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CUNEWALD/ Kirche/ LAUSITZ-FESTIVAL MIT ELINA GARANCA, MARTHA ARGERICH UND CHARLES DUTOIT –

17.10.2020 | Konzert/Liederabende

Cunewalde / Kirche: LAUSITZ FESTIVAL MIT ELINA GARANCA, MARTHA ARGERICH UND CHARLES DUTOIT – 25.9. ‑ 16.10.2020

Seit einem Jahr gibt es ein neues Festival in Deutschland, das Lausitz Festival, im geografischen Mittelpunkt Europas, der Lausitz, einer landschaftlich reizvollen, aber vom niedergehenden (Braunkohle‑)Bergbau geprägten, Mittelgebirgsregion, die sich – auch in der Geschichte nie einheitlich verwaltet – über Teile Brandenburgs (Niederlausitz), Sachsens (Oberlausitz), Tschechiens (früher böhmische Gebiete) und Polens erstreckt, im deutschen, dem größten Teil, vorwiegend von Deutschen und einer, seit Urzeiten (6. Jh.) ansässigen, westslawischen Ethnie, den Sorben (nicht Serben), bewohnt und deshalb teilweise zweisprachig.

Das etwa dreiwöchige Festival unter Intendant Dietrich Kühnel ist noch im Werden begriffen und hat sich zur Aufgabe gestellt, zukunftsorientiert und genreübergreifend, internationale Spitzenkräfte zu gewinnen und mit Künstlern aus der Region zusammenzubringen. Als Aufführungsorte dienen Säle und Kirchen in Städten und Dörfern der Region, u. a. in Bautzen, Bad Muskau, Görlitz, Hoyerswerda, Spremberg und Zittau. Neben literarisch-musikalischen Veranstaltungen, Jazz- und Popkonzerten, Videoinstallationen, Performance, Schauspiel, Vorträgen, Gesprächen und Ausstellungen finden auch „klassische“ Konzerte und Liederabende statt.

Vieles, was Rang und Namen hat, kam in diesem Jahr zum Lausitz Festival: Pavol Breslik, Michael König, Christiane Karg und Gerald Huber, Thomas Konieczny, der Franz Schuberts „Winterreise“ auf Polnisch sang, Michael Volle und Helmut Deutsch, Rolando Villazón und Xavier Maistre, Piotr Anderszewski, Gidon Kremer, Mischa Maisky mit seinen beiden Kindern Lily (Klavier) und Sascha (Violine), Isabel Karajan und – Martha Argerich, Charles Dutoit und Elina Garanca. Die Künstler waren von der Landschaft und der Freundlichkeit der Bewohner sehr angetan.

Letztere kamen zu Konzerten in die Dorfkirche von Cunewalde, einer am Ende des 18. Jahrhunderts erbauten (Spät‑)Barockkirche, die mit ihren 2632 Plätzen (ohne bauliche und Corona-bedingte Maßnahmen) als die größte Dorfkirche Deutschlands gilt, gelegen im Landkreis Bautzen in einem Tal des Lausitzer Berglandes zwischen Czorneboh, dem „Schwarzen Berg“ und Bieleboh, dem „Weißen Berg“, und trotz derzeitiger baulicher Mängel  imposant. In einem „klassischen“ KONZERT (10.10.) traten hier Martha Argerich und Charles Dutoit zusammen mit der Neuen Lausitzer Philharmonie auf, die 1996 aus einer Fusion der Lausitzer Philharmonie und des Philharmonischen Orchesters Görlitz hervorgegangen ist.

Die Deckenverkleidung, die die Besucher vor herabfallenden Putzstücken schützt, wurde durch Videoinstallationen in wechselnden Farben und Mustern kaschiert. Die Besucher wurden mit ungewohnten Theremin-Klängen empfangen, von Carolina Eyck mit anmutigen Bewegungen der Hände „musiziert“, einer deutsch-sorbischen Musikerin und Komponistin. Beim Theremin, dem einzigen berührungslos Töne erzeugenden, elektroakustischen Musikinstrument, erfunden 1920 von dem russischen Physiker Lew S. Termen (1896-1993), der zeitweilig in den USA lebte und später in der Sowjetunion auch Abhör‑ und Alarmanlagen konstruierte, dient der menschliche Körper, speziell die Hände, zwischen denen sich zwei Antennen aufbauen – die eine für die Tonhöhe, die andere für die Lautstärke – dem kontaktlosen Erzeugen auf- und abschwellender, sphärisch schwebender Klänge, die in der neuen Musik, Science-Fiction-Filmen und experimenteller Pop-Musik Verwendung finden.

