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Film: CHARLES DICKENS: DER MANN, DER WEIHNACHTEN ERFAND

19.11.2018 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 23. November 2018
CHARLES DICKENS: DER MANN, DER WEIHNACHTEN ERFAND
The Man Who Invented Christmas / Irland, Kanada / 2017
Regie: Bharat Nalluri
Mit: Dan Stevens, Christopher Plummer, Jonathan Pryce, Justin Edwards, Anna Murphy u.a.

Wie oft wurde „Christmas Carol“ von Charles Dickens –vermutlich die berühmteste Weihnachtsgeschichte der Welt – schon verfilmt? Aber selten als sie selbst, meist in eine Rahmenhandlung gepresst, manchmal sogar absolut absurd aufgeputzt (mit den Muppets, mit Micky Mouse, in der Sesamstraße, als Zeichentrick, als Musical). Voriges Jahr haben die Briten in ihrer berühmten Selbstironie sogar im Fernsehen „A Christmas Carol Goes Wrong“ gezeigt, wo eine BBC-Produktion des Stücks Opfer eines Angriffs wurde und Derek Jacobi gar nicht dazu kam, Scrooge zu spielen…

Aber das Werk ist ewig, überlebt alles. Und kommt auch heuer zu Weihnachten über quasi Umwege auf die Leinwand – aber diesmal so überzeugend wie noch nie. Denn nun sehen wir zu, wie Charles Dickens selbst seine Weihnachtsgeschichte schreibt, wobei ihm Ebenezer Scrooge gelegentlich sogar den Text diktiert…

Eine Art „Vorspiel“ zeigt Charles Dickens während seiner Tournee durch die Vereinigten Staaten. Welch eine Welt, wo ein Schriftsteller gefeiert wird wie ein Pop-Star – und auch zuhause in London, wo ein Polizist sogleich in Entzücken ausbricht, als er Dickens erkennt und ihm erzählt, wie sehr er sein letztes Buch geliebt hat. Goldene Zeiten… jedenfalls ist gleich zu Beginn klar: Der dreißigjährige Charles Dickens (Dan Stevens überzeugt nicht auf Anhieb, aber nach und nach in der Rolle des jungen Genius) ist im Jahr 1842 eine Berühmtheit, schließlich hat er schon „Oliver Twist“ und „Nicholas Nickleby“ geschrieben. Das bringt allerdings auch mit sich, dass man von ihm einen Bestseller nach dem anderen erwartet. Was aber, wenn er diese nicht bringt?

Nicht nur, dass er eine große Familie (viele kleine Kinder, man gewinnt gar keinen Überblick), ein Haus und Personal zu erhalten hat (und die Handwerker dauernd Rechnungen präsentieren). Seinen lebensuntüchtigen Vater hat er samt seiner Mutter in einem Haus am Land untergebracht und sorgt für deren Unterhalt. So viel zu den Finanzen. Und das boshafte Bedauern der Kollegen im Club, die ihm die schlechten Kritiken seiner letzten Bücher auswendig vordeklamieren?

Eine klassische Situation, und der Film, den der indisch-stämmige Regisseur Bharat Nalluri nach dem Buch des Historikers Les Standiford auf die Leinwand gebracht hat, bemüht sich um historische Genauigkeit, was schon einmal ein schönes Bio-Pic (auf Deutsch, weniger nett ausgedrückt: einen Kostümschinken) daraus macht, der allerdings sehr glaubhaft anzusehen ist. Vor allem der Großstadtmoloch Londons in jenem Jahr 1843, wo die Geschichte dann spielt, wird in Opulenz hier, in Armut und Bedrohlichkeit da sehr glaubhaft ausgespielt (ohne dass man die Studio-Kulissen krachen hörte).

Die Entstehung von „Christmas Carol“ setzt sich nun aus mancherlei zusammen, zuerst aus der Verzweiflung eines Autors, der unbedingt ein erfolgreiches Buch schreiben will. Der an eine Weihnachtsgeschichte denkt, die ihm seine Verleger ablehnen – das sei doch nur „a minor holiday“. Worauf sich Dickens – unterstützt von seinem treuen Freund und geschäftlichen Berater John Forster (Justin Edwards bleibt am Rande und ist doch stark präsent) – geradezu in das Thema verbeißt. Und er entschlossen ist, es in unfasslicher Schnelligkeit, in sechs Wochen, rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft herauszubringen, selbst für den Druck zu sorgen, selbst den besten Illustrator (hochmütig: Simon Callow) zu bezahlen… ja, es muss sein. Beruhigenderweise weiß man, wie glücklich dieser „Schaffensrausch“ ausgegangen ist.

Die Ideen fliegen ihm nur so zu – jene bösen Sprüche der saturierten Reichen, die für die Armen nur Verachtung übrig haben und sie für ihr chancenloses Schicksal selbst verantwortlich zu machen. Und dann steht noch sein Vater vor der Tür (der wunderbar herumschwadronierende, seine Niederlagen nie eingestehende Jonathan Pryce), der lebenslange Versager, der ins Schuldengefängnis kam, als Charles zwölf Jahre alt war, was den Jungen zwang, unter scheußlichen Bedingungen in einer Schuhwichsfabrik zu arbeiten… Er hat das Elend als Proletarierkind am eigenen Leib kennen gelernt, die Bitterkeit von Armut und Demütigung geschmeckt und nicht vergessen, seitdem er sich aus eigener Kraft zum Erfolgsautor hinaufgearbeitet hat. Und er hat nie aufgehört, dem Vater übel zu nehmen, was er ihm angetan hat…

Manches fliegt ihm zu – Marley heißt der uralte Diener im Club. (Je besser man selbst „Christmas Carol“ kennt, umso mehr Spaß wird man mit allen Bezügen haben, die der Film herstellt.) Den Namen seines Geizhalses, der dem Geist der Weihnacht begegnen soll, muss er allerdings suchen. Er dekliniert die Möglichkeiten geradezu durch, bis er auf „Scrooge!“ kommt… Und dann steht dieser auch schon in der Tür, in der Gestalt des herrlich alten, vertrockneten, unbewegten Christopher Plummer, der mit ihm einen Dialog beginnt.

Nach und nach bevölkern dann auch die andern Figuren der Geschichte sein Arbeitszimmer, und jede Störung durch die Außenwelt reißt Dickens aus seinem Schöpfungsrausch. Freilich, Tara (zauberhaft: Anna Murphy), die einfache irische Magd, die allerdings über die damals in der Unterschicht seltene Fähigkeit des Lesens verfügt, ist ihm als Erst-Leserin seiner vollgeschmierten Manuskript-Seiten wichtig, und sie fordert ihn auch zu manch gütlicher, menschenfreundlicherer Lösung auf, die er dann zugesteht…

Es gelingt dem Film nicht nur, den Zuschauer gänzlich in die wahre Welt des Charles Dickens und gleichzeitig in die Vorstellungswelt eines Dichters mitzunehmen, man gelangt auch in die Wunderwelt der Geister, die in „Christmas Carol“ beschworen werden, und am Ende hat sich dieses beglückende, befreiende Gefühl der Menschlichkeit, das aus Dickens’ Werk spricht, gänzlich auf alle übertragen, auf der Leinwand und im Kinosaal. Das ist der unwiderstehliche Weihnachts-Zauber von Dickens’ Buch – das ja dann auch, und das ist höhere Gerechtigkeit, dem Autor nicht nur riesigen unmittelbaren Erfolg bescherte, sondern ihn in die ewigen Gefilde der Weltliteratur gehoben hat.

Renate Wagner

 

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