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DAS THEATER IN DER JOSEFSTADT

22.04.2013 | buch

Herbert Föttinger, Christiane Huemer-Strobele (Hg.)
DAS THEATER IN DER JOSEFSTADT  
Legendäre Geschichten und unvergessene Stars
232 Seiten, Großformat. Verlag Brandstätter, 2013 

Das Jubiläum ist ein bisschen bucklig (1788 begründet, das macht 2013 ganze 225 Jahre), aber das dazugehörige Buch ist umso schöner: „Die Josefstadt“, wie die Wiener sagen und das Theater meinen und nicht den Bezirk, in voller Länge „das Theater in der Josefstadt“, feiert sich und seinen Geburtstag mit einem Prachtband. Großformatig, Hochglanz, durchgehend bunt, viele Bilder doppeltseitig, der berühmte Zuschauerraum in Rot-Gold strahlt dem Betrachter entgegen. Schöner könnte es nicht sein.

Man hat eine große Vergangenheit, aber man beginnt mit der Gegenwart: Daniel Kehlmann, auch etwas wie ein österreichischer Paradedramatiker von heute (im übrigen hält die Josefstadt seit langem Turrini die Treue), lieferte der Josefstadt kürzlich die Uraufführung von „Der Mentor“ – ein witziger Dialog daraus steht am Anfang.  

Aber dann geht es wirklich in die Vergangenheit. Damals, als der Laienschauspieler Karl Mayer in eine Wirtshausfamilie in der Josefstadt einheiratete und sich den Traum der eigenen Bühne erfüllte – damals, am 24. Oktober 1788, begann’s. Dass aus diesem kleinen Vorstadttheater, immer wieder umgebaut und neu adaptiert, eine der wichtigsten Bühnen Wiens werden würde… das erfährt man von Artikel zu Artikel.

Nestroy spielte hier und Raimund (wenn das Haus auch für beide Dichter nicht der „Mittelpunkt des Lebensinteresses“ war, so stand es doch für jeweils wichtige Ereignisse in ihrem künstlerischen Schaffen), Beethoven, Lanner, Strauß spielten hier, man hat auch eine musikalische Tradition (heute in den Kammerspielen mit Kammer-Musicals gepflegt), dann zog mit Direktor  Josef Jarno die Moderne ein und für Arthur Schnitzler wurde die Josefstadt (dann auch mit seiner „Renaissance“ ab zu seinem 100. Geburtstag 1962) ein extrem wichtiges Haus.

In den zwanziger Jahren kam Max Reinhardt, dem der etwas windige Financier Camillo Castigilioni den Umbau des Hauses in seine heutige, unwiderstehlichen Form bezahlte. Fotos von damals zeigen, wie es noch bei Jarno, wie es dann bei Reinhardt aussah. „Welch zauberhaftes Theater“, erinnerte sich kein Geringerer als Gustaf Gründgens!

Reinhardt ist natürlich ein Schwerpunkt, jener Name, der im Zusammenhang mit der Josefstadt immer noch am hellsten strahlt: Hier greift das Buch dann auf alte O-Töne zurück – Reinhardt-Gattin Helene Thimig, Reinhardt-Sekretärin Gusti Adler, sein Sohn Gottfried berichten aus erster Hand. Hans Thimig rekapituliert die mittlerweile weidlich bekannt gewordene „Brandhofer“-Geschichte (wo ein jüdischer Schauspieler sich als älpisches Urvieh ausgab…), Ernst Lothar, nach Reinhardt Direktor, hat auch seine Memoiren geschrieben und erzählt. Und natürlich gibt es Reinhardts legendären Brief an die Schauspieler, eines der Basis-Dokumente der Theaterwissenschaft.

Nicht nur Reinhardt ging nach Amerika: Josefstadt goes Hollywood – der Aderlass des Jahres 1938 war bedeutend, aber ob Peter Lorre oder Leon Askin oder gar Hedy Lamarr, sie landeten umweglos vor den Kameras des amerikanischen Films… Wie die „Zurückgebliebenen“ überlebten, ist auch ein Thema, und kein Geringerer als Robert Schindel ist an der Selbsterforschung dieser Zeit beteiligt. Und ein paar Seiten aus Franzobels Stück „Moser“ – die Föttinger-Josefstadt hat sich dem Thema gestellt.

Die Josefstadt und ihre Schauspieler: Fachmann Georg Markus schreibt über die Hörbigers an der Josefstadt, denn bevor Paula Wessely und Attila Hörbiger die Ikonen des Burgtheaters wurden, waren sie jung und herrlich hier engagiert. Die Familientradition führt übrigens bis zu Großnichte Mavie – auch sie hat hier gespielt, bevor sie ans Burgtheater wanderte.

Nach 1945 wurde das Ensemble eine „Familie“ (die erste Fernsehfamilie bestückte sich fast ausschließlich aus „Josefstädtern“) – und Friedrich Torberg sprach über den Josefstädter Stil: Vilma Degischer, Leopold Rudolf, Erik Frey, eine Garde ohnegleichen. Die Direktoren, die diese Darsteller hegten und pflegten, hießen Franz Stoss und Ernst Häussermann (an dessen legendären „Stammtisch“, der eine Theaterbörse ohnegleichen war, erinnert sich Heinz Marecek).

Die nächsten Direktoren: Eva Maria Klinger würdigt Helmuth Lohner, Otto Schenk würdigt sich selbst mit einem Griff in seine direktoriale Korrespondenz von damals. Michael Dangl schildert eine Leseprobe, man bekommt einen Einblick in die Kostümwerkstatt, Herbert Föttinger (seit 2006/07 Direktor des Hauses, das er in der Ästhetik der Aufführungen an die Gegenwart angeschlossen hat) unterhält sich mit Hausautor Peter Turrini – kurz, das alles ist so bunt und rund, wie man es sich textlich nur wünschen kann, eingebettet in eine Theaterwelt der Bilder.

Herausgeberin Christiane Huemer-Strobele hat ihrem Job als Leiterin der Kommunikation des Hauses Ehre gemacht und all dieses mannigfaltige Material zusammengetragen. Die Josefstadt – eine glanzvolle Geschichte. Man durchschreitet sie mit Hilfe dieses Buches mit Vergnügen.

Renate Wagner

 

 

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