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COBURG/ Landestheater/“Globe“: MY FAIR LADY . Musical von Frederick Loewe

16.02.2026 | Operette/Musical/Show

Landestheater Coburg/ Frederick Loewe Musical „My Fair Lady“/15. Februar 2026

 Musikalische Eleganz trifft auf zeitlose Gesellschaftskritik: „My Fair Lady“ im GLOBE Coburg

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Foto: Christina Iberl

Mit Frederick Loewes Musicalklassiker „My Fair Lady“ gelingt dem Landestheater Coburg eine Inszenierung, die den Charme des Broadway-Evergreens mit einer zeitgemäßen Sensibilität für soziale Machtverhältnisse verbindet.

Neugierig waren wir mit dem „Dampfroß“ (heute natürlich Diesellock) aufgebrochen. Unser Weg führte uns aus der kurmainzischen Statthalterei zu Erfurt und Sachsen-Weimar-Eisenach ins fränkische Sachsen-Coburg-Gotha. Unsere Erwartungen wurden nicht enttäuscht, denn die Coburger-„My Fair Lady“ hielt jede Menge einheimischen fränkischen Charme bereit. Den fränkischen Sprachwitz in dem Stück zu entdecken, hieß auch: eine neue Interpretationswelt wahrzunehmen. Sowohl im Dialekt als auch im Soziolekt ist das Landestheater Coburg ganz eigenen Wege gegangen. Ein Fest für die Ohren sollte diese Inszenierung werden und sie wurde es auch.

Regisseurin Sonja Trebes hat sich für eine dynamische, bildgewaltige Umsetzung entschieden, die den GLOBE Coburg zum pulsierenden London des frühen 20. Jahrhunderts werden lässt. Die raschen Szenen und Bildwechsel führen das Publikum von den schmuddeligen Straßen Covent Gardens über die mondäne Pferderennbahn in Ascot bis in die prachtvollen Säle des Diplomatenballs, jede Welt für sich ein präzise gezeichnetes Gesellschaftsporträt.

Eine Inszenierung zwischen Tradition und Gegenwartsbezug

Trebes‘ Regie gelingt der Spagat zwischen werkgetreuer Musicalromantik und einer Lesart, die die sozialkritischen Dimensionen des Stoffes nicht unter den Teppich kehrt. Sie betont die Mechanismen von Sprache als Klassenschranke und Machtinstrument, ohne dabei die Leichtigkeit und den Witz des Stücks zu opfern. Besonders clever: Die Integration der Tonaufnahmen, die Professor Higgins mit seinem Diktiergerät anfertigt und die über Lautsprecher in den Bühnenraum projiziert werden. Diese technische Ebene wird zum subtilen Verweis auf die Kontrolle, die der Professor über seine „Schöpfung“ ausübt. Eliza wird nicht nur sprachlich, sondern auch medial erfasst, vermessen und dokumentiert.

Das Bühnenbild von Dirk Becker spielt virtuos mit Ebenen und Perspektiven. Higgins‘ Studierstube ist ein chaotisches Sammelsurium phonetischer Apparaturen, ein Raum, der die Besessenheit seines Bewohners spiegelt. Im Kontrast dazu stehen die kühle Eleganz von Mrs. Higgins‘ Salon und die opulente Pracht des Diplomatenballs, der mit schimmernden Stoffen und kristallenen Kronleuchtern und rotem Vorhang aufwartet. Die Straßenszenen in Covent Garden hingegen atmen die Atmosphäre von Armut und Dreck, ohne ins Naturalistische abzugleiten. Beckers wandelbares Bühnenbild ermöglicht fließende Übergänge, die den Rhythmus der Inszenierung beschleunigen.

Melchior Silbersacks Kostüme verdienen besondere Erwähnung: Von Elizas zunächst zerlumpten, später zunehmend verfeinerten Gewändern bis zur atemberaubenden weißen Ballrobe, die sie auf dem Diplomatenball trägt, erzählt jedes Kostüm eine eigene Geschichte. Die Kontraste zwischen den schmutzigen Lumpen der Straßenhändler und den steif gestärkten Gehröcken der Upper Class sind bewusst überzeichnet. Silbersack macht Mode zum Zeichensystem, das gesellschaftliche Zugehörigkeit unmittelbar lesbar macht.

