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DAS TESTAMENT

06.06.2018 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 8. Juni 2018
DAS TESTAMENT
The Testament / Ha Edut / Israel, Österreich, 2017
Regie: Amichai Greenberg
Mit: Ori Pfeffer, Rivka Gur u.a.

Die Geschichte ist fiktiv, aber sie könnte wahr sein, packt die jüdische Tragödie, die vom Einst ins Jetzt reicht, von der historischen und der privaten Seite an.

Man lernt den israelischen Historiker Dr. Yoel Halberstam (Ori Pfeffer) kennen, der zwar in Israel lebt, aber viel in Österreich unterwegs ist. Dort kam es in den letzten Kriegstagen in Lensdorf (ein fiktiver Ort, was nicht bedeutet, dass es ihn an sich nicht gegeben haben kann…) zu einer Massenerschießung von Juden. Man weiß, wie viel diesem Volk an würdigen Begräbnisstätten liegt. Nun soll ein Areal, in dem Halberstam vermutet, dass die Juden dort verscharrt wurden, zu Bebauungszwecken zubetoniert werden.

Zu diesem Anlaß hat er seine Auseinandersetzung mit österreichischen Gerichten, live oder per Video-Konferenz. Man ist eisig-höflich (Michaela Rosen als Vorsitzende des Gerichts macht das in perfektem Englisch hervorragend), möchte sich aber gerne aus der Verantwortung herauswinden, nach diesem jüdischen Leichen zu suchen. Man setzt Halberstam immer engere Termine, exakte Beweise für den Begräbnisort zu liefern, sonst… ja, sonst kann man wirklich nichts machen.

Man folgt Halberstam nun in seiner hektischen Suche nach Namen und Fakten. Man hat in Israel die Erinnerungen von Überlebenden aufgezeichnet, an sich verschlossenes Material, in das er Einsicht bekommt – und das ihm die Erkenntnis bringt, dass seine Mutter gar keine Jüdin ist. Sie ist als Waisenkind in einem jüdischen Haushalt aufgewachsen, hat sich nie distanziert, als die Nazis kamen, und hätte beinahe auch das Schicksal der Ausrottung erlitten. Sie lebte dann als Jüdin – aber da Jude-Sein ja bekanntlich vor allem von einer jüdischen Mutter abhängt, ist Halberstam, der zutiefst gläubige, überzeugte Jude, in den Grundfesten seines Seins, im Bewusstsein seiner Identität erschüttert.

Zumal er mit diesem Problem allein bleibt – seine Mutter sagt, mit den Fakten konfrontiert, dazu gar nichts (und erst ganz am Ende, wenn sie schon tot ist, erfährt man in einer wunderschönen Szene, wie es einst dazu gekommen ist, dass sie nach dem Krieg als Jüdin lebte), seine Schwester wird wütend, als er das öffentlich machen will, weil sie die Mutter schätzt und auch keine Lust hat, sich ihr Leben zu ruinieren… und nebenbei muss Halberstam seinem Sohn zusehen, wie er sich auf seine Bar Mitzvah vorbereitet, während er, der Vater, an seinem eigenen Recht, sich Jude zu nennen, zweifelt.

In einer wirklich erschütternden Szene legt Halberstam seine Mütze ab, schneidet sich die Schläfenlocken, rasiert sich den Bart ab, so dass man ihm beim nächsten Gerichtstermin gar nicht erkennt („Und wer sind Sie, bitte?“).

Der langsam erzählte, gewissermaßen grüblerische Film von Regisseur Amichai Greenberg, der auch das Drehbuch schrieb, hat dann doch eine Art Happyend: Irgendwann taucht unter den Dokumenten ein Tagebuch eines Erschossenen auf (vielleicht das titelgebende „Testament“?), das dann auf Umwegen zum Ort führt, wo man die Toten finden kann. Und was die Mutter betrifft… nein, sie war keine Betrügerin, sie war aus eigenem Willen eine gute Jüdin, und so widerborstig sie von Rivka Gur gespielt wird (als sie noch am Leben ist), so echt und wahr wirkt sie doch…

Renate Wagner

 

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