differenzierenden, klangvollen Anschlag (selbst auf weniger guten Flügeln), dezentem, die Klänge wirkungsvoll unterstreichendem Pedalgebrauch und musikalischem Feingefühl, für die Zuhörenden noch zu „veredeln“.
Nach der Pause wandte er sich dem ganz anderen Charakter zweier Stücke von Robert Schumann zu, der leicht und zart zu spielenden „Arabeske C‑Dur“ (op. 18) und der umfangreicheren, nach seinen eigenen Worten von Jean Pauls Humor inspirierten „Humoreske B‑Dur“ (op. 20), deren besonderen, aus ihrer kompositorischen Eigenwilligkeit resultierenden Reiz er dem Publikum durch seine Art der Wiedergabe besonders nahe brachte. Eigentlich lässt er vor allem die Musik sprechen. Mit feinem Gespür für die kleinen, aber feinen kammermusikalischen Werke und seinen pianistischen Qualitäten spielte er wie in stiller Zwiesprache mit den beiden Komponisten und ließ alle Anwesenden zuhören. Schon die Wahl der Stücke für dieses Konzert verriet einen intimen Charakter. Man konnte sich wie in einem “Privatkonzert“, vertrauten Familien- oder Freundeskreis fühlen, fernab aller kommerziellen Äußerlichkeiten, ganz der Musik in ihrer schönsten Form zugetan.
Für Rösel gibt es auf musikalischem Gebiet keine Nebensächlichkeiten, nichts Veräußerlichtes. Er vertieft sich in jede Komposition, die er gerade spielt, ob monumental oder klein, und bringt sie zum Klingen.
Mit guten Wünschen für den Heimweg und Schumanns äußerst populärerer „Träumerei“ als kleiner, feiner Zugabe, die wohl auch so mancher der Anwesenden selbst gespielt hat, aber auch hier in ihrer Feinheit erst wirklich erfassen konnte, verabschiedete sich der vitale 78jährige Pianist, dessen pianistisches Können noch genauso fasziniert wie während seiner gesamten Karriere, für diesen Abend von seinem treuen und auch neuen Publikum. Man wird ihn bald wieder erleben können, zum Beispiel am 25.11.2022 im Dresdner Kulturpalast mit Schuberts letzten Sonaten.
Ingrid Gerk

