Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Film: DER TRAFIKANT

10.10.2018 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 12. Oktober 2018
DER TRAFIKANT
Österreich, Deutschland / 2018
Drehbuch und Regie: Nikolaus Leytner
nach dem gleichnamigen Roman von Robert Seethaler
Mit: Simon Morzé, Bruno Ganz, Johannes Krisch, Emma Drogunova u.a.

Zuerst war es ein Erfolgsroman des österreichischen Autors Robert Seethaler (*1966) und dermaßen (wie auf dem Reißbrett) auf politisch korrekte Zutaten hin konstruiert, dass das Theaterstück bald folgte (u.a. wurde es vom Volkstheater in Wien gespielt). Und nun hat Regisseur Nikolaus Leytner (der das Genre Film lange zu Gunsten des Fernsehens vernachlässigt hat) die Kinoversion der Geschichte gedreht. Die dann doch einige Fehler hat.

Vor allem jene der Ausstattung: Außer den Szenen „am Land“ (es soll rund um den Attersee handeln), wirken jene, die in Wien „in der Nähe der Berggasse“ entstanden sind und im Grunde nur die Trafik des Otto Trsnjek und die Außenfassade von Sigmund Freuds damaligem Wohnhaus umfassen (der Alsergrund eben…), so „künstlich“, dass man meint, Kulissenstaub in die Nase zu bekommen. Wo immer es gedreht wurde – das echte Feeling kommt nicht auf. Aber die Künstlichkeit ist ja überhaupt ein wesentlicher Bestandteil des Ganzen.

Einerseits eine „Coming of Age“-Geschichte, wie sie ein legitimer Teil vor allem der Literatur ist. Andererseits ein Stück Zeitgeschichte, das die Welt brav in Schwarz und Weiß, Gut und Böse einteilt. Wenn eine schwer ringende alleinerziehende Mutter (Regina Fritsch) ihren 17jährigen Sohn Franz vom „Land“ nach Wien zu einem Ex-Freund schickt, um ihn besser zu versorgen, landet der Jüngling 1937 am Westbahnhof (und Erni Mangold darf ihm entgegenzischeln, welch üble Zeiten das sind). Mamas Ex, der Otto Trsnjek (stark: Johannes Krisch), der auf seinen Krücken eine Trafik in der Nähe der Berggasse betreibt, ist eine der klassischen positiven Identifikationsfiguren: der überzeugte „Rote“, der leidenschaftliche „Sozi“, der sorglich seine verschiedenen Kunden (darunter beispielsweise Gerti Drassl) mit Zeitungen versorgt. Oder auch mit kostbaren Zigarren, wie die andere positive Identifikationsfigur dieser Zeit: den alten Juden, der diesmal kein Geringerer ist als der Professor Sigmund Freud (und man wünschte sich, der große Bruno Ganz hätte daran gedacht, für diese Rolle seinen Schweizer Tonfall abzulegen).

Von den beiden kann der junge Franz Huchel (bis in die Fingerspitzen überzeugend: Simon Morzé) viel lernen, zumal in einer Welt, wo die Nazis ja schon da sind, obwohl sie erst in ein paar Monaten einmarschieren werden. Ob sich der Professor Freud wirklich herabgelassen hätte, mit dem jungen Mann in der Tabak Trafik so freundschaftlich zu plaudern, möchte man zwar bezweifeln, aber sei’s drum: Diesem alten Herren hat man ja schließlich gerade noch die Ausreise erlaubt. Aber für den Genossen Trsnjek ist kein Platz mehr, wenn die Nazis kommen, und sie benehmen sich genau so fies und widerlich, wie man es von ihnen weiß und erwartet…

Und dazwischen muss es natürlich eine Liebesgeschichte geben, sonst ist es nichts mit dem Erwachsenwerden, und dass dergleichen bittersüß ausfällt – wen wundert’s. Sich beim Ottakringer Kirtag in ein hübsches Mädel aus der Slowakei zu verlieben, das den netten „Burschi“ gleich drüber lässt, ist eins. Sie dann wieder zu finden, nicht nur im billigen Strip-Club, sondern dann auch in den Armen eines Nazi-Uniformträgers… das passiert. Und Emma Drogunova hat den ganzen Zauber und auch die nüchterne Erdverbundenheit dieses Flitscherls.

Was die Geschichte mit der Hose des Otto Trsnjek auf sich hat, der in den Räumen der Gestapo ermordet wird und denen Franz die Hose anstelle ihrer Hakenkreuzfahne hinhängt, macht der Film nicht wirklich klar (und gerade da müsste man es sein). Sonst war er in allem, was er erzählen will, so überdeutlich und dabei letztlich so schlicht, dass man aus dieser Bilderbuchgeschichte über die Guten und die Bösen eigentlich wenig mehr herausholt als die politisch korrekte Propaganda. Als in irgendeiner Weise kritisches oder tiefer nachfragendes Zeitbild von 1938 kann man es nicht wirklich nehmen.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken