Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

DIE FEINE GESELLSCHAFT

02.02.2017 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmPoster  Feine Gesellschaft~1

Filmstart: 3. Februar 2017
DIE FEINE GESELLSCHAFT
Ma Loute  /  Frankreich /  2016 
Drehbuch und Regie: Bruno Dumont
Mit: Juliette Binoche, Fabrice Luchini, Valeria Bruni Tedeschi, Brandon Lavieville, Raph u.a.

Nicht alle Filme sind dazu gedacht, einem Publikum vorgesetzt zu werden, das eine normale Geschichte erzählt bekommen möchte. Die Welt des Kinos hat Platz für allerlei bunte Vögel, und der knapp 60jährige Franzose Bruno Dumont zählt zu ihnen. Immerhin hat er eine Juliette Binoche gewonnen, immer wieder für ihn vor die Kamera zu gehen, und Futter für Festivals sind Filme wie die seinen immer. Auch die heuer in Cannes gezeigte  „Feine Gesellschaft“, die im Originaltitel „Ma Loute“ heißt – so wird ein junger Mann aus sehr schlicht bäuerlicher Familie genannt… mit dem wirklich nicht gut Kirschen essen ist.

Dumont stammt aus dem äußersten Nordzipfel von Frankreich, und dorthin, in die Normandie, an die sandig-steinigen, immer windigen Küsten am Kanal ist er mit diesem Film hingezogen. Dass die Handlung  1910 spielt, sieht man nur an der Kleidung der „feinen Herrschaften“, die schlichten Leute sehen wohl immer gleich aus. Und sagen wir es gleich –  da gibt es nicht „gut“ und „böse“, bei allen sozialen Spannungen, denn wenn Dumont die großbürgerliche Familie Van Peteghem, die allsommerlich für die Ferien auf ihr „Schloß“ kommen, auch als fast durchwegs debile Trottel darstellt – die stur und stockig vor sich hinblickenden Mitglieder der Bauernfamilie Brufort sind auch kein Preis. Sie tragen die feinen Leute für ein geringes Entgelt übers Wasser – und ja, wenn jemand bei einer Bootsfahrt verschwindet (man sieht einmal ein tödlich geschwungenes Paddel), dann bessern die Bruforts schon einmal ihren Speiseplan auf. Zwischen schrillen Idioten hier und dumpfen Menschenfressern dort darf man sich zwei Stunden lang bewegen, ohne erhellendes Gefühl, das hätte irgendetwas mit der Wirklichkeit zutun.

Die Handlung befasst sich damit, die Figuren vorzuführen, besonders die durch Inzucht verblödeten, den Zuschauer schnell nervenden Van Peteghems, die gnadenlos ausgeschlachtetet werden. Da sind dann auch zwei Polizisten, Böswald (Cyril Rigaux) und Blading (Didier Després), die wie Stan Laurel und Oliver Hardy durch die Dünen stapfen und vermisste Personen suchen. Und schließlich gibt es die Geschichte einer seltsamen Verliebtheit: Billie Van Peteghem (gespielt von einer jungen Schauspielerin, die sich „Raph“ nennt), ein junges Mädchen, das gerne Bubenkleidung trägt, verliebt sich (man kann es ihr absolut nicht nachfühlen) in Ma Loute (Brandon Lavieville), den Bauernsohn mit dem blöden Gesicht. Nun, sie wird es bereuen, wenn auch ihre Versuche, gesellschaftliche Abgründe zu überbrücken, ganz komisch sind.

Binochex~1

Es dauert gut eine halbe Stunde, bis Juliette Binoche als Aude Van Peteghem (meist mit großen Hüten) auftaucht, und eine der besten, interessantesten Schauspielerinnen Frankreichs mag für manchen Filmfreund schon ein Motiv darstellen, ins Kino zu gehen. Zu welchen Blödheiten und Exzessen sie sich allerdings hier hinreißen lässt, das sucht seinesgleichen, das kann man ehrlicherweise auch nicht als schauspielerische Herausforderung betrachten, weil es einfach die ultimative Schmiere ist. Man schaut ihr kopfschüttelnd zu – immerhin. Fabrice Luchini, der auch blöde sein darf, und Valeria Bruni Tedeschi, von der man nicht weiß, was in ihrem Kopf vorgeht, interessieren allerdings weniger.

Immerhin darf sich die Bruni Tedeschi gegen Ende des Films in die Lüfte erheben, und damit verliert die „Feine Gesellschaft“ das letzte bisschen Boden unter den Füßen, so sie je eines hatte. Dafür schickt der Regisseur auch den dicken Inspektor auf einen Flug über Schloß, Strand und Menschen – und weiß der Teufel, ob man eine Ahnung hat, was Bruno Dumont mit diesem Film, den er auch selbst geschrieben hat, im Kopf herumwirbelte. Zwei Stunden Teppen auszulachen und ein bisschen schwarzen Humor darunter zu würzen, scheint als mageres künstlerisches Konzept.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken