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CHEMNITZ: CALIGULA von Albert Camus

15.05.2016 | Theater

Chemnitz: „CALIGULA“ von Albert Camus – 14. 5.2016

 In letzter Zeit nahm sich das Chemnitzer Schauspiel verstärkt der französischen Dramatik an, wofür mit Anouilhs „Lerche“, Molières „Menschenfeind“ und Genets „Zofen“ aussagekräftige Inszenierungen den Beweis antraten. Nunmehr bereichert Camus‘ „Caligula“erstmals den Spielplan, während für die kommende Spielzeit Yasmina Reza („Kunst“) angekündigt wird. Dieser „Caligula“ stellt selbst für den geübten Theatergänger keine leicht verdauliche Kost dar, wobei sich der polnische Gastregisseur Robert Czechowski im Verein mit seinen Landsleuten Wojciech Stefaniak (Bühne) und Adam Krolikowski (Kostüme) für eine Sicht entschied, die nicht den historischen Tyrannen Caligula ins Zentrum der Wiedergabe stellt, sondern diesen Mann vielmehr als Künstler auffasst, eine Art Spielleiter, „dessen Handeln auf das Begreifen seiner Position durch die anderen Figuren abzielt, welche in ihrem diesseitigen Denken, ihrem individuellen Sein sowie in ihren theatralen Konventionen gefangen sind.“ (René Schmidt) Dieser Deutungsansatz kommt den Camusschen Intentionen gewiss näher als eine Interpretation, die den Titelhelden in die Nähe von Diktatoren der jüngeren Vergangenheit rückt. Mithin „werden die je eigene Freiheit und deren Grenze Gegenstand der Betrachtung.“ (René Schmidt)

 Der Bühnenbildner verlegt die Handlung, das Konzept der Regie klug bedienend, in ein futuristisches Spital, dessen Insassen, die Elite Roms, den rigide anmutenden Behandlungsmethoden des Chefarztes Caligula ausgesetzt sind. In den Rollstuhl verfrachtet oder sich mühsam mit dem Rollator den Weg bahnend, quälen sich diese Honoratioren zähneknirschend durch ein Dasein, das von der Vergangenheit zehrt und dieser Rosskur nichts entgegenzusetzen hat, wäre da nicht der sich mit ihnen auf Zeit verbündende Realpolitiker Cherea. Diese phantasievoll entworfene Bühne mit den linkerhand angebrachten Spiegelwänden sowie die durchdacht abstrahierenden Kostüme tragen ebenso zum Erfolg der Aufführung bei wie die Choreographie Pawel Matyasiks und die wunderbar die jeweilige Stimmung einfangenden musikalischen Beigaben des Diskjockeis Damian-neogenn-Lindner.

 In der Titelrolle bewies Stefan Migge erneut seine fulminante Darstellungskunst. Nahezu flüsternd,  ungeteilte Aufmerksamkeit erheischend, bringt er sich in das Geschehen ein, entwickelt, sprachlich fein abgestuft, die brillanten Gedankengänge dieses Spielmeisters, ihnen gleichsam demagogischen Glanz beimengend, denen nur der sprechtechnisch superbe Philipp Otto (Cherea) Widerpart zu leisten vermag. Den direkten Kontakt zum Publikum anstrebend, streift sich Migge gar das Gewand des englischen „Vice“ über. Insgesamt glückt Migge das faszinierende Porträt eines Denkers, der sich über die Menschen erhebt und daran scheitert. Als des Kaisers Gefolgsmann Helicon imponiert Philipp von Schön-Angerer mit einer überzeugenden Charakterstudie, quasi als Oberpfleger, der den sperrigen Patienten die vom Chef verordnete Medizin höhnisch verabreicht. Den Mond kann er seinem Herrn und Meister allerdings auch nicht auf die Erde holen. Großartig weiterhin die Caesonia Ulrike Euens, eine Frau, die Körper und Geist gleichermaßen in Schuss gehalten hat und Caligula über alle Zweifel hinweg die Treue hält. Immerhin bewirken allein diese Zweifel ihren hier allerdings nur als Gedankenkonstruktion vorgeführten Tod. Für diese körperliche und geistige Anziehungskraft setzt die Künstlerin ein jederzeit abrufbares Reservoir darstellerischer Nuancen ein. Dem von seinen Gedanken und Gefühlen gebeutelten Scipio verlieh Michel Diercks nachdrückliches Profil. Aus der Altherrenriege der Patrizier ragte Stefan Schweninger (Senectus) hervor, der, die vor sich hinsabbernde Lebensangst in persona, Verrat und anbiederndem Geschleime hervorragenden Ausdruck verlieh. Czechowski hat bewundernswert mit allen Beteiligten gearbeitet, heute allerorten anzutreffenden „Brüllarien“ keinerlei Platz zugestanden, Ausbrüche nur dann gestattet, wo sie Sinn ergaben. Und wenn auch hier, gegen Ende, die Szene „vollgemüllt“ wurde, so war dies kein Armutszeugnis eines um Einfälle bemühten Regisseurs, sondern ein Symbol dafür, dass auf dieser Erde noch so manches aufgeräumt werden muss.

 Joachim Weise

 

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