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Die Oper des 20. Jahrhunderts in 100 Meisterwerken von Bernd Feuchtner

10.09.2020 | buch

BUCH: Die Oper des 20. Jahrhunderts in 100 Meisterwerken

Bernd Feuchtner, Die Oper des 20. Jahrhunderts in 100 Meisterwerken

Ein wunderbares Buch! Und ein Buch für diese Zeit (was Autor und Verlag natürlich nicht wissen konnten, als sie das Projekt in Angriff nahmen): Die Theater spielen wieder, „nur ein bißchen kleiner“ (um es mit dem Kabarettisten Otto Reuter zu sagen). Die großen, aufwendig in Szene zu setzenden Werke werden wir zumindest in diesem Jahr nicht mehr zu sehen bekommen. Die Oper Frankfurt ersetzt Ligetis Grand Macabre durch The Medium von Gian Carlo Menotti, eine Kammeroper. In Nürnberg fiel Peter Grimes dem Lockdown zum Opfer, ob und wann die Produktion nachgeholt wird, scheint unklar, die neue Spielzeit wird mit Monteverdis Orfeo eröffnet, natürlich ein zentrales Werk in der Geschichte des Musiktheaters. Bernd Feuchtners Essais über Le Grand Macabre, Peter Grimes und viele andere große Opern können kein Ersatz für Aufführungen sein, aber sie sind immerhin ein Trost für die Liebhaber der Oper des 20. Jahrhunderts.

100 Meisterwerke – von 100 Komponisten! Das ist eine Wette, die man eigentlich nicht gewinnen kann. Was auswählen aus dem Werk von Komponisten, die viele Opern geschrieben haben? Daß Richard Strauss mit Elektra vertreten ist, überrascht nicht wirklich (der kurze Text bietet auf nur vier Druckseiten viele neue Einsichten und Denkanstöße), auch Peter Grimes für Britten, Lear für Reimann, Drei Schwestern für Eötvös sind unmittelbar nachvollziehbar, anderes überrascht. Nach einer sehr lesenswerten Einleitung, die die Entwicklung der Oper im 20. Jahrhundert vor der Folie der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung nachzeichnet und zu dem resignativen, aber wohlbegründeten Fazit gelangt, sie sei heute „gesellschaftlich irrelevant geworden“, beginnt das Buch mutig: Hans Pfitzners Rose vom Liebesgarten, ein Meisterwerk? Gar wichtiger als der von Thomas Mann hochgeschätzte Palestrina? Bernd Feuchtner weiß es zu begründen: Pfitzner war „der Erste, der alleine die Klangfarbe als Ausdrucksmittel nutzte“. Ich teile seine Meinung über Pfitzners „Jugendstiloper“, fürchte allerdings, wir sind in der Minderheit.

Auch bei anderen Komponisten vermeidet der Autor das Naheliegende: Schönberg ist mit der Glücklichen Hand vertreten (nicht mit Moses und Aron), Prokofjew mit dem Feurigen Engel, Franz Schreker mit Irrelohe (nicht z.B. mit den Gezeichneten), Schostakowitsch mit der Nase (nicht mit der inzwischen häufig gespielten Lady Macbeth von Mzensk). Feuchtners Essais, die gewöhnlich zwischen vier und acht Seiten umfassen (am längsten ist wohl der zu Weinbergs Passagierin mit elf Seiten), zeigen stets die Innovationskraft der Werke auf, die die Entscheidungen begründet. Der Aufbau der einzelnen Kapitel folgt keinem starren Schema, aber immer ist von der Bühnenhandlung, der Musik und künstlerischen und geistigen Strömungen die Rede, die den Komponisten (und den Librettisten!) beeinflußt haben.

Ich schmeichle mir, mich im Musiktheater des 20. Jahrhunderts halbwegs auszukennen, und habe einmal durchgezählt: Etwas mehr als die Hälfte der 100 Opern habe ich entweder auf der Bühne, in Fernsehaufzeichnungen oder auf Video gesehen, oder ich habe eine Tonaufnahme gehört. Etwa ein Viertel der Titel sind mir durch Kritiken oder aus der Fachliteratur geläufig. Das letzte Viertel war mir bisher unbekannt. Manches (scheinbar) Exotische ist dabei: Pohjalaisia (von dem finnischen Komponisten Leevi Madetoja (1924)? Nie gehört! Mater dolorosa von dem Niederländer Daniel Sternefeld (1935), Rothschilds Geige von dem Russen Benjamin Fleischmann (1941), „der den ziemlich einzigartigen Versuch unternahm, die jüdische Folklore in die klassische Musik zu integrieren“, die Kinderoper Griffelkin von Lukas Foss (1955) ebensowenig. Liest man Feuchtners Essais zu diesen Stücken, entsteht immer das Gefühl, daß man etwas versäumt hat.

Hundert Komponisten aus hundert Jahren und aus der ganzen Welt – eigentlich ist das nicht viel. Dennoch entsteht nicht der Eindruck, daß Wesentliches fehlt (allenfalls darüber, ob Alfred Schnittke Berücksichtigung hätte finden sollen, kann man m.E. diskutieren). Vier Exkurse: „Der Weg der Veristen in die Arme von Mussolini“ (kurz und knapp, zentriert auf Gabriele D’Annunzio), „Politische Oper in den USA“ (nicht nur die sogenannten „CNN Operas“, sondern ein Überblick von 1896 bis 2000 – und wieder Namen, die man noch nie gehört hat!), „Oper in Lateinamerika“ (recht knapp) und „Berlin, Hauptstadt der DDR“ (zu Ur- und Erstaufführungen, und zu den ideologischen Auseinandersetzungen, die sie auslösten) runden das Bild ab.

Das Buch ist reich, z.T. farbig, illustriert, meist mit Photos aus neueren Inszenierungen. Ein idealer Begleiter für den neugierigen Opernfreund!

Bernd Feuchtner, Die Oper des 20. Jahrhunderts in 100 Meisterwerken, Hofheim: Wolke Verlag 2020, 687 S.

Albert Gier

 

Neu: eigener Internet-Auftritt: www.literatur-theater-libretto.de

 

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