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Claudia Erdheim: BETTY, IDA UND DIE GRÄFIN

08.02.2014 | buch

BuchCover Erdheim, Betty Ida und 2014.01

Claudia Erdheim:
BETTY, IDA UND DIE GRÄFIN
Die Geschichte einer  Freundschaft
352 Seiten, Czernin Verlag, 2013

Wien, Mitte des 19. Jahrhunderts. Eine Stadt, die in kulturellem Reichtum brodelt, und einen guten Teil davon steuern die jüdischen Mitbürger bei. Da ist Betty Paoli, die von allen hoch bewunderte Schriftstellerin, deren Lyrik höchsten Ruf genießt, die allerdings ihr Leben als Gesellschafterin reicher Damen und Fürstinnen fristen muss. Da ist Ida Fleischl aus München, die in einer arrangierten Ehe zweier jüdischer Familien nach Wien kam, hier aber sehr glücklich ist und es sich leisten kann, Betty nicht nur zu engagieren, sondern ihr letztendlich bedingungslos ein Heim zu bieten. Und da ist schließlich die adelige Marie von Ebner-Eschenbach, allseits nur als „Gräfin“ bezeichnet.

Es gibt ein berühmtes Foto im Besitz des Wien Museums, das am Vorsatz und Nachsatz des Buches „Betty, Ida und die Gräfin“ zu sehen ist: drei alte Damen spielen Karten, fast wäre man versucht, sie despektierlich „alte Schachteln“ zu nennen, so sehr sind sie „von gestern“. Und doch werden sie höchst lebendig und die längste Zeit auch „jung“: Claudia Erdheim, renommierte Schreiberin jüdischer Themen (ihr Roman „Längst nicht mehr koscher“ ist eine hinreißende Familiengeschichte), hat sich die Freundschaft dieser drei Frauen vorgenommen.

Warum sie einen Titel wählte, der eigentlich an Marlitt erinnert, weiß man nicht so recht – von Trivialliteratur waren die beiden Dichterinnen (Paoli, die Lyrikerin, Ebner-Eschenbach, die Prosaschreiberin) weit entfernt, und Ida Fleischl war für die Ebner-Eschenbach unentbehrliche Beraterin, fast „Lektorin“ ihrer Werke (während Betty Paoli gelegentlich scharfe Kritik äußerte).

Die Gattungsbezeichnung „Roman“ trifft es natürlich nicht ganz, denn offenbar hat Claudia Erdheim sehr sorgfältig recherchiert. Biographien der genannten Damen sind es dennoch nicht geworden, auch nicht von Betty Paoli, die quasi die „Hauptrolle“ spielt, denn das würde eine gewissermaßen zusammenfassende Gestaltung verlangen. Die Autorin lässt hingegen das Leben der Beteiligten quasi hinfließen, beginnt noch vor der 48er-Revolution und endet mit Bettys Tod 1894.

Das alles ist mit einer unglaublichen Fülle von Details bestückt, die man durchaus als echt zu nehmen bereit ist. Allerdings hätte man sich schon gewünscht, die Autorin ließe den Leser am Ende an ihren Quellen teilnehmen, was sie leider nicht tut – da hätte man sicher manche zusätzliche Anregung empfangen können.

Renate Wagner

 

 

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