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DARMSTADT/ Staatstheater: Sinfoniekonzert, Staatsorchester Darmstadt · Siobhan Stagg, Sopran · Daniel Cohen, Leitung

21.06.2026 | Konzert/Liederabende

Vollbad der Gefühle – und höchstes Sopran-Glück

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Siobhan Stagg. Foto: Simon Pauly

So kann es gehen, wenn man an einem heißen Sommermorgen um elf Uhr ein klimatisiertes Theater betritt und sich auf ein Konzert einlässt, das einen am Ende mit spätromantischen Gefühlswellen komplett auf den Siedepunkt bringt. Das ist die Kurzversion eines vorweggenommenen Fazits zu einem ganz besonderen Vormittag.

Den Anfang machte Olivier Messiaens Les offrandes oubliées (Die vergessenen Opfergaben), 1930 als eine Art Gesellenstück zum Abschluss seines Kompositionsstudiums bei Paul Dukas entstanden. Der damals 22-jährige Messiaen, geprägt durch sein katholisch-literarisches Elternhaus, skizzierte den religiösen Gehalt seiner dreiteiligen „Meditation“ selbst in einem vorangestellten Text: das Vergessen Gottes in einer von Sünde zernagten Welt. Schon hier zeigt sich Messiaen, der Musik stets auch als Farbe dachte und später zum spirituellsten Komponisten des 20. Jahrhunderts werden sollte.

Im Konzert übte das Werk vom ersten Ton an eine tiefe Faszination aus. In „La Croix“ überzeugten die sonoren Streicher des Staatsorchesters Darmstadt mit großer Klarheit, ein Sog baute sich auf – um im zweiten Satz, „Le Péché“, drastisch aufgebrochen zu werden: harte Schlagzeugakzente, schmerzvolle Dissonanzen in den Bläsern. In der abschließenden „L’Eucharistie“ wurde die Musik dann minimalistisch und tröstend. Ein starker, vielversprechender Auftakt.

Was danach folgte, lässt sich kaum angemessen würdigen, ohne überschwänglich zu klingen. Alban Bergs Sieben frühe Lieder erklangen, deutlich spätromantisch grundiert. Es handelt sich um Bearbeitungen eigener Kompositionen aus den Jahren 1905 bis 1908, also aus der Zeit, in der Berg bereits Schüler Arnold Schönbergs war. Erst 1927, längst als Komponist des „Wozzeck“ etabliert, überarbeitete Berg die Lieder und instrumentierte sie zu einem Zyklus, den er seiner Frau Helene widmete. Die Orchesterbesetzung ist raffiniert symmetrisch angelegt: vom vollen Apparat in den Rahmenliedern bis hin zum solistischen Streichquintett oder reduzierter Bläserbegleitung in den Binnenliedern.

Als Solistin konnte die australische Sopranistin Siobhan Stagg gewonnen werden, die bereits auf eine beachtliche internationale Karriere zurückblicken kann. Was für eine Künstlerin! Auswendig vortragend verkörperte sie jedes Lied mit einer Hingabe, die außergewöhnlich war. Jede Silbe wirkte erlebt und tief empfunden, als entstünde die Musik gerade in diesem Moment aus ihr selbst heraus. Eine warme, obertonreiche Stimme, die nicht nur wortdeutlich sang, sondern geradezu existenziell gestaltete, ohne dabei je zu überreizen. Höhepunkt war passenderweise „Traumgekrönt“, an dessen Ende auf dem Wort „Nacht“ ein langes Crescendo in cremigster Tongebung zelebriert wurde – ein akustischer Wonnebogen, für den man als Zuhörer nur dankbar sein konnte. Daniel Cohen erwies sich dabei als formidabler Begleiter, das farbenreiche Staatsorchester als idealer Klangpartner. Das Publikum spendete reichen, herzlichen Beifall.

Nach der Pause dann Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 4 G-Dur – ein Werk, dessen Keimzelle, wie schon bei der Dritten, ein Lied ist. Ursprünglich als Fortsetzung der Dritten geplant („Was mir das Kind erzählt“), griff Mahler auf ein 1892 komponiertes Lied nach einem Text aus „Des Knaben Wunderhorn“ zurück: die kindliche Vorstellung vom Schlaraffenland, im Original als „bayerisches Volkslied“ überliefert. Anders als ihre monumentalen Vorgängerinnen ist die Vierte kleiner besetzt, verzichtet auf Posaunen und Tuba und folgt mit Scherzo an zweiter und langsamem Satz an dritter Stelle einer eher klassischen Anlage – bis hin zum vierten Satz als Liedfinale, der zugleich die thematische Keimzelle der ganzen Sinfonie ist.

Daniel Cohen hat seine tiefe Affinität zu diesem Komponisten schon in der Vergangenheit bewiesen und bestätigte sie an diesem Vormittag eindrucksvoll erneut. Es gibt heute nur wenige Dirigenten, die so klar und so weit hinter die Partitur schauen wie er. So entstand ein geradezu dualer Höreindruck: zwischen den gespielten Noten und dem, was sie eigentlich ausdrücken. Die vermeintliche Zugänglichkeit, die streckenweise empfundene Naivität dieser Sinfonie wurde immer wieder gebrochen, was dem Werk eine bezwingende, hintergründige Besonderheit verlieh. Die Holzbläser bedienten sich dabei intensivster Farben – schrill, schnarrend, warm, auch grotesk. Fabelhaft sicher und maximal risikobereit zeigte sich die Solo-Hornistin Juliane Baucke, deren Einsätze so charakteristisch und leuchtend gerieten, wie man sie selten hört; im zweiten Satz steigerte sie ihre Beiträge durch klare Akzente und bot damit dem Konzertmeister deutlich Paroli. Wilken Ranck wiederum machte an seiner umgestimmten, fidelähnlich schrillen Solo-Violine im zweiten Satz unmissverständlich klar, dass mit diesem Gevatter Tod nicht zu spaßen ist – im Verein mit den vorlauten Holzbläsern wirkte der Satz streckenweise wie ein gespenstischer Spuk.

Der dritte Satz, von Cohen als „Poco Adagio“ wörtlich genommen, trat dabei niemals auf der Stelle, sondern steigerte sich langsam und unaufhaltsam – ein hingebungsvoller Orchestergesang, bei dem das Staatsorchester glühte und blühte, dass jeder Stein weich werden musste. Der Höhepunkt mit der sich öffnenden Himmelspforte gelang derart groß und überwältigend, als würde sich das Dach des Theaters tatsächlich öffnen. Währenddessen betrat Siobhan Stagg, nun im hellen Sternenkleid, von der Seite das Podium – ganz anders, als man es sonst kennt: Sie wirkte wie ein Kind, das eine Tür öffnet, um herauszufinden, woher diese himmlische Musik kommt. Ihre sprechende Mimik übersetzte den Übergang zum vierten Satz auf beglückende, ganz natürliche Weise.

Die knapp zehn Minuten des Finales versetzten die gebannten Zuhörer in ein tröstendes Elysium, aus dem man nicht wieder zurückwollte. Der von Mahler geforderte „kindliche Ausdruck“ gelang faszinierend; wieder wirkte jede Silbe gefühlt und erlebt, auch hier auswendig gesungen. Tonschönheit, makelloses Legato und ein vorbildlicher Vokalausgleich boten die perfekte Plattform für einen Vortrag auf höchstem Niveau.

Lange blieb es still – die Stille nach der Musik. Dann beseelter, lang anhaltender Beifall für ein besonders unvergessliches Konzert.

Dirk Schauß, 21. Juni 2026

 

  1. Sinfoniekonzert, Staatstheater Darmstadt, Sonntag, 21. Juni 2026, 11 Uhr

Staatsorchester Darmstadt · Siobhan Stagg, Sopran · Daniel Cohen, Leitung

Foto: Copyright by Simon Pauly

 

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