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Foto: Christina Iberl

Emily Lorini: Eine Eliza zwischen Trotz und Verletzlichkeit

Emily Lorini trägt als Eliza Doolittle den Nachmittag auf ihren Schultern und sie tut dies mit Bravour. Ihre Eliza ist von Beginn an eine Figur mit Eigensinn: Selbst in den ersten Szenen, wenn sie noch mit kräftigem Cockney-Akzent ihre Blumen feilbietet, zeigt Lorini eine Frau, die sich nicht unterkriegen lässt. Der Stolz, mit dem sie ihr bescheidenes Einkommen verteidigt, ist keine aufgesetzte Attitüde, sondern Ausdruck eines ungebrochenen Lebenswillens.

Gesanglich bewältigt Lorini die enormen Anforderungen der Rolle brillant. Ihr Sopran ist von lyrischer Schönheit, dabei kraftvoll genug für die dramatischen Höhepunkte. Sie verbindet kindliche Unschuld mit tiefer Sehnsucht nach einem besseren Leben. Die Textverständlichkeit ist zu jedem Zeitpunkt gegeben, auch wenn Eliza noch im breitesten Dialekt spricht, verliert Lorini nie die musikalische Linie. Die stimmliche Gestaltung ist von subtiler Intelligenz: Die hohen Töne schweben mühelos, ohne jemals schrill zu werden, die Phrasierung folgt dem natürlichen Sprachfluss. Lorini macht aus den Liedern keine bloßen Show-Stücke, sondern Momente existenzieller Wahrhaftigkeit.

In der Konfrontation mit Higgins im Finale zeigt Lorini dann die volle Reife ihrer Darstellung: Elizas neu gewonnene Würde, ihr Aufbegehren gegen die männliche Bevormundung, ihre Forderung nach Respekt, all das wird nicht nur gespielt, sondern körperlich spürbar. Lorini lässt ihre Eliza wachsen, ohne dass der „Transformationsprozess“ je schematisch wirkt. Das ist große Musicaldarstellung. Leider ist ihre Mikrofon-Übertragung manchmal stark übersteuert. Vielleicht kann die Tontechnik noch einmal nachjustieren.

Tobias Bode: Ein Higgins zwischen Genialität und Gefühlskälte

Tobias Bode findet für Professor Henry Higgins einen schwierigen Ton: Der Phonetiker ist brillant, charmant, witzig und zugleich von erschreckender emotionaler Taubheit. Bode spielt diese Ambivalenz aus, ohne Higgins zu einer reinen Karikatur werden zu lassen. Sein Higgins ist ein Mann, der in seiner Welt der „Laute und Akzente“ so gefangen ist, dass ihm die Menschlichkeit abhandengekommen ist.

Bodes Spiel lebt von präzisen Gesten: Die Art, wie er Eliza bei ihrer ersten Lektion beobachtet, hat etwas von einem Wissenschaftler, der ein Versuchstier studiert. Die Ungeduld, mit der er auf Pickerings Einwände reagiert, die kindische Freude über Elizas Fortschritte, all das ist fein nuanciert. Bode vermeidet jede Eindimensionalität; sein Higgins ist kein Monster, sondern ein Mensch mit gravierenden blinden Flecken.

Gesanglich bewegt sich Bode in einem Bereich zwischen Sprechgesang und Melodie, wie es die Rolle verlangt. Seine Stimme ist ein geschmeidiger Bariton mit guter Textverständlichkeit. In „Es grünt so grün“, der berühmten Ausspracheübung, die Eliza zur Verzweiflung treibt, entfaltet Bode seine komischen Qualitäten. Die rhythmische Präzision, mit der er die Silben skandiert, dass fast mechanische Insistieren auf korrekter Artikulation, das ist großartig getimtes Komödienspiel.

„Ein gewöhnliches Mädchen“ im zweiten Akt gibt Bode Gelegenheit, Higgins‘ Philosophie darzulegen. Hier zeigt sich die ganze Arroganz der Figur, aber auch – und das ist Bodes Verdienst – eine gewisse Hilflosigkeit. Higgins versteht nicht, warum Eliza sich von ihm abwendet; er ist ehrlich verblüfft über ihre Forderung nach Respekt. Bode spielt diese Szene nicht als bewusste Grausamkeit, sondern als Unfähigkeit, die Perspektive des anderen einzunehmen. Das macht die Figur komplexer und interessanter.

