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DIE HÖLLE

16.01.2017 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmCover  Die Hölle~1

Filmstart: 19. Jänner 2017
DIE HÖLLE
Österreich  /  2017 
Regie: Stefan Ruzowitzky
Mit: Violetta Schurawlow, Tobias Moretti, Friedrich von Thun, Robert Palfrader, Sammy Sheik u.a.

Es ist zwar schon eine zeitlang her, aber man wird nie vergessen, dass es Stefan Ruzowitzky war, der mit „Die Fälscher“ 2008 einen echten, schönen, goldenen Auslands-„Oscar“ nach Österreich brachte. Im übrigen ist er ein Regisseur, der sich in allen Genres umgetan hat: Nach dem Wiener Jugendkrimi („Tempo“) hat er vor allem mit den „Siebtelbauern“ auf sich aufmerksam gemacht. Er drehte die beiden knallharten „Anatomie“-Krimis, begab sich nach den „Fälschern“ nicht ganz begreiflich in die Welt des Kinderfilms („Die Hexe Lili“), hatte mit einem Abstecher nach Hollywood („Cold Blood“) nicht wirklich Erfolg, drehte einen Dokumentarfilm – und legt nun mit der „Hölle“ sicher seinen radikalsten Film vor, nimmt man allein die aggressive Brutalität, die das Geschehen durchzieht. Dass der Regisseur auf der anderen Seite extrem sentimental werden kann, macht das Ergebnis letztendlich uneinheitlich. Obwohl Drehbuchautor Martin Ambrosch „Das finstere Tal“ geschrieben hat (und damit ist er heilig).

Die Heldin des Geschehens, und sie ist wahrlich eine, ist von Anfang an im Bild, hinter dem Steuer ihres Taxis, Nachts und bei Regen unterwegs in Wien, Stau am Gürtel, die Lichter der Großstadt flackern düster: Schon ist man bereit, angesichts dieser Bilder jede Art von Gewalt zu erwarten, und sie kommt gleich. Wenn man Özge, der Türkin, blöd kommt, so wie zwei Autofahrer, die den Weg blockieren, dann schlägt sie zu. Und wie. Dass die beiden sich stöhnend am Boden wälzen. Wie im Kino. Eigentlich wie im Hollywood-Trash.

Der Film heftet sich auf Özges Fersen, man erlebt sie bei ihrem Chef (Robert Palfrader als Samir schafft es, einen Türken zu spielen, der sich so assimiliert hat, dass er aus den Österreichern nicht mehr herausfällt), mit ihrer Cousine (Verena Altenberger), die ihr Kleinkind (Elif Nisa Uyar)  herumschleppt und Samir betrügt, bis er sie rausschmeißt, man erlebt sie in dem Club, wo sie Thaiboxen mit aller Härte so rabiat betreibt, dass ihr Ex-Liebhaber (Murathan Muslu) ihr Hausverbot erteilt (und da wird auch angedeutet, wie unabhängig sie ist und unwillig zu einer Beziehung), schließlich bei den „türkisch“ gebliebenen Eltern, Mitleid mit der Mutter, offensichtlicher Haß auf den Vater, der sie in der Kindheit missbraucht hat…

Und dann, als sie allein in ihrer schäbigen Wohnung ist, erlebt Özge einen Mord im Hof des Hauses, und der Täter muss da noch irgendwo gewesen sein und sie gesehen haben… Als die Polizei kommt, gibt sich der Kommissar Steiner sehr herablassend – Türkin, vielleicht Nutte, niemand, mit dem er sich besonders abgibt, Zeugenschutz? Das gibt’s im Fernsehen.

Allein, dass Tobias Moretti diesen Steiner spielt (und er tut es, wie bei allen seine Filmrollen, wieder einmal hervorragend), zeigt dem Kinobesucher, dass dieser Kommissar keine Nebenfigur bleibt, sondern der zweite große „Player“ im Geschehen der „Hölle“ wird. Die bricht dann vollends aus, als der Killer wiederkehrt und in Özges Wohnung nicht sie, sondern ihre Cousine tötet, der sie ihre gelbe Jacke geborgt hat… wie oft war dergleichen im Kino schon da, die fatale Verwechslung? Oder zitiert das Drehbuch absichtsvoll Krimi-Klassiker, auch später, wenn sich herausstellt, dass der Killer seine Taten nach den Flüchen des Koran begeht, die dieser über Nutten ausspricht? Natürlich ist es Özge, die zur richtigen Zeit einen Koran und dort die richtige Stelle findet…

Aber das ist nicht die einzige Kindergarten-Wendung, die das Drehbuch leider nimmt. Sind die beiden Morde, vor allem der zweite, mit aller nur erdenklichen optischen Brutalität vor dem Zuschauer ausgebreitet worden, ist Özge (mit dem Kind der Cousine, das sie nicht bei ihrem Kinderschänder-Vater und ihrer alles hinnehmenden Mutter lassen will) selbstverständlich auf der Flucht. Und wenn sie nun – natürlich – bei diesem ruppigen Kommissar Steiner landet, dessen goldenes Herz schon hie und da aufgeblitzt ist, dann bleibt die Handlung eine zeitlang stehen und ein neuer Film beginnt. Denn da wird – jeder Mensch hat sein Geheimnis, meist zuhause, nicht wahr? – erst ausführlich der edle Charakter des Polizisten gezeigt, nicht nur, weil er Özge und das Kind behält (und, wie auch anders, lieb gewinnt…), sondern weil Drehbuch und Regie da auch noch in einer Kitschorgie die Gestalt des dementen Steiner-Vaters ausspielen, samt bekleckten Windeln und schrulliger Verwirrung: Friedrich von Thun genießt sichtlich die Herausforderung…

Dass Özge den entscheidenden Hinweis auf den Täter gibt (aalglatt und besessen: Sammy Sheik), dass sie mit ihm im Nacken eine Autoraserei durch Wien unternimmt, die es mit jedem Hollywood-Vorbild aufnehmen kann, dass Steiner ihn schließlich bei der UNO aufstöbert, dass dieser mörderisch geifernde Herr im Nadelstreif selbstverständlich Özge, das Kind und den Vater in dessen Wohnung in seine Gewalt bringt (samt eine schaurig- grausame Szene, wo der Bösewicht – ein böser Moslem, der traut sich was, der Ruzowitzky!  – Özge dabei anzündet) … das sind alles zusammen gestoppelte Drehbuch-Klischees, die dem Geschehen jegliche Glaubwürdigkeit nehmen, die doch eigentlich angestrebt ist.

Und das Ende? Selbstjustiz mit Auto, mit Karacho voll aufs Gas und hinein in die Mölkerbastei – ja, man sieht es ein, man wird als Zuschauer ganz blutrünstig: So ein UNO-Diplomat ist doch, wenn man ihn vor Gericht stellt, in Nullkommanix draußen und in Saudi-Arabien verschwunden! Da bringt man die Sache doch besser selbst zu Ende (Charles Bronson, schau oba), wenn man eine entschlossene Özge ist – die verwundet, blutend in seinen Armen, dem Kommissar noch das Happyend entgegenblinzelt…

Nun ist das, bei aller Akkumulation von Klischees, doch ein sehr gut gemachter Film, dessen Stärke wohl auch in der Figur der Özge liegt: Violetta Schurawlow ist nicht hübsch, sie ist störrisch, sie wird auch nie wirklich sympathisch, und das macht den eiskalten, einsamen Engel, der sie ist, dann doch sehr interessant. Man fragt sich tatsächlich, wie schwer es eine Muslima hat (auch wenn die Religion sie nicht interessiert und sie sicherlich kein Kopftuch trägt – in den Augen ihrer Umwelt wird sie immer eine solche sein), sich allein in der „fremden Welt“ (auch wenn sie per Paß Österreicherin ist) durchzusetzen, ob da nicht die Bereitschaft und die Fähigkeit zur Gewalt als Überlebensstrategie dazu gehört. Weil es solche Goldschatzerln von Polizisten, wie Moretti ihn spielt (mit Love Interest-Charakter),  ja im wirklichen Leben nicht gibt, schon gar nicht als Retter aus den existenziellen Gegebenheiten…

Also, die „Hölle“ hat Ruzowitzky mit allen handwerklichen Fähigkeiten eines souveränen Filmemachers bei vielen großen Kollegen abgekupfert, gewissermaßen als Verschnitt der Vorlagen den österreichischen Kommentar zu den Kinoklassikern geliefert. Die Figur des Özge hingegen wird in Erinnerung bleiben.

Renate Wagner

 

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