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CHEMNITZ/ Opernhaus: MEFISTOFELE von Arrigo Boito. Premiere

„Zwischen himmlischen Sphären und der Geburt des Bösen“

29.09.2019 | Oper


Markus Poitek und Sophia Maeno. Foto: Nasser Hashemi

Premiere am 28.September 2019 „Mefistofele“ Oper von Arrigo Boito, am Operhaus Chemnitz

„Zwischen himmlischen Sphären und der Geburt des Bösen“

 Dieses so phänomenale Opernwerk von Arrigo BOITO, der vor allem als Librettist von Verdis beiden Opern „Othello“ und „Falstaff“ bekannt, wurde bereits  mit großem Erfolg, unter der Regie von Alex Ollé von der katalanischen Gruppe La Fura dels Baus, am 29.Juni 2019 in Cooperation mit der Opera Lyon an der Staatoper Stuttgart aufgeführt. Doch in der gestrigen Premiere, feierte dieses Werk einen triumphalen Einzug am Chemnitzer Opernhaus, welches unter der großartigen Inszenierung von Balázs KOVALIK alle Register zog und wahre Begeisterungsstürme bei Publikum auslöste.

Obwohl dieses grandiose Opernwerk bei der Uraufführung am 5.März 1868 an der Mailänder Scala, noch in der Originalfassung von Fünfeinhalb Stunden ein ausgesprochenes Fiasko war, so ist es heute in vielen Neubearbeitungen und Kürzungen vom Spielplan nicht mehr wegzudenken. Und es hat durchaus seine künstlerische Berechtigung wohl verdient, denn kaum ein Opernwerk ist von so einer musikalischen Vielfalt und Schönheit, wo allein auf beeindruckende Weise durch opulent besetzte Chöre, hier ein berauschender sinfonischer Stil dargestellt wird, wie man es nur selten in Opernwerken erlebt. Beginnen wir also mit dem Prolog, der von so einer geballten musikalischen, harmonischen und rhythmischen Überzeugungskraft, sodass es einem eiskalt über den Rücken läuft, und wo die Versinnbildlichung all dieser himmlisch, sphärischen Töne einen zunächst in eine vollkommen andere Welt versetzt. Hier alles, wie der übertönende Hymnus, brillant in Szene gesetzt mit dem Chemnitzer Opernchor, wo das All von himmlischen Heerscharen erfüllt, das göttlich Wahre und nur das Gute zelebriert wird. Wäre da in dieser so zeitlosen und friedlichen Unendlichkeit nicht Mefistofele, der im Himmel eine Meuterei anzettelt, und er der in der Gestalt des Bösen, aus dem Himmel verstoßen wird. Allein seine Verführungskünste, in Faust alle Sehnsüchte des irdischen Lebens zu erwecken, sodass dieser die Freuden des Lebens auszukosten vermag, bedeutet aber gleichzeitig auch der Verkauf seiner eigenen Seele welches ihn zu einem Gefangenen macht. Goethes Thematik zu Faust I. und II. war also insofern immer ein zeitloses Thema und man tat gut daran dieses Werk in die heutige Zeit zu verlegen. Wo das Weltbild sich vollkommen verändert hat, und die Charakterzüge des Menschen in eine neue Orientierung

des Konsums, der unersättlichen Sehnsüchte nach Spiel und Unterhaltung, und der Gier und Gewalt abgerutscht ist. Wodurch sich nicht nur eine Passivität, Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit entwickelt hat, sondern wo der Verlust von Identifikation und Werten, so auch nach Aussagen von Erich Fromm, sie zu Befehlsausführenden und  ferngesteuerten Maschinen gemacht hat.

All diese hier angeführten Kriterien fanden in der Inszenierung von Balázs KOVALIK ihre eigene Bedeutung. Wo insbesondere im zweiten Aufzug des Hexensabbats durch die Darstellung einer heutigen ausschweifenden Gesellschaft, der Untergang der Welt nicht besser hätte verdeutlicht werden können. Dazu kommt die brillante Regie – und Personenführung, welche zu der Vollkommenheit dieses Opernwerks beitrug. Ein opulentes und aufwendiges Bühnenbild (Csaba ANTAL) und die farbenprächtigen Kostüme (Mari BENEDEK), verstärkt durch sehr illusionistische, fantasiereiche und überaus beeindruckende Entwürfe, wo die gesamte Komplexität dieses Werks sich widerspiegeln, sind das Nonplusultra dieser Inszenierung. Mit Eisenkonstruktionen, fliegenden Ballons und aufsteigenden Himmelsboten, wird hier ein sehr lebendiges Bühnen – und Kostümbild geboten welches nicht schöner hätte sein können.


Foto: Nasser Hashemi

Was die Virtuosität des Orchesters und der Solisten betrifft, so entsprechen deren Darbietungen einer außergewöhnlichen Leistung. Abgesehen von dem fulminanten  Orchester unter dem glanzvollen Dirigat von Guillermo Garcia CALVO, so wäre hier zunächst Katerina HEBELKOVA in der Partie als Margherita und Helena zu erwähnen. Die in Jihlava/Tschechische Republik geborene Sängerin, die zunächst ihr Studium an der Hochschule für Musik und Theater in München absolvierte, Stationen wie Staatstheater Oldenburg (2005-2008), am Landestheater Linz (2008-2013), und für internationale Gastspiele, ihr außergewöhnliches Talent bereits unter Beweis stellen konnte, überzeugte an diesem Abend mit einer beeindruckenden und kultivierten Gesangsstimme. Die herrliche Klangfarbe ihres lyrischen Soprans, die ideale Stimmführung vom leisesten Pianissimo, bis hin zu den hochdramatischen Tönen, die außergewöhnliche Bandbreite ihres gesamten Stimmvolumens, waren beinahe schon überirdisch und von einer starken Überzeugungskraft. Insbesondere auch ihr Spiel im Zweiten Aufzug wo sie wegen Kindesmord zu Tode verurteilt wird, war von einer derartig schauspielerischen Dramatik geprägt, sodass man als Zuseher derart überwältigt, wo alles Blut in Wallung geriet, nicht nur allein auf der Bühne.  Der Rumäne Cosmin IFRIM als Faust, der Margherita den Hof macht, brillierte hier in der Tenorpartie mit schmelzenden Tönen und problemlosen Höhen. Allein im dritten Aufzug, wo er sich im Augenblick des Todes, wo sein Geist von einer utopischen Vision gepackt wird, in der er den Sinn seines Lebens findet, sind von ergreifender Darstellung und Interpretation.

Mefistofele, mit eines der Hauptfiguren in Goethes Faust, ist er doch am End in diesem musikalischen Bühnenwerk als Höllenfürst (Magnus POINTEK)der große Verlierer.  Denn mit Fausts Worte „ Verweile doch, du bist so schön!“, ist der Moment, an dem dieser die Endlichkeit des Seins erkennt und sich Gott zuwendet, der ihm Erlösung im Tod gewährt. Pointek, der seit 2016 dem Solistenensemble der Oper Chemnitz angehörig, zog stimmlich als auch darstellerisch an diesem Abend alle Register. Er der mit Martha anbandelt, gespielt mit Sex – Appeal und schauspielerischen und gesanglichem Talent von der Mezzosopranistin Sophia MAENO, beherrscht alle Verführungskünste aus dem FF und überzeugt mit charismatischer Ausstrahlung. In der Rolle des Wagners agierte Siyabonga MQUNGO als eine präsente Bühnenerscheinung mit einer ausgezeichneten Bassstimme.

Dieses außergewöhnliche Opernwerk welches eine große Herausforderung an die Solisten und an das Ensemble stellt, aber auch an das Publikum, übertraf alle Erwartungen und könnte durchaus ein Publikumsrenner werden. Denn auch die fulminanten und hinreißenden Balletteinlagen (Choreografie: Leo MUJIC) sind spektakulär in Szene gesetzt und eine wahre Augenweide. Abgesehen von dem großartigen Chor unter der Leitung von Stefan BILZ und wo für den Kinder – und Jugendchor verantwortlich Dovilé SIUPÉNYTÉ war.

Begeisterter Jubel und Applaus vonseiten des Publikums und letztendlich auch eine Bereicherung für das Opernhaus Chemnitz, die dieses so aufregende dramatische Werk von Arrigo Boito in Ihrem Spielplan aufgenommen haben. Eine durchaus sehenswerte Produktion als literarische Vorlage zur Faust – Dichtung, welches mit spektakulären Szenenabläufen für einen spannenden und unterhaltsamen Abend sorgt.

Manuela Miebach

 

 

 

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