Im Finale, wenn Higgins erkennen muss, dass Eliza sich emanzipiert hat, zeigt Bode einen Mann, der zum ersten Mal in seinem Leben mit einer Situation konfrontiert ist, die er nicht kontrollieren kann. Die Unsicherheit, die dann durchscheint, verleiht der Figur eine unerwartete Verletzlichkeit. Sein Spiel wandelt zwischen einem überehrgeizigen Wissenschaftler und Volltrottel im realen Leben. Diese Interpretation zeigt sich ganz im Sinne von George Bernard Shaws „Pygmalion“-Text, der ja als Vorlage zum Musical gedient hat.

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Foto: Christina Iberl

Damon Nestor Ploumis: Ein Alfred P. Doolittle von internationalem Format

Die große Entdeckung dieses Nachmittags ist Damon Nestor Ploumis als Alfred P. Doolittle, Elizas lebenslustiger Vater und selbsternannter Philosoph der Unterschicht.

Der international renommierte Bass-Bariton, der sich in vielen Produktionen als Rossini-Spezialist – besonders als Bartolo im „Barbiere di Siviglia“ einen Namen gemacht hat und heute das hochgeschätzte Lyric Opera Studio Weimar leitet, bringt seine jahrzehntelange Bühnenerfahrung in diese Charakterrolle ein.

Ploumis, der seine Ausbildung an der renommierten Academy of Vocal Arts in Philadelphia absolvierte und als Mitglied des Internationalen Opernstudios der Oper Zürich arbeitete, zeigt hier eine andere Facette seines Könnens als in seinen klassischen Buffo-Rollen. Bereits am Deutschen Nationaltheater Weimar hatte er Alfred P. Doolittle verkörpert – nun verleiht er dem trinkfreudigen Müllmann in Coburg eine noch profundere stimmliche Präsenz und theatralische Reife.

Sein voluminöser Bass-Bariton verleiht dem Doolittle eine bemerkenswerte Autorität, während er gleichzeitig die komödiantische Leichtigkeit der Figur bewahrt. Ploumis‘ Doolittle ist kein einfacher Trinker und Taugenichts. Er ist ein Philosoph der Gosse, ein Mann, der das System durchschaut hat und sich weigert, mitzuspielen. In seinem ersten Auftritt, wenn er bei Higgins vorspricht und um Geld für Elizas „Erziehung“ bittet, entfaltet Ploumis die ganze komödiantische Palette: Die unverhohlene Gier, gepaart mit einer absurden Logik, mit der Doolittle sein Anliegen begründet, ist von hinreißendem Witz. Ploumis spielt das mit einem Augenzwinkern, das das Publikum sofort auf seine Seite zieht.

In „Mit ’nem kleinen Stückchen Glück“ entfaltet Ploumis die volle Palette seines darstellerischen und gesanglichen Könnens: Die tiefe Stimmlage donnert durch den Saal mit einer Kraft, die an seine großen Opernrollen erinnert, doch nie die musicalhafte Leichtigkeit verliert. Er macht aus dem vermeintlichen Tunichtgut einen sympathischen Lebenskünstler, dessen anarchische Lebensphilosophie durchaus subversiven Charme besitzt. Die Nummer wird zum mitreißenden Moment dank Ploumis‘ rhythmischer Präzision und seiner Fähigkeit, Text und Musik organisch zu verweben. Hier zeigt sich die Erfahrung eines Sängers, der auf den Bühnen von Stockholm bis Buenos Aires, von der Finnischen Nationaloper bis zum Teatro Colón gastiert hat. Die Art, wie er die synkopierten Rhythmen meistert, die Wortakzente setzt, die Dynamik moduliert, das ist Gesangskunst auf höchstem Niveau.

Noch eindrucksvoller gerät „Bringt mich pünktlich zum Altar“ im zweiten Akt. Hier zeigt Ploumis, warum er zu den gefragtesten komischen Bässen seiner Generation zählt: Mit kraftvollem, klangschönem Gesang, der dennoch nie die Textverständlichkeit opfert, und mit einem perfekten Timing für die komischen Akzente verwandelt er Doolittles Lamento über den ungewollten gesellschaftlichen Aufstieg in eine hinreißende Kabinettnummer. Die Situation ist absurd: Doolittle, durch eine unerwartete Erbschaft zu einem wohlhabenden Mann geworden, sieht sich gezwungen, „respektabel“ zu werden – also zu heiraten, Steuern zu zahlen, auf Wohltätigkeitsveranstaltungen zu gehen. Für ihn ist das die Hölle!

Ploumis spielt diese Szene nicht als billige Klamotte, sondern als echte Tragödie eines Mannes, der seine Freiheit verliert. Die stimmliche Flexibilität, die er in seinen Rossini-Interpretationen entwickelt hat, kommt ihm hier zugute – zwischen donnernden Basstönen und geschmeidig geführten Kantilenen wechselt er mühelos. Die hohen Töne, die die Rolle durchaus verlangt, meistert er mit einer Leichtigkeit, die erstaunlich ist für einen Bass-Bariton. Man spürt in jeder Geste und jedem Ton die Erfahrung eines Sängers, der sein Handwerk nicht nur auf den großen Opernbühnen perfektioniert hat, sondern auch als Pädagoge am Lyric Opera Studio Weimar junge Talente formt und sein Wissen an die nächste Generation weitergibt.

Ploumis‘ Doolittle ist keine bloße Karikatur, sondern eine in sich stimmige Figur: ein Mann, der die Absurdität der Klassengesellschaft instinktiv durchschaut und sich weigert, sich den „mittelständischen Moralvorstellungen“ zu unterwerfen. Diese Lesart verleiht der Inszenierung zusätzliche sozialkritische Schärfe, ganz im Sinne von George Bernard Shaws ursprünglicher Intention. Als ehemaliges Mitglied des Zürcher Opernstudios bringt Ploumis jene Musikalität mit, die selbst die komischsten Szenen nie ins Klamaukhafte abgleiten lässt. Seine Interpretationen zeugen von einem tiefen Verständnis für die Partitur und einem Respekt vor dem Werk, der typisch ist für einen Künstler, der zwischen Oper und Musical mit derselben künstlerischen Integrität agiert.

In seinen Szenen mit Lorini entsteht eine berührende Vater-Tochter-Dynamik. Doolittle liebt Eliza auf seine Weise, auch wenn er sie schamlos für seine Zwecke einspannt. Ploumis und Lorini spielen diese Ambivalenz mit feinem Gespür: Man nimmt ihnen ab, dass sie familiär verbunden sind, auch wenn die Beziehung dysfunktional ist.

Niklaus Scheibli: Der Gentleman Pickering

Niklaus Scheibli gibt Oberst Pickering, und man ist dankbar für seine Präsenz. In einer Geschichte, die von männlicher Arroganz geprägt ist, stellt Pickering eine Art Gegenentwurf dar: ein Mann von Welt, der Manieren nicht mit Menschlichkeit verwechselt. Scheibli spielt den Oberst mit warmherziger Würde, ohne je ins Karikaturhafte abzugleiten. Er ist geschmeidig und angenehm, in den Dialogen mit Bode sorgt er für stabile Fundierung. Besonders schön gelingen die Szenen, in denen Pickering Eliza mit Respekt behandelt, im Gegensatz zu Higgins. Scheibli macht deutlich, dass Pickering Eliza als Menschen sieht, nicht als Experiment. Die Art, wie er ihr einen Stuhl anbietet, wie er sie nach ihren Wünschen fragt, wie er sich für ihre Fortschritte freut, das sind kleine Gesten, aber sie zeichnen das Bild eines Mannes, der seine privilegierte Position nicht missbraucht. Scheibli zeigt die naive Begeisterung eines Mannes, der nicht ahnt, wie sehr Eliza unter diesem „Erfolg“ leidet. Das ist fein gespielt: Pickering ist kein schlechter Mensch, aber auch er sieht Eliza primär als Objekt eines gelungenen Experiments.

Gabriele Bauer-Rosenthal: Mrs. Higgins als moralische Instanz

Gabriele Bauer-Rosenthal bringt als Mrs. Higgins eine dringend benötigte weibliche Autorität ins Spiel. Ihre Mrs. Higgins ist eine distinguierte Dame der alten Schule, die ihren Sohn durchschaut und wenig Illusionen über dessen Charakter hat. Bauer-Rosenthal spielt die Rolle mit einer Mischung aus Strenge und mütterlicher Sorge. Ihre Stimme ist klar und ausdrucksstark, die Artikulation tadellos. In der Szene, in der Mrs. Higgins ihren Sohn zur Rede stellt und ihm vorhält, dass er Eliza schlecht behandelt hat, zeigt Bauer-Rosenthal die ganze moralische Autorität der Figur. Mrs. Higgins ist die Stimme der Vernunft in einer von männlichem Ego dominierten Welt. Bauer-Rosenthal verleiht ihr Gewicht und Glaubwürdigkeit.

Besonders eindrucksvoll ist die Ascot-Szene, in der Mrs. Higgins verzweifelt versucht, die gesellschaftlichen Fettnäpfchen zu umschiffen, in die Eliza tritt. Bauer-Rosenthal spielt die innere Anspannung mit feinem Humor. Man sieht der Figur an, wie sehr sie sich für ihren Sohn und dessen leichtsinniges Experiment schämt.

Stefanie Ernst: Die pragmatische Mrs. Pearce

Stefanie Ernst gibt Higgins‘ Haushälterin Mrs. Pearce, und sie tut dies mit beeindruckender Präsenz. Mrs. Pearce ist die einzige Person, die Higgins ungestraft widersprechen darf. Sie hat ihn aufgezogen und kennt seine Schwächen. Ernst spielt die Rolle mit einer Mischung aus mütterlicher Autorität und pragmatischem Realismus. Ernst ist solide, ihre Stimme hat eine angenehme Wärme. In den Szenen, in denen Mrs. Pearce Eliza auf das Leben in Higgins‘ Haushalt vorbereitet, zeigt Ernst eine Figur, die zwischen den Welten steht: Sie stammt selbst aus einfachen Verhältnissen, hat aber den sozialen Aufstieg geschafft. Sie weiß, was Eliza durchmachen wird – und sie versucht, ihr zu helfen, ohne die Grenzen ihrer Position zu überschreiten. Besonders berührend ist die Szene, in der Mrs. Pearce Eliza nach ihrem Zusammenbruch tröstet. Ernst spielt das mit großer Empathie, ohne je sentimental zu werden. Man spürt, dass Mrs. Pearce auf Elizas Seite steht, auch wenn sie sich nicht offen gegen ihren Arbeitgeber stellen kann.

Dirk Mestmacher: Der romantische Freddy

Dirk Mestmacher gibt Freddy Eynsford-Hill, den jungen Mann, der sich hoffnungslos in Eliza verliebt. Mestmacher spielt Freddy nicht als lächerlichen Trottel, sondern als aufrichtigen, wenn auch etwas naiven jungen Mann. Sein lyrischer Tenor ist für die Rolle ideal geeignet. „Nur in der Straße, wo du lebst“ wird zu einem Höhepunkt des Nachmittags. Mestmacher singt diese gefühlvolle Ballade mit echter Hingabe. Die Stimme ist klangschön, die Phrasierung sensibel. Man nimmt Freddy seine Verliebtheit ab, auch wenn klar ist, dass er für Eliza keine ernsthafte Option darstellt. Mestmacher gelingt es, Freddy eine gewisse Würde zu bewahren. Er ist kein Komödiant, sondern ein Mann, der aufrichtig liebt – und der bereit wäre, Eliza zu heiraten, ungeachtet ihrer Herkunft. Das ist in dieser klassenbewussten Gesellschaft keine Selbstverständlichkeit.

Das Ensemble: Leben auf der Straße und in den Salons

Joanna Stark als Mrs. Eynsford-Hill verkörpert die verarmte Aristokratie mit spürbarem Standesbewusstsein. Eva Maria Fischer zeigt in mehreren Nebenrollen, darunter Mrs. Hopkins, ihre Vielseitigkeit – sie wechselt mühelos zwischen verschiedenen Charakteren und Gesellschaftsschichten.

 Jan Korab als Harry und Simon van Rensburg als Jamie bringen Leben in die Straßenszenen. Gemeinsam mit Konstantinos Bafas, Christian Huber und Rita Popescu als Obsthändler und Obstmädchen schaffen sie ein lebendiges Bild des Covent Garden Marktes. Die Szenen pulsieren vor Energie, die Choreografie von Lorenzo Soragni gibt ihnen Struktur, ohne sie zu zähmen.

Besonders eindrucksvoll ist die Ascot-Szene, in der das Ensemble die steife Eleganz der Oberschicht persifliert. Die Kostüme sind hier besonders aufwendig: Damen in pompösen Hüten, Herren in Gehrock und Zylinder. Die Choreografie ist von subtiler Komik: Die winzigen Bewegungen, mit denen die Damen ihre Begeisterung beim Pferderennen ausdrücken dürfen, die steifen Verbeugungen der Herren, das ist großartig beobachtetes Gesellschaftstheater.

Musikalische und choreografische Brillanz

Das Philharmonische Orchester des Landestheaters Coburg unter Daniel Carters sensibler Leitung ist weit mehr als bloße Begleitung. Carter versteht es, die große symphonische Geste mit der Intimität einzelner Momente zu verbinden. In den großen Ensemble-Nummern entfaltet das Orchester volle Kraft, ohne je die Sänger zuzudecken. In den leisen Passagen reduziert Carter die Orchesterbesetzung auf ein kammermusikalisches Niveau, das der Intimität der Szene entspricht.

Der Chor des Landestheaters Coburg (Einstudierung: Ben Köster) brilliert in den großen Ensemble-Nummern. „Es grünt so grün“ wird zu einem Moment musikalischer Präzision – die Art, wie der Chor die schwierigen Silben artikuliert, ist beeindruckend. In der Ascot-Szene erzeugt der Chor mit fast unmerklichen Dynamikwechseln ein Bild gedämpfter Aufregung.

Das Ballett Coburg unter der Choreografie von Lorenzo Soragni sorgt für zusätzliche visuelle Ebenen. Besonders die Ballszene lebt von den eleganten Bewegungen der Tänzer. Soragni verbindet klassische Musicalelemente mit zeitgenössischen Akzenten. Die Choreografie ist nie nostalgisch, aber auch nie aufgesetzt modern. Sie findet einen eigenen Stil, der zur Inszenierung passt.

Fazit: Ein Musical, das unterhält und nachdenken lässt

Sonja Trebes‘ Inszenierung von „My Fair Lady“ im Landestheater Coburg ist eine rundum gelungene Produktion. Sie verbindet die großen Melodien und den Witz des Musicalklassikers mit einer zeitgemäßen Reflexion über Sprache, Macht und Identität. Die zentrale Botschaft – dass der Unterschied zwischen einer Lady und einem Blumenmädchen weniger im Benehmen als in der Art liegt, wie man behandelt wird – kommt klar und ohne moralischen Zeigefinger zur Geltung. Etwas irritierend ist allerdings die häufige Verwendung des „F-Wortes“. Bei soviel fränkischem Witz würden es einheimische Ausdrücke auch tun und pointierter wirken.

Die Besetzung überzeugt durchweg, mit besonderen Glanzlichtern bei Emily Lorini, Tobias Bode und Damon Nestor Ploumis. Das künstlerische Team – von Dirk Beckers wandelbarem Bühnenbild über Melchior Silbersacks aussagekräftige Kostüme bis zu Lorenzo Soragnis dynamischer Choreografie – schafft einen stimmigen ästhetischen Rahmen.

Das Landestheater Coburg präsentiert mit dieser „My Fair Lady“ eine Interpretation, die auf allen Ebenen überzeugt: gesanglich, darstellerisch, inszenatorisch. Das ist ein Musical, das unterhält und nachdenklich zugleich stimmt – und das ist vielleicht die größte Kunst. Weil das Publikum von Sachsen-Coburg-Gotha das genauso sieht, gibt es langanhaltenden Applaus.

Larissa Gawritscheno und Thomas Janda

 

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