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DARMSTADT/ Staatstheater: SAINT FRANCOIS D’ASSISE von Olivier Messiaen

28.01.2019 | Oper

Staatstheater Darmstadt, Saint François d’Assise von Olivier Messiaen (26.1.2019)

Regie: Karsten Wiegand und Luise Kautz, Bühne: Bärbl Hohmann, Kostüme: Andrea Fisser, Video: Roman Kuskowski, Licht: Nico Göckel, Dramaturgie: Gernot Wojnarowicz

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Copyright: Stefan Ernst, Der Engel (Katharina Persicke) , hier als frecher Lausbub, der die Brüder neugierig macht

Olivier Messiaen zählt zu den außergewöhnlichen Komponisten des 20. Jahrhundert. Er schrieb nur eine Oper, welche im Jahre 1983 in Paris uraufgeführt wurde. Eigentlich ist es keine Oper im herkömmlichen Sinn, denn es beschreibt in 8 Bildern Lebensabschnitte der Titelfigur. Neben zahlreichen Vokal-, Orchester- und Klavierwerken komponierte er auch viele Orgelstücke, da er 60 Jahre einer Organistentätigkeit nachging. Das Libretto stammt von seiner Feder.

Das Werk, das sich durch viele Superlative von gleichartigen Musikdramen abhebt

Dieses bedeutungsvolle Spätwerk, beinhaltet viele Superlative. Die reine Aufführungszeit ist länger, als Richard Wagners Parsifal, das Orchester beansprucht laut Partiturangabe ungefähr 140 Musikinstrumente und drei aus der Frühzeit der elektronischen Musik stammende Tasteninstrumente, das sogenannte Ondes Martenot, welches inzwischen durch moderne Tasteninstrumente ersetzt wird. Drei Chöre, die meist an verschiedenen Stellen des Hauses postiert werden, vervollständigen neben den Solisten diese immense Herausforderung. Der Komponist hat 8 Jahre an diesem Werk bis zur seiner Fertigstellung gearbeitet. Man kann sich vorstellen, dass dabei auch das Publikum übermäßig gefordert wird.

Das Publikum ist in die Handlung integriert.
Das gesamte Orchester wurde in den hinteren Teil der Bühne verlagert, das in unterschiedlichen Positionen musiziert. Der zugedeckte Orchestergraben dient dabei als Vergrößerung der Spielfläche. Die Distanz zwischen Bühne und Publikum fällt weg, die Besucher werden zwangsläufig mit in die Handlung einbezogen. Auch ein Chor ist mitten in die Zuschauerreihen eingebettet. Das Ergebnis ist die totale Integration bei der berühmten Vogelpredigt im sechsten Bild. Plötzlich taucht der komplette Zuschauerraum in ein Vogelparadies ein, vielleicht der Höhepunkt des gesamten Werkes. Messiaen hat hier unzählige Vogelstimmen verarbeitet und mit einer Dauer von 40 Minuten neue Maßstäbe gesetzt. Es ist ein Dialog zwischen der Titelfigur und der Vogelwelt, ein tiefgehendes Erlebnis. Im Parsifal stellt Gurnemanz fest, dass der Raum zur Zeit wird, hier ist es ein zeitliches Raumerlebnis.

Bewegend die Heilung des Aussätzigen durch einen Kuss von Franziskus
Anfangs beklagt sich der Aussätzige über sein Schicksal und seine schlechte Behandlung, wird dann aber durch die beruhigenden Worte von Franziskus besänftigt, um schließlich bei seiner wundersamen plötzlichen Heilung durch den Kuss von der Titelfigur von großer Freude erfasst. Hier zeigt sich die vielfältige Ausdrucksweise der Partitur, eine Mischung von Schuldzuweisung, Leid und schließlich übermäßiger Freude.


Copyright: Stefan Ernst, Der Kuss: Franziskus (Georg Festl) und der Aussätzige (Jean-Noel Briend in der Vorstellung)

Die Klangwelten des Olivier Messiaen
Der Komponist konnte bestimmte Farben seiner Tongebung zuordnen, die er genau dokumentiert hat. In der Tonsprache sind Einflüsse des französischen Spätromantikers und Impressionisten Claude Debussy erkennbar Musikalisch ist es eine Mischung aus Tonalität mit viel Rhythmik und großen Melodienbögen mit gregorianischen Tonfolgen. Allerdings kann man den Komponisten nicht als einen Synästhetiker bezeichnen.
Ein Zitat lautet: Du sprichst durch Musik zu Gott: Er wird dir durch Musik antworten. Während dieses musikalischen Dialoges wandert Franziskus ständig im Kreis, bis er vor Erschöpfung zusammenbricht. Es ist demnach ein Ergebnis von physischer Belastung und anstrengender geistiger Kommunikation. Bewundernswert die impressionistischen Farben des Bühnenbildes.

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Copyright: Stefan Ernst Franziskus (Georg Festl) beim musikalischen Dialog mit Gott

Eine hervorragende Interpretation von Orchester, Sänger und den drei unterschiedlichen Chören unter der Leitung von Johannes Harneit

Johannes Harneit ist selbst Komponist zahlreicher Vokal- und Instrumentalwerke und hat schon viele zeitgenössische Musikstücke geleitet. Die eigenständigen Motive werden transparent herausgearbeitet, außerdem besteht eine klare Abgrenzung der einzelnen Orchesterteile und das Forte überdeckt niemals die Stimmen der Protagonisten.

Die drei Chöre

Der Opernchor des Staatstheaters Darmstadt, Rhein-Main Kammerchor (Einstudierung: Johannes Püschel), Darmstädter Kantorei (Einstudierung: Christian Ross)

Messiaen hat in seinem Werk ein Finale gesetzt, das wohl einmalig in der Opernliteratur ist. Es sind C-DUR Klänge mit ständigen Forteschwankungen, die beim Publikum Spannung und Anspannung zugleich verursachen. Man hat das Gefühl, dass dieses Klanggebilde kein Ende hat. Es sind die weißen Tasten am Klavier, die das hell leuchtende Licht in die unendlichen Weiten des Universums bis zum Erlöschen, dringen lässt.

Georg Festel, interpretierte mit seinem sanftem, lyrisch ausgeprägten Bariton, die sängerisch und darstellerisch kraftraubende Partie mit einer beeindruckenden Leistung. Seine Stimme ist die ideale Verkörperung des Franziskus, sanftmütig, nicht aufdringlich, aber letztendlich doch überzeugend.

Bruder Léon: Julian Orlishausen, Bruder Massée: David Lee, Bruder Élie: Michael Pegher, Bruder Bernard: Johannes Seokhoon Moon, Bruder Sylvestre: Werner Volker Meyer, Bruder Rufin: Thomas Mehnert, der Aussätzige: Jean- Noel Briend, mit glaubwürdigem überzeugenden Tenor.
Der Engel, Katharina Persicke, mit wohlklingenden hell leuchtendem Sopran, soll in der Szene eigentlich durch einen Wanderer dargestellt werden. Die Regie hat aus ihm eine neugierige, eher zu Spaß neigende Figur, gemacht.

Bei den Opernfestspielen von München im Jahre 2011 wurde dieses Werk unter der Leitung von Kent Nagano aufgeführt. Die umjubelten Aufführungen waren damals ein internationales Großereignis. Die Produktion des Staatstheaters Darmstadt würde in allen Belangen einer kritischen Bewertung mindestens ebenbürtig sein.

Franz Roos

Zusatzvorstellung wegen der großer Nachfrage am 26.11.2019

 

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