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DESDEN/ Semperoper: „DAS LIED VON DER ERDE“ VON GUSTAV MAHLER IM 12. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN

12.07.2023 | Konzert/Liederabende

Dresden/Semperoper: „DAS LIED VON DER ERDE“ VON GUSTAV MAHLER IM 12. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN – 11.7.2023

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Daniel Harding. Foto: Markenfotografie

Zum Abschluss der Konzertsaison brachte die Sächsische Staatskapelle Dresden in ihrem 12. und letzten Symphoniekonzert am 9., 10. und 11.7. Gustav Mahlers symphonischen Liederzyklus „Das Lied von der Erde“ unter Daniel Harding, ergänzt von  dem, 2015 unter Hardings Leitung in Wien uraufgeführten Orchesterwerk „Masaot/Clocks Without Hands“ der diesjährigen Capell-Compositrice Olga Neuwirth, die seit über 30 Jahren die zeitgenössische Kunstszene genreübergreifend entscheidend mitprägt. Zwischen beiden Werken besteht eine interne Verbindung, die man zunächst nicht vermutet.

 „Masaot/Clocks Without Hands“ entstand für die Aufführung eines Stummfilms als musikalische Begleitung für großes Orchester. Es ist eine doppelte Hommage, zum einen an den Großvater der Komponistin, der zeit seines Leben zwischen verschiedenen Traditionen und Welten auf der Suche nach seiner Identität umherirrte und sich als Jude immer  ausgegrenzt fühlte, und zum anderen an Gustav Mahler anlässlich seines 100. Geburtstages, aber bei der viel beschäftigten Komponistin wurde es erst einige Jahre später fertig.

 Inspiriert wurde die, 1968 in Graz geborene Komponistin zu ihrer Komposition von einem Traum, in dem ihr der Großvater, den sie nur aus Erzählungen kannte, erschien und jüdische Lieder aus sehr unterschiedlichen Gegenden auf einem alten Grammophon anspielte, die man im Stück auf dem Untergrund wechselnder atonaler Klangteppiche als verschwommene Zitate und Melodiefragmente wahrnehmen kann. Sie symbolisieren die Unruhe des ständigen Wanderns, Reisens und Unterwegsseins eines unfreiwillig unsteten Lebens.

An zufälligen Stellen blitzt immer wieder das jüdisch-traditionelle „Hava Nagila“ („Lasst uns glücklich sein“) leitmotivisch durch. Jeder Mensch möchte glücklich sein, aber hier deuten „Uhren ohne Zeiger“ – die Zeiger sind abgebrochen – Stillstand an, das Ende eines Lebens. Danach verschwinden die Erinnerungen allmählich, an die nur gelegentlich eingeblendete Metronom-Schläge erinnern, die auch daran erinnern, das die Zeit kontinuierlich weiterläuft und verrinnt.

Diese Musik mit ihrer komprimierten und flächenhaft überlagerten Tonsprache in schnellem Wechsel zwischen sehr kurzen, flüchtig vorüberhuschenden Passagen und lauten Klangballungen erschließt sich vor allem über das Wissen um die Inspiration der Komponistin. Sie lässt sich fast nur verstandesmäßig erfassen, obwohl sich die Musiker unter Hardings Leitung dem Werk mit der ihnen eigenen Präzision und entsprechendem Klangsinn widmeten.

Neuwirth wollte, wie sie selbst sagte, damit auch Gustav Mahler reflektieren, der ebenfalls jüdischer Herkunft und Ausgrenzung und Repressalien ausgesetzt war. Er verarbeitete jedoch sein persönliches Leid in anderer Weise und suchte in seinen Sinfonien durch philosophische Auseinandersetzungen dennoch einen Sinn des Lebens zu finden. Wie so oft bei ihm, resultieren die Spannungen in seinen Werken aus dem inneren Widerstreit zwischen Enttäuschung und Absage an das Leben und den vorübergehenden schönen Seiten des Daseins, die er wahrnimmt, jedoch für ihn, einen sehr sensiblen Menschen, aufgrund der Ereignisse und des damit verbundenen emotionalen Bruchs mit der Welt und den Menschen nicht mehr glaubhaft sind. Das „normale“ Leben zieht mit seinen Freuden vorüber und berührt ihn nur schmerzlich.

Zwischen hoffnungsvoller Freude und tiefem Weltschmerz bewegt sich auch sein, kurz vor seinem Lebensende komponiertes, etwa einstündiges „Lied von der Erde“, das zwischen Liederzyklus und Symphoniekantate changiert. Obwohl es für eine Tenor- und Alt- (oder Bariton-)Stimme und Orchester komponiert, nicht in die Reihe seiner nummerierten Sinfonien gehört, wird es gelegentlich aufgrund seines sinfonischen Charakters als seine „neunte Sinfonie“ betrachtet. Es besteht aus sechs Teilen, in denen Mahler sieben Gedichte aus der Sammlung „Die chinesische Flöte“ von Hans Bethge vertonte, der die Lieder nicht direkt aus dem Chinesischen ins Deutsche übersetzte, sondern Hans Heilmanns deutsche Übersetzungen verwendete, der die französischen Übersetzungen von Marquis d’Hervey de Saint-Denys und Judith Gautier frei nachdichtete. Ihre poetische Wirkung ist aber trotz mehrerer „Zwischenstufen“ erhalten geblieben.

Die beiden Gesangspartien mit ihren anspruchsvollen Passagen waren bei der gebürtigen Britin, der Mezzosopranistin Sarah Connolly (Dame Sarah) und dem Tenor Andrew Staples in guten und sehr sicheren „Händen“ bzw. Kehlen. Beide haben den Zyklus schon auf vielen großen Bühnen dieser Welt mit großem Erfolg gesungen

Die bedenkliche Seite des Lebens, bei der der Trinker im Alkohol Ablenkung und Vergessen sucht, wurde von Andrew Staples kraftvoll, mit nicht unbedingt sehr klangvoller, aber für diese Partie doch passender Stimme sehr sicher interpretiert. Für ihn gab es kein Problem, mit dem großen Orchester mitzuhalten und in schöner Übereinstimmung von Stimme und Instrumentenklang bei den Trinkliedern des stumpfsinnigen Zechers zu überzeugen, dem die Schönheit der Natur in seinem Jammer und Trostlosigkeit gleichgültig ist, wenn auch von den gesungenen Texten nicht viel zu verstehen war, aber die waren im Programmheft nachzulesen.

Den Liedern, die mit feinsinnigen poetischen Betrachtungen der Schönheit der sommerlichen Natur und die Wehmut ihrer Vergänglichkeit bis zum Schmerz, wenn der Herbst ins Land zieht, reflektieren, verlieh Sarah Connor mit relativ guter Textverständlichkeit Stimme und Gefühl und ließ mit ihrer Persönlichkeit die lichte Seite des Lebens mit Schönheit, Hoffnung, Emotionen und positiver ‚Lebenseinstellung dominieren und den letzten Teil und damit den gesamten Zyklus stilvoll ausklingen.

In den rein instrumentalen Passagen zwischen den gesungenen Texten brillierte das große Orchester mit sensibler Klangschönheit und Einfühlungsvermögen, lyrischem Flötensolo, klangvoller Oboe und guten Hörnern und verband die beiden gegensätzlichen Gesangspartien zu einer dreiseitigen Einheit, die Mahlers Intentionen nachempfinden ließ.

Bei Gelegenheit des letzten Symphoniekonzertes wurden zwei Kapellmitglieder mit großen Blumensträußen von ihren Kollegen mit leisen, persönlichen Worten, die nur sie hören konnten, in den Ruhestand verabschiedet (die beiden Solisten bekamen keine Blumen!). Es wäre eine nette Geste, wenn das Publikum bei solchen Gelegenheiten einbezogen und ein Vertreter des Hauses oder der Staatskapelle offiziell die Verabschiedung vornehmen würde (wie es früher einmal der Fall war), schließlich kennt und verehrt das Publikum „seine“ Musiker und möchte gern teilhaben.

Ingrid Gerk

 

 

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