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CHEMNITZ: LA CENERENTOLA

20.12.2014 | Oper

CHEMNITZ: „LA CENERENTOLA“ am 20.12.2014 (Werner Häußner)

 „La Cenerentola“ ist, der Etikettierung durch ihren Schöpfer Gioacchino Rossini zum Trotz, eigentlich alles andere als „giocoso“. Freilich gibt es die Typen der opera buffa wie den komischen Alten oder die outrierende Dienerfigur. Auch der Kleider- und damit Identitäts-Tausch im ersten Akt gehört zum Repertoire des vergnüglichen Genres. Aber Diener und Verkleidungsspaß haben sich schon in Mozarts „Don Giovanni“ aus der Sphäre unbeschwerten Vergnügens verabschiedet und in den Dienst einer bitteren Handlung gestellt.

In Rossinis Oper führt der Kleidertausch zwar zu amüsanten Momenten, dient aber der Wahrheitsfindung. Don Magnifico ist kein überspannter Senior mehr, sondern ein böser, dumm-gerissener alter Bankrotteur, der das Vermögen seiner Stieftochter gewissenlos zugunsten seiner beiden leiblichen Töchter verprasst hat. Angelina, das „Engelchen“, wird verleugnet, unterdrückt, missbraucht. Und in der wundersamen Lösung der Geschichte zeigt uns der weise Satiriker Rossini, dass er an den Triumph der Güte im wirklichen Leben nicht glauben kann: Da müssen schon die Mirakel der Märchens her, damit die ernüchternde Realität so zurechtgebogen wird, dass dem empathischen Zuschauer das Herz warm wird. Der Magier Alidoro dient dafür als Katalysator: In seiner Arie, von Kouta Räsänen angestrengt und reizlos gesungen, bringt er ein Stück überzeitlichen Weisheitsstrebens ins Spiel.

Leider hat Regisseur Kobie van Rensburg in der Chemnitzer Neuinszenierung von Rossinis Meisterwerk seinen Darsteller Matthias Winter nicht davon abgehalten, aus dem Don Magnifico den üblichen Buffo-Charakter zu basteln und damit das Abgründige fürs Vertrottelte verschenkt. Auch die beiden Schwestern Clorinda und Tisbe – mit der nötigen spitzen Schärfe und gellenden Farbe gesungen von Franziska Krötenheerdt und Tiina Penttinen – biegen das Bösartige ihres Charakters ins Zickige um. Immerhin wird deutlich, dass sie von der Güte Angelinas selbst in ihrer Niederlage nicht beeindruckt werden: An Versöhnung haben die beiden „Bitchen“ kein Interesse.

Cordelia Katharina Weil bringt für die Titelrolle eine feine, aber durchsetzungsfähige, im Zentrum klangvolle Stimme mit. Die Tiefe bildet sie verlegenheitslos; das Timbre hat leuchtende Fülle und goldenen Schmelz. Die angesagte Infektion hat also höchstens die Stütze und Tonbildung in heiklen Bereichen des oberen Zentrums beeinträchtigt. Weil charakterisiert die Braut aus der Asche – zu Beginn muss sie mit eifrigen Mäuschen den Kamin säubern – als sanft selbstbewusstes Wesen, erfüllt von einer tiefen Menschlichkeit, die ihr hilft, der Traumatisierung zu entkommen. Ihre Güte wirkt echt, ihr verzeihender Versuch der Versöhnung aufrichtig. So hebt sie die Lust am Buffonesken und die Gefahr des märchenhaft Enthobenen auf: Mag sein, dass uns in Angelina Rossinis Sehnsucht entgegentritt, es mögen in all dem Treiben dieser Welt Momente unbeschädigter Menschlichkeit überleben. – Eine Botschaft, die in einem Weihnachtsprogramm durchaus ihren Platz hat!

Auf der Seite der singenden Herren hat das Chemnitzer Theater mit Randall Bills einen Trumpf auszuspielen: Der Tenor zeigt sich den virtuosen wie den expressiven Anforderungen an den Don Ramiro gewachsen, formt Hochtöne klar und frei, bindet sie in Linie und Legato ein. Nur in den Rezitativen lässt er sich hinreißen, nicht immer gestützt zu artikulieren. Andreas Kindschuh musste sich als Dandini vokal vertreten lassen: Eine Krankheit hinderte ihn am Singen, wenn auch nicht am temperamentvollen Spiel; Johan Hyunbong Choi, ein junger Bariton vom Theater Lübeck, lieh ihm eine kraftvolle Stimme aus einem akustisch unvorteilhaften schwarzen Kasten am Rand der Bühne.

Für den Bühnenzauber, aber auch für ironische Untertöne war Steven Koops multimediales Raum- und Bildkonzept ideal. Der Clou: Die deutschen Texte werden nicht übertitelt, sondern in das Bild eingebunden. Da purzeln, hüpfen oder wehen die Buchstaben herein, ordnen sich zu Wörtern und Sätzen, fallen auseinander oder kreuzen sich wie die gesanglichen Linien des genialen Sextetts „Questo è un nodo avviluppato…“. Das ist mehr als Gag, das gibt Hintersinn. Wenn dann noch tiefe Räume nach Art der alten Kulissenmalerei projiziert werden, von oben herabsausende Bilderrahmen die Figuren in Renaissance-Porträts verwandeln oder Schrift in kleinen, lautlosen Explosionen verpufft, ist ironisches Illusionstheater garantiert. Die Kostüme von Kristopher Kempf sind sensibel auf dieses Konzept hingeschnitten, wollen nicht durch bemühte Originalität auftrumpfen, führen aber ironische Zuspitzung zu köstlich hemmungsloser Übertreibung bei den knalligen Roben der beiden Schwestern zwischen Ballett und Ballrobe.

Auch musikalisch muss sich die Chemnitzer „Cenerentola“ nicht im Aschekasten verstecken: Felix Bender, der junge Erste Kapellmeister des Hauses, bietet keine glimmende Glut, sondern facht das Feuer an. Am Anfang spratzeln noch ein paar Funken quer, aber bald findet die Robert-Schumann-Philharmonie zu einem sympathisch individuellen Rossini-Klang. Der ist dunkler und „deutscher“ als in vielen internationalen Standard-Produktionen, aber deswegen nicht weniger spritzig und animiert. Das volle Haus und der lebhafte Beifall zeigen, dass diese „Cenerentola“ mit ihrem Charme eine Chance hat, sich einen Platz im Repertoire des Hauses zu erobern.

 

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