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DER COUNTERTENOR. JOCHEN KOWALSKI

23.03.2014 | buch

BuchCover Kowalski, Jochen 2014.01

DER COUNTERTENOR.
JOCHEN KOWALSKI
Gespräche mit Susanne Stähr
192 Seiten. Bärenreiter HENSCHEL, 2013

Er war der erste „seiner Art“, er lehrte eine Operngeneration staunen. Heute, da „alte Musik“ ein fester Bestandteil des Repertoires ist, nicht nur als Rarität in den Konzertsälen, sondern beinahe als Alltäglichkeit in den Opernhäusern, gibt es „Countertenöre“ zu Hauf (von denen sich so mancher unerträglich ins Ohr zu bohren scheint…), und man nimmt das Phänomen, dass aus männlichen Körpern extrem hohe, „weiblich“ klingende Stimmen kommen, als so selbstverständlich wie zu Zeiten Farinellis. Das war nicht immer so. Und angesichts dessen, wie lange man Jochen Kowalski schon „im Bewusstsein“ hat (seit gut dreißig Jahren nämlich), wundert man sich fast, dass er „erst“ 60 ist.

Ein gutes Datum jedenfalls, um eine Autobiographie vorzulegen, und eine ganz vorzügliche noch dazu. Das durchgehende „Ich-Erzählen“ ist eine schwierige Sache, weil in eine Lebensgeschichte ja viel Wissen allgemeiner Art einfließen muss, um das Umfeld zu zeichnen. Teilt man dies hingegen in objektive Frage und persönliche Antwort auf, erzielt man die besten Ergebnisse – so wie Autorin Susanne Stähr nun in ihrem Buch „Der Countenor. Jochen Kowalski“.

Es ist ganz und gar sein Buch, er lugt in seiner Unverwechselbarkeit angenehm und sympathisch aus jeder Ecke hervor, und er druckst nicht herum, äußert sich – als gebürtiger Mann der DDR – im Politischen wie im Künstlerischen offen, manchmal gibt es Ausrutscher, hat er es so gesagt, hat man es nicht korrigiert, überlesen? Als er in seinen Anfangsjahren als Requisiteur (!) Ruth Berghaus beobachtete, wie sie auf der Bühne herumschrie, dachte er: „Mein  Gott, sie ist ja wie eine Hetäre.“ Also, an eine griechische Kurtisane hat er bei dieser Gelegenheit wohl nicht gedacht, an eine Megäre schon eher…

Sechs große Kapitel mit Prolog und Epilog, dazwischen „Intermezzi“, um neben dem biographischen Fluss auch allgemeine Fragen anzuschneiden – man weiß, dass die Gliederung eines solchen Buches nicht einfach ist (und man hat von Schauspielern schon manches „Chaos“ als ihre Erinnerungen aufgetischt bekommen). Die Kindheit im Havelland mit festem Bekenntnis zur Herkunft aus der Fleischhauer-Welt, die Lehrjahre in Berlin, die Erkenntnis, dass auch die noch gänzlich ungewohnte Stimmlage des „Altus“ eine Karriere vor sich hat (und eine ziemlich große, wobei das Staunen  noch überwog – man erinnert sich hier gut an den  April 1986, als Kowalski als Guistino an die Wiener Volksoper kam! Im Jahr darauf war er der ungewöhnlichste Orlofsky, den man hier je gesehen hatte).

Als die Mauer fiel, wurde die Welt für all die „DDR-Künstler“ (man hatte Peter Schreier auch davor oft in Wien erleben dürfen), die man nur ausnahmsweise reisen ließ, unendlich größer, das Kapitel kann dann „Ruhm und Reisen“ heißen, erst Covent Garden, dann die Salzburger Festspiele (nach dem Schicki-Micki-Publikum hätte er gerne  mit Mozart-Kugeln losgeballert…), schließlich 1996 die Met mit Brittens „Sommernachtstraum“. Zwischen Operetten und Zeitgenossen (eine Kalitzke-Uraufführung sang er 2010 in Wien) hat Kowalski nie Unterschiede gemacht, es war für ihn immer nur eine Qualitätsfrage.

Jedenfalls überschlug sich in den neunziger Jahren die Karriere Kowalskis , der „leider“ den Fehler gemacht hat, nie nein zu sagen, wie er heute meint, und in der Folge ging es dann auch mit der Stimme bergab. Der Neuanfang war nicht nur eine Lebenskrise, sondern auch von Krankheit gezeichnet (Knötchen an den Stimmbändern und auch noch ein Schlaganfall), und man weiß aus jüngsten Fotos (die es am Ende des farbigen Bildteils gibt), dass Kowalski, der als hübscher Jüngling einst Baryshinkov glich, dem Alter seinen Tribut gezahlt hat.

Und hat auch manches einstecken müssen, was er nicht verschweigt – an der Komischen Oper, an der er unter Kupfer ein Star gewesen war, ließ ihn Andreas Homoki wissen, er sei zu alt und sänge nicht mehr so gut… Barry Kosky hat sich dann überhaupt nie bei ihm gerührt, und Kowalski bekennt, dass er bis heute versucht, einen großen Boden um „sein“ einstiges Haus zu machen. Schmerzlich. Aber Cecilia Bartoli ließ nicht locker, ihn zu ihren Salzburger Pfingstfestspielen zu holen und machte ihm eine Nebenrolle schmackhaft, und so ist Kowalskis Buch eine Offenbarung über die Ups and Downs einer Karriere.

Kowalski endet (ohne es expressis verbis zu zitieren) mit der Erkenntnis der Marschallin, dass jedes Ding seine Zeit habe. „Man muss es zu dieser befristeten Zeit genießen. Aber nicht darüber hinaus. Diese Kurve zu kriegen, ist die eigentliche Herausforderung. Man muss sich verabschieden und auf Neues einstellen. Und manche Aufgeregtheiten kann man dann mit einem Lächeln quittieren. Das ist einer der größten Vorteile des Alters.“

Renate Wagner

 

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