So interessant die Begegnung mit dem, in der „klassischen“ Musik wenig bekannten, Instrument aus den 1920er Jahren, dem Vorläufer des Synthesizers, auch sein mochten, passten die „geisterthaften“ Klänge noch am ehesten zu dem danach aufgeführten , stark emotionalen „Adagio for Strings“, das Samuel Barber (1910 – 1981), der amerikanische Komponist, der mit 11 Jahren bereits zu komponieren begann, 1938 aus dem 2. Satz seines, 1936 während eines Studienaufenthalts am Wolfgangsee bei Salzburg komponierten und unter Arturo Toscanini in New York uraufgeführten, String Quartet (op. 11) arrangierte.

 

Das „Adagio“ wurde sein populärstes Stück und stellte sein weiteres kompositorisches Schaffen in den Schatten. 2004, von den Hörern der BBC zum „traurigsten klassischen Stück“ gewählt, wurde es u. a. bei Beerdigungen berühmter Persönlichkeiten, wie US-Präsident Franklin D. Roosevelt, John F. Kennedy, Grace Kelly und Rainier III. von Monaco, Albert Einstein und im Gedenken an die Anschläge des 11. September gespielt sowie in zahlreichen Filmen verwendet.

Unter der genialen Leitung keines Geringeren als Charles Dutoit, der großen Orchestern von Weltrang vorstand, wurden die Streicher zu einer klangvollen Wiedergabe inspiriert, die noch lange nachklang.

Als danach noch einmal die so anders gearteten Theremin-Klänge und auch noch zwischen der “Sinfonie Nr. 29 A‑Dur“ von Wolfgang Amadeus Mozart und dem „Klavierkonzert Nr. 2 B‑Dur von Ludwig van Beethoven zu hören waren, trafen zwei sehr unterschiedliche Klangwelten aufeinander. Man hätte sich diese „Interludien für Theremin“ besser als geschlossenes Entree vorstellen können.

Bei der Mozart-Sinfonie wuchs das Orchester unter Dutoits Leitung über sich hinaus und überzeugte mit einer gültigen Mozart-Interpretation, frisch, mit entsprechender Phrasierung und guter Diktion, seitens des Orchesters eine solide Leistung, seitens des Dirigenten leidenschaftlich und inspirierend, wie auch danach bei Beethovens Klavierkonzert in Dialog und Gemeinsamkeit mit der temperament- und geistvollen Martha Argerich, die in jugendlicher Frische Beethovens Klavierkonzert so vital und werkgerecht spielte und wo er mit dem Orchester jenen spezifischen Klang zauberte, der Beethoven eigen ist.

Als eine der besten Pianistinnen der Gegenwart ist Marta Argerich für ihr temperamentvolles Spiel bekannt. Ihre große Klavierkunst ist legendär, ihr Anschlag brillant, feinsinnig, sensibel und ausdrucksstark. Ihre Läufe perlen nur so über die Tastatur, ihre souveräne Kadenz verzauberte und ihr vergeistigtes Spiel teilte sich unmittelbar mit. Zwischen ihr und ihrem zweiten und Ex-Ehemann Dutoit gab es ein einvernehmliches musikalisches Miteinander. Sie bedankte sich nach einer beglückenden gemeinsamen Wiedergabe des Klavierkonzertes mit einer weißen Rose, die sie für ihn aus ihrem Strauß zupfte, den ihr der Erste Konzertmeister nach einem galanten, seine Verehrung ausdrückenden, Handkuss aufgehoben hatte und dafür eine rote Rose erhielt – eine nette Geste, die viel auszudrücken vermochte. Das Publikum verneigte sich in Gedanken ebenfalls vor ihr und wurde für seinen begeisterten Beifall mit einer Zugabe belohnt, einem grandios gespielten Sonaten-Satz von Scarlatti.

 Gemäß dem Motto des Festivals fand das Eröffnungskonzert (25.9.) unter dem Titel „ZwischenWelten“ im wahrsten Sinne genreübergreifend auf einem ehemaligen Industriegelände, das zum soziokulturellen Zentrum umgebaut wurde, mit Klang- und Videoinstallationen, Live-Elektronik, Ballett usw. statt.

Für das bekrönende ABSCHLUSSKONZERT (16.10.) gab es ein besonderes Highlight, einen Liederabend mit Elīna Garanča, der viel versprach und noch mehr hielt. Es wurde ein glänzender Abschluss des Festivals. Trotz zeitweise strömendem Regen waren die Musikfreunde von überall herbeigeströmt.

Mit feinstem, auch in dieser großen Kirche tragenden, Piano und Pianissimo ihrer modulationsfähigen Stimme begann sie ihren Liederabend mit „Frauenliebe und -leben“ von Robert (und Clara) Schumann. Als Frau und Mutter von zwei Kindern wusste sie, wovon sie singt. Mit unsagbarer Feinheit, Innigkeit und Empfindsamkeit und sehr exakter Artikulation gestaltete, nein durchlebte sie Stimmungen und Seelenleben einer Frau in acht Liedern nach Texten von Adelbert von Chamisso, voller Spannung und mit kleinen, dezenten Gesten unterstreichend.

Trotz großer Opernpartien hat sie sich ihre „glänzende Stimme“, auf die seinerzeit Joan Sutherland aufmerksam wurde, ihren warmen, gefühlvollen Mezzosopran mit seiner ganzen Feinheit und Sensibilität bewahrt und ist neben ihren phänomenalen Opernsauftritten auch eine ideale Liedinterpretin geblieben. Sie schien die Lieder auch inhaltlich mitzufühlen und steigerte sich, so wie sich der Inhalt der Lieder langsam zuspitzt, bis zum letzten Lied („Nun hast du mir den ersten Schmerz getan“) in unauffälligem Cresendo zu großer Expressivität und emotionaler Gefühlsäußerung ohne jede stimmliche Härte.

Bei ihrer geschickten Programmauswahl konnte sie mit beiden Elementen, der feinsinnigen Seite und stimmlicher Kraft in Expressivität bei zehn Liedern von Johannes Brahms brillieren, was dann in acht, ganz anders gearteten, Liedern von Sergej Rachmaninow, die sie so gern singt – was sie dem Publikum freundlich mitteilte – mit großen spannungsreichen musikalischen Linien seinen Höhepunkt fand und danach in zwei weiteren Liedern von Rachmaninows als Zugaben noch einmal Revue passierte.

Elīna Garanča vermochte, auf jeden Komponisten in seiner Individualität, auf jedes Lied in seiner Spezifik einzugehen, die breite Palette der Farbigkeit ihrer Stimme, in allen Tonlagen perfekt und klangschön einzusetzen, die Inhalte nachzufühlen und der andächtig lauschenden Zuhörerschar mitzuteilen.

Der Prominenten- und ihr ständiger Begleiter am Flügel, Malcolm Martineau, ergänzte als kongenialer Partner in gegenseitigem Miteinander, nie vordergründig, aber dennoch mit ebenbürtigem Ausdruck, ihre Liedgestaltung und steuerte zwischen den Liedgruppen die „Träumerei“ aus den „Kinderszenen“ (op. 15) von Robert Schumann wirklich „träumerisch“ und ein „Intermezzo“ (op. 16 Nr. 4) von Johannes Brahms bei, „zelebrierend“, mit ausdruckssteigernden Ritardandi und nicht ohne äußere Effekte, wie sie ein internationales Publikum beeindrucken.

Auf das nächste Lausitz Festival 2021 kann man schon jetzt sehr gespannt sein.

Ingrid Gerk

 

 

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