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CHEMNITZ: DIE HOCHZEIT DES FIGARO

02.03.2018 | Oper

Chemnitz: „DIE HOCHZEIT DES FIGARO“ – 1. 3.2018

Ein sich zeitlos ausnehmend sollender (dergleichen steht meistens für gegenwärtigen Aufputz) Figaro in der Deutung Helen Malkowskys war in der Chemnitzer Oper zu betrachten. Hier muss sich bereits die Introduktion (wieder einmal wird eine famos musizierte Ouvertüre unnötigerweise bebildert) einige Fragen gefallen lassen. Doktor Bartolo hat mittlerweile sein Handwerk an den Nagel gehängt und fristet nun als heruntergekommener Barbesitzer, der mittels Speed Dating den Umsatz steigern möchte, sein Dasein. Dort nun treffen die Personen der Oper aufeinander, wobei weder die Gläubigerin Marcellina ihren Schuldner Figaro erkennt und lt. Regie sich mit Susanna und Figaro erstmals ein Paar begegnet, das sich freilich im Hause Almaviva täglich über den Weg läuft. Dass dies alles punktgenau den musikalischen Vorgaben aus dem Orchestergraben angeglichen ist, spricht für das handwerkliche Können der Regisseurin, täuscht aber keineswegs über diesen unlogischen und entbehrlichen Auftakt hinweg, der des Werkes weniger Kundige eher verwirrt als  zum besseren Verständnis des Geschehens beiträgt. Auch die Kostüme Marlis Knoblauchs weisen auf Heutiges hin, während die Bühne (Saskia Wunsch) Feudales andeutet und die Drehscheibe einfallsreich einsetzt. Diese mit der Moderne liebäugelnde Sicht der Regisseurin bäckt freilich Schliff, wenn es um das „Recht der ersten Nacht“ geht, um gesellschaftliche Verhältnisse, die der revolutionären Umwälzung bedurften. Andererseits könnte man natürlich annehmen, dass Helen Malkowsky bereits Anfang vergangenen Jahres die Metoo-Debatte voraussah und mit dem Grafen Almaviva einen Vorgänger Harvey Weinsteins ins Visier nehmen wollte. Dann würden einige Aspekte der Inszenierung durchaus in die von ihr entworfene Bilderwelt passen und keineswegs einer gewissen Pikanterie entbehren.

Gegenüber der Premiere wartete die zu besprechende Aufführung mit etlichen Umbesetzungen auf, wobei keiner der betreffenden Mitwirkenden den Eindruck eines Einspringers erweckte. So gab der Österreicher Christoph Filler vom Münchner Theater am Gärtnerplatz einen spielfreudig auftrumpfenden, mit kraftvollem Bariton für sich einnehmenden Titelhelden. Seine Susanna singt jetzt Sivia Micu von der Bukarester Nationaloper, ein Ausbund an schelmisch emanzipierter, erotisch durchaus ansprechbarer Weiblichkeit, deren Rosenarie durch ein zusätzliches Quäntchen an emotionaler Wärme noch gewinnen würde. Vollkommen begeisterte Sophia Maeno, die den Cherubino mit einer Vielzahl fein komischer Nuancen anreicherte, ohne die Figur jemals preiszugeben  ein junger Mann, der sich als Liebhaber gewiss seine Sporen verdienen wird, als Offizier jedoch eine totale Fehlbesetzung wäre. Dass sie ihren beiden Soli zudem mit dunkel timbriertem Mezzo zu nachhaltiger Wirkung verhalf, vertiefte den prächtigen Eindruck dieser Interpretation. Von etwas hellerer Stimmfarbe, präsentierte Alexandra Ionis eine Marcellina, die noch längst nicht zum alten Eisen zählt und deren sexuellem Verlangen durchaus noch Erfüllung (leider nur an der Seite Bartolos) beschieden sein wird. Den Basilio legte Tommaso Randazzo weniger als aalglatten Schleimbeutel an, zeigte ihn vielmehr, sekundiert von ansprechenden tenoralen Mitteln, als ein armes, zwischen mehreren Stühlen lavierendes Würstchen.

Die übrigen, nicht minder wesentlichen Aufgaben blieben der Premierenbesetzung vorbehalten. Andreas Beinhauer war ein selbstbewusster, ein ihm nicht mehr zustehendes Recht vergebens einfordernder Graf, der in seiner Prozess-Arie zu beeindruckender Form aufläuft. Auf lyrische Noblesse legte der Bariton (gemäß den Intentionen der Regie?) weniger Wert. Maraike Schröter (Gräfin) trug ihre beiden Arien, dank formidabler Technik, klangschön und ausgewogen vor, stellte sich bei den Verkleidungsszenen etwas unbeholfen und kindisch überzogen an. Ob sich Magnus Piontek mit Bartolos sozialem Abstieg zum schmuddeligen Kneiper so recht identifizieren konnte, vermag ich nicht zu entscheiden. Immerhin setzte er seinen profunden Bass diesmal zurückhaltender als gewohnt ein. Der Richter Curzio (Hubert Walawski) wird in dieser Inszenierung zum Barkeeper Bartolos degradiert, wieso er dann einem Prozess vorsteht, bleibt das Geheimnis der Regie, die ihm glücklicherweise das unselige Stottern  erspart. Darüber hinaus darf er im letzten Akt die köstlich freche Barbarina Katharina Broschmanns vernaschen, deren Vater Antonio (Eric Ander) seinen Alkoholkonsum nur dezent andeutet und ansonsten den Anschein eines Angestellten des Grünanlagenamtes von Sevilla erweckt. Den darstellerisch tüchtig geforderten Chor hatte Stefan Biltz sorgfältig einstudiert. Mit Hermes Helfricht stand ein junger Mann am Pult der Robert-Schumann-Philharmonie, der seine Aufgabe mit Feuereifer in Angriff nahm und um einen duftig musizierten, lichten Mozart bemüht war, der dynamisch noch etwas Steigerung vertragen würde. Wenige Patzer bei den Hörnern sollten Helfricht nicht angekreidet werden.

 Joachim Weise

 

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