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David King: WIEN 1814

28.09.2014 | buch

BuchCover King, Wien 1814

David King: 
WIEN 1814
Von Kaisern, Königen und dem Kongress, der Europa neu erfand
512 Seiten, Piper Verlag, 2014 

Autoren des englischsprachigen Raums haben den deutschen im allgemeinen voraus, dass sie an sich theoretische, trockene Sachverhalte ungemein lebendig zu erzählen wissen. Wahrscheinlich hat der Piper Verlag darum zu dem Buch „Vienna 1814“ von David King, Professor für Europäische Geschichte an der University of Kentucky, gegriffen, das schon 2008 in der Random House Group erschienen ist. Hierzulande trifft es das Zweihundert-Jahr-Jubiläum des Wiener Kongresses, das nun, da der Erste Weltkrieg mit seinen 100-Jahr-Gedenken einigermaßen abgefeiert ist, in das Zentrum des Interesses rückt.

Und thematisch auch um einiges „amüsanter“ ist, wie Kings originaler Untertitel verheißt: „How the Conquerors of Napoleon Made Love, War and Peace in the Congress of Vienna“. Auf Deutsch muss man Napoleon nicht mehr unbedingt (wie früher oder auch wie Hitler) unbedingt am Titelblatt haben, um ein Buch zu verkaufen: Da reicht “Von Kaisern, Königen und dem Kongress, der Europa neu erfand”, und das trifft die Sache so ziemlich “to the point”, um in der Sprache von David King zu bleiben.

Rund um den berüchtigten Ausspruch des Fürsten de Ligne „Der Kongress tanzt, aber er komm nicht vorwärts“, der einfach zitiert werden  muss, weil er zum Markenzeichen des Ereignisses geworden ist, hat sich das Bild einer  Arbeitszusammenkunft verfestigt, die gänzlich zur Party ohne Ende verkommen ist – und möglicherweise stimmt das oberflächlich betrachtet auch. Aber David King, der sein Buch chronologisch hält – was sehr sinnvoll ist, denn wenn auch gelegentlich am Verhandlungstisch absolut nichts weiterging, so schritt doch die Zeit fort – , behält immer im Auge, worum es dort ging.

Napoleon hatte in mehr als 20 Jahren (seit 1792) Europa permanent mit Kriegen überzogen und dabei dermaßen umgestaltet, dass alle alten Herrschaftsstrukturen in Mitleidenschaft gezogen wurden. Die Habsburger-Monarchie etwa hatte gewaltige Gebietsverluste zu verzeichnen, obwohl sie dem Moloch Napoleon sogar zur Besänftigung eine Maid in den Rachen geworfen hatte (nämlich die Tochter von Kaiser Franz). In Italien und in Deutschland war kein Stein auf dem anderen geblieben, Napoleon hatte seine persönliche „Familien“-Herrschaft bis Spanien, Holland, Neapel vorangetrieben. All das sollte nun, nachdem der Kaiser der Franzosen endlich an der Weite Russlands gescheitert und ins (zugegeben nicht unbequeme) Exil nach Elba geschickt worden war, wieder bereinigt werden.

Wobei King keinen Zweifel an der Tatsache lässt, dass die Siegermächte – vor allem Russland, Preußen und Österreich, in geringerem Ausmaß England, das zumindest keine Napoleonischen Truppen auf eigenem Boden gesehen hatte – vor allem „die Beute verteilen“ wollten, koste es, was es wolle. Und hier werden die Brennpunkte sehr klar dargelegt: Die allgemeine Begehrlichkeit nach Polen, das in Stücke gerissen werden sollte (und auch wurde, und der lächerliche Rest, das schließlich geschaffene „Königreich Polen“, stand gänzlich unter russischem Einfluss); und der Wunsch der Preußen nach Sachsen, dessen König ungeschickt genug gewesen war, bis zuletzt an Napoleon festzuhalten, darauf hin gefangen gesetzt wurde, weshalb sein Land scheinbar zur Disposition stand…

Und nebenbei wollten alle, alle etwas, abgesehen von den Kunstschätzen, die Napoleon in ganz Europa gestohlen hatte und die „restituiert“ werden mussten – auf dem Kongress fanden sich zahlreiche Deputationen mit ihren Forderungen ein: die Malteserritter und die Juden (denen ging es um ihre „Emanzipation“, die sie nach und nach erreichten), Verleger, die um Pressefreiheit und Copyright für Autoren einkamen, und dass der Kongress schließlich die Sklaverei verdammte, war eines seiner größten Ergebnisse…

Zwischen den territorialen Begehrlichkeiten (auch Österreich und das durch Napoleon zum Königtum gewordene Bayern – und ein Königreich wollte man, bitteschön, bleiben! – hatten sich über manches zu einigen, Salzburg und Berchtesgaden beispielsweise) stand immer noch Frankreich, das dem Kongress in Gestalt des gefinkeltsten aller Diplomaten, des 61jährigen Fürsten de Talleyrand, beiwohnte („Verrat, Sire, ist nur eine Frage des Zeitpunkts“, hatte er einmal zu Napoleon, dem er früher diente, gesagt – und führte es vor). Und wenn er schon nichts verlangen konnte, dann wollte er die anderen doch gewaltig stören – und das tat er mit gezielten Intrigen…

Aber natürlich wurde am Wiener Kongress nicht nur gearbeitet, obwohl einige Teilnehmer an ihren Schreibtischen vor Arbeit fast zusammen gebrochen sind. Als der russische Zar Alexander I., eine der schillerndsten Erscheinungen des Kongresses, seinerseits tatsächlich zusammen brach, war das allerdings die Folge der Tatsache, dass er einen Monat lang jede Nacht durchgetanzt hatte. Und sich mit den Damen vergnügte…

Es sind natürlich die Protagonisten, die diesen „Wiener Kongress“, zu dem man im Herbst 1814 in Wien eintrudelte, so spannend machten, und David King führt sie alle mit beträchtlich farbiger, „runder“ Schilderung vor. Da ist natürlich vor allem der Fürst Metternich, der quasi den stellvertretenden Gastgeber spielte, „ganz Europa“ in seinem Vorzimmer hatte, wie er sagte – und dabei vor allem seine Leidenschaft für Wilhelmine von Sagan im Kopf hatte. Die schöne Kurländerin hauste im Palais Palm (das es heute nicht mehr gibt, es stand etwa am Platz des heutigen Burgtheaters) und ließ den schönen Klemens zappeln, weil sie aus privaten Gründen (es ging um ihre im russischen Finnland befindliche Tochter) auch mit dem Zaren flirtete und eigentlich auch andere Liebhaber hatte.

Im Palais Palm wohnte in einem anderen Flügel, um auch das zu erwähnen, die Leib- und Magen-Feindin der Sagan, die wunderschöne russische Fürstin Bagration, auch eine Dame, die sich Metternich und den Zaren (und wohl noch viele andere) als Liebhaber teilte. Und weil in den Betten furchtbar viel besprochen wurde und lauschende Dienstboten dies Agenten meldeten, die bei den österreichischen Behörden zusammen kamen, wurde beim Wiener Kongress wirklich auch Politik jenseits der Verhandlungssäle gemacht.

King führt dann ausführlich Talleyrand vor (und seine schöne Geliebte Dorothea, die Schwester der Wilhelmine von Sagan), den Zaren Alexander (die „verwirrendste und komplexeste Persönlichkeit des Kongresses“, wie King ihn nennt), den immer schwarz gekleideten Führer der britischen Delegation, Lord Castlereagh (der rechtzeitig von Wellington abgelöst wurde, als es dann galt, Napoleon noch einmal zu besiegen). Bei den Preußen waren die Abgesandten Wilhelm von Humboldt und Hardenberg so wichtig wie der König, deutsche Kleinstaaten hatten ihre Kronprinzen geschickt, die sich hemmungslos vergnügten und prügelten – und dann sollte, nach dem Eröffnungsball am 1. Oktober 1814, die Arbeit aufgenommen werden.

Aber dann begann jene Abfolge von Festen, die herrlich anzusehen waren, aber vermutlich auf die Dauer auch äußerst anstrengend, da jedes noch prunkvoller, interessanter und möglichst origineller sein sollte als das vorige… „Das Vergnügen allein riß alles mit sich fort“, wie ein Augenzeuge feststellte. Da erfährt man auch viele Zahlen – etwa, dass jeden Abend in der Hofburg 40 bis 50 Tische für Bankette beladen wurden, die kaum zu zahlen waren und den Staat in tiefe finanzielle Misere stürzten.

Parallel schildert David King sehr anschaulich, wie Napoleon auf Elba lebte, nämlich wie ein König, und dort die Insel „organisierte“, wie er es früher mit Frankreich und  Europa getan hatte. Tatsächlich erweckt King ein wenig den Eindruck, es wäre zu den „Hundert Tagen“ nur gekommen, weil Napoleon sich schrecklich langweilte und ihm seine Spione mitteilten, dass in Wien ohnedies nichts weitergehe (dass seine Gattin Marie Louise, die wieder bei ihrem Vater war, zu ihm kommen würde, darüber konnte er sich nur kurz Illusionen hingeben).

Der Schock, dass Napoleon wieder in Frankreich war und ihm auch der Großteil der regulären Armee (eigentlich saß ja wieder ein Bourbone auf Frankreichs Thron) zulief, hat den Kongress ziemlich auseinander gerissen. Immerhin, so folgert King – hätte er sich nicht so lange hingezogen, wären die Teilnehmer nicht noch in Wien vereint gewesen und hätten sich damals, als Napoleon am 26. Februar 1815 Elba verließ , nicht zu der konzentrierten militärischen Aktion zusammen schließen können, bei der Wellington und Blücher Napoleon schließlich (um ein Haar gewissermaßen) am 18. Juni 1815 bei Waterloo endgültig ausschalteten. Was übrigens höchst anschaulich beschrieben ist – wie alles andere auch.

Der Kongress war schon zuvor zu einem Ende gekommen, die Schlussakte „unterzeichnet am 8. Junius 1815“. Der schlechte Ruf blieb dem Unternehmen haften, obwohl es hundert Jahre dauern sollte, bis es wieder einen ganz „großen“ Krieg geben sollte, der durch die Einbeziehung von Übersee dann ein „Weltkrieg“ wurde. Natürlich blieb die Zeit nicht stehen, die feudalen Systeme, die sich 1814/15 noch einmal untereinander bestätigt hatten, kamen im 19. Jahrhundert zum Zusammenbruch – und dennoch ist es gelungen, in Wien einigermaßen stabile Verhältnisse für die nächsten Jahrzehnte zu schaffen. Und es gibt auch Historiker (Henry Kissinger zum Beispiel), die diesen Kongress als diplomatisches Meisterstück rühmen.

Für den österreichischen Leser bleiben nur kleine Fragen offen – warum etwa jener Kaiser Franz, der „für alle“ zahlte, im Buch von David King eine so schattenhafte Existenz führt (nur weil er nicht so spektakulär war wie Metternich oder der Zar? Ohne Bedeutung war er keinesfalls!). Auch auf andere spannende Figuren hat der Autor verzichtet (etwa auf die ehemalige Königin von Neapel, die Maria-Theresia-Tochter und Tante von Kaiser Franz, Maria Carolina, die in Schloß Hetzendorf hockte und versuchte, ihr Königreich wieder zu bekommen) – aber bei dieser Fülle muss man auch bei einem Buch von über 500 Seiten auswählen, das legitime 100 davon auf Anmerkungen verwendet.

Nur auf Bilder hat man sich überhaupt nicht eingelassen, dabei hätte es hier einiges zu schauen gegeben, von Abbildungen der Feste bis zu den schönen Damen. Aber vielleicht erscheint im Lauf von 2014 / 2015 noch der große Bildband zum Wiener Kongress. Zum Lesen über Fakten und Geschichten, spannende Persönlichkeiten und politische Verwicklungen jedenfalls ist das Buch von David King höchst zu empfehlen.

Renate Wagner

 

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