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CHAPPIE

01.03.2015 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmPlakat Chappie~1

Ab 6. März 2015 in den österreichischen Kinos
CHAPPIE
USA  /  2015 
Regie: Neill Blomkamp
Mit: Hugh Jackman, Dev Patel, Sigourney Weaver, Yo-Landi Visser und Sharlto Copley als Chappie

Zu Beginn ist es keinerlei Werbung “Besucht Südafika”: Da kämpft eine wirklich schauerliche schwarz-weiße Bande in irgendeiner Schrott- und Drecksloch-Welt gegen die Polizei. Nur dass diese längst nicht mehr aus Menschen, sondern aus Robotern besteht. Es ist eine Sci-Fi-Vorgabe, aber vermutlich nicht mehr so weit entfernt – reale Waffensysