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DESDEN/ Semperoper: AUSSERORDENTLICHER KAMMERABEND DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN IM KAMMERMUSIKAUSTAUSCH MIT DEM GEWANDHAUSORCHESTER LEIPZIG

01.07.2022 | Konzert/Liederabende

 Dresden / Semperoper: AUSSERORDENTLICHER KAMMERABEND DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN IM KAMMERMUSIKAUSTAUSCH MIT DEM GEWANDHAUSORCHESTER LEIPZIG – 30.6.2022.

Zwischen der Sächsischen Staatskapelle Dresden und dem Gewandhausorchester Leipzig gibt es kein Konkurrenzdenken, sondern eine freundschaftliche Beziehung, unter anderem mit einem Kammermusikaustausch. Alljährlich treten Kammermusiker der Sächsischen Staatskapelle in Leipzig auf, und in der Semperoper findet ein „Außerordentlicher Kammerabend“ mit einer Kammermusik-Formation des Gewandhausorchesters statt.

Zum Abschluss der diesjährigen Saison war erstmals das, 2016 von vier Musikern des Gewandhausorchesters gegründete,  Grieg-Quartett mit Elisabeth Dingstad und Gunnar Harms, Violinen, Immo Schaar, Viola und Christoph Vietz, Violoncello, zu Gast.

Die Akustik der Semperoper ist zweifellos für Opernaufführungen ideal, für Kammermusik jedoch nicht unproblematisch. Das Grieg-Quartett, das auch mit seinem Namen zum Ausdruck bringt, dass es sich vor allem für die, in unseren Breiten wenig bekannte, Kammermusik des Norwegers Edvard Grieg, der in Leipzig an dem, von Mendelssohn damals neu gegründeten, Konservatorium studierte und von dieser Stadt aus seine internationale Karriere begann, sowie das norwegische Streichquartett-Repertoire einsetzt, musiziert in Leipzig unter anderem im Kammermusiksaal des Gewandhauses, der Grieg-Begegnungsstäte, im Schumann- und Mendelssohn-Haus, dem Alten Rathaus und im Museum der Bildenden Künste, das heißt, in Räumen, die mit ihrem intimen Charakter für Kammermusik gut geeignet sind.

Im Dresdner Opernhaus wirkte die Tongebung sehr zurückhaltend, was sich vor allem bei den beiden bekannten Streichquartetten, dem, sehr transparent, eher „zart“-verhalten, sehr melodiös, „leicht und locker“ interpretierten, „Streichquartett G‑Dur“ (op. 18 Nr. 2) von Ludwig van Beethoven und dem ebenso, nur gegen Ende  etwas kraftvoller gespielten, „Streichquartett Nr. 3 B‑Dur“ (op. 67) von Johannes Brahms, die man von zahlreichen resoluteren und kraftvolleren Interpretationen kennt, bemerkbar machte. Trotz gutem Zusammenspiel und technisch korrekter Wiedergabe wollte der berühmte Funke nicht überspringen.

Den Leipzigern war aber zu danken, dass sie das Dresdner Publikum mit den zwei Sätzen des als Fragment erhaltenen „Streichquartetts F‑Dur“ von Edvard Grieg, von dem Franz Liszt begeistert bemerkte „Es ist mir lange kein neueres Streichquartett begegnet, das mich so sehr interessiert hätte wie dieses“, bekannt gemacht und damit auf das zwar kleine, aber qualitativ hochwertige Kammermusikschaffen Griegs aufmerksam gemacht zu haben. Zu seinen Lebzeiten waren vor allem Griegs Klavierstücke in Europa zum Inbegriff „nordischer Lyrik“ geworden, jetzt droht seine – wie auch viele wertvolle Kammermusik anderer Komponisten – aus den Konzertsälen zu verschwinden und mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten.

Das heitere „F-Dur-Streichquartett, mit dem Grieg seinem vorher komponierten ernsteren „g-Moll-Quartett“ eine „leichte und frohe Schwester an die Seite stellen“ wollte, blieb bis zu seinem Tod unvollendet. Der niederländische Komponist, Pianist und Freund der Familie Grieg, Julius Röntgen, vollendete das Quartett und sorgte für die Druckvorbereitung und eine kuriose „Uraufführung“, bei der Harold Bauer, ein damals bedeutender Pianist, der seine Karriere als Geiger begonnen hatte, die 1. Violine spielte, der weltberühmte Cellist Pablo Casals die 2. Violine (!), die er wie ein Cello hielt, Röntgen die Bratsche und Casals Frau das Cello. Einziges Publikum war Röntgens Frau. Die ersten öffentlichen Aufführungen fanden in Kopenhagen statt. Danach geriet das Quartett weitgehend in Vergessenheit. Das Grieg-Quartett spielte nur die beiden ersten, originalen Sätze.

Dem Publikum des Kammerabends war offenbar alles neu. Es applaudierte nach jedem Satz bei jedem Streichquartett und ließ sich durch nichts bremsen. Nur spontane Begeisterung kann das doch nicht gewesen sein.

Ingrid Gerk

 

 

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