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DIE ABHANDENE WELT

07.07.2015 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmPlakat Abhandene Welt~1

Ab 10. Juli 2015 in den österreichischen Kinos
DIE ABHANDENE WELT
Deutschland  /  2015 
Drehbuch und Regie: Margarethe von Trotta
Mit: Katja Riemann, Barbara Sukowa, Matthias Habich, Gunnar Möller, Karin Dor, August Zirner u.a.

 Eine kurze Erklärung zum Titel zuerst. Eine „abhandene“ Welt gibt es in der deutschen Sprache eigentlich nicht – aber wenn man sich auf das Gustav Mahler-Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ bezieht, dann ist hier durchaus eine Beziehung zur Geschichte hergestellt. Diese würde man allerdings für ein, Entschuldigung schon, verdammt künstliches, verqueres Drehbuch halten, wüsste man nicht den Hintergrund: Angeblich basiert die Handlung auf den ganz persönlichen Erlebnissen von Regisseurin / Drehbuchautorin Margarethe von Trotta… Dagegen ist dann natürlich nichts zu sagen. Oder doch.

Es ist eine Geschichte von fast durchwegs älteren und ganz alten Menschen. Es beginnt mit Sophie, eine der hinreißenden Katja Riemann-Rollen, wo sie ihr ganz persönliches Charisma als relativ erfolglose Bar-Sängerin einsetzen kann (und zum Wohl des Films dringend muss). Sie hat in Matthias Habich als Paul Kronberger einen lästig-beharrlichen alten Vater, der sie eines Tages mit einem Foto konfrontiert, das er im Internet gefunden hat: Die internationale Operndiva Caterina Fabiani (Barbara Sukowa mit Diven-Attitüde) sieht der verstorbenen Gattin dieses Paul und Mutter dieser Sophie zum Verwechseln ähnlich. Zu sehr, dass er an einen Zufall glauben will…

Als dieser Film von Margarethe von Trotta diesen Mai bei der Berlinale lief, konnte man über den persönlichen Konnex lesen – dass die Regisseurin vor Jahrzehnten, als sie den Film „Schwestern oder Die Balance des Glücks“ drehte, von einer fremden Frau angesprochen wurde, die sich als ihre um 15 Jahre ältere Schwester herausstellte, von der sie nichts gewusst hatte, die von der Mutter zur Adoption frei gegeben wurde – ein Geheimnis, das diese vor Margarethe immer gewahrt hatte.

So simpel geht es im Drehbuch allerdings nicht zu, im Gegenteil, da entfaltet sich eine Geschichte so voll Pathos und Unglaubwürdigkeiten, dass man nur den Kopf schütteln kann. Dass Sophie nach New York fährt, um die rätselhafte Frau an der Met singen zu hören – okey. Dass sie so ohne weiteres zu deren Garderobe vordringt, möchte ich sehen, nicht in Wien und nicht an der Met. Und dass sie sich in den Kreisen der  Sängerin quasi einschleicht und gleich in deren Manager (Robert Seeliger) den Mann fürs Leben findet – das ist hart zu verdauen, zumal von einer Regisseurin dieser Reputation.

Viel Pathetisches tut sich, u.a. das Treffen mit der vermeintlichen Mutter dieser Caterina, die von der alten, noch immer seltsam schönen Karin Dor gespielt wird und sich als deren Freundin herausstellt, die dieses Kind, das aus einem Seitensprung von Sophies Mutter stammt, als ihres aufzog. Vater ist des Vaters Bruder (!), und Habich darf sich in einer Szene mit dem alten Gunnar Möller, der ebenfalls nur durchaus erkennbar ist, sogar nach Jahrzehnten handfest raufen… (!!!)

Dazu noch Nebenfiguren wie August Zirner als der nutzlose, verlotterte Gatte dieser Caterina (ganz witzig sind deren coole, nur am Computer hängende Söhne, die sich für gar nichts interessieren, nicht einmal aufschauen, wenn ein unbekannter Großvater auftaucht) oder Rüdiger Vogler, der als Seitensprung der Mutter verdächtigt wird, aber ohne weiteres zugibt, schwul zu sein.

Die Handlung liegt auf Riemann und Sukowa, und das sind Klasseschauspielerinnen, aber selbst sie scheinen sich mit dem spröden Holler, den sich die Trotta da ausgedacht hat, schwer zu tun. Am Ende wissen wir’s: Unbewältigte Vergangenheit muss aufgearbeitet werden, auch in der Familie. Aber bitte nicht so pathetisch und unglaubhaft. Schon gar nicht, wenn so viel hochklassiges Potential auf eine unterklassige Geschichte verschwendet wird.

Renate Wagner

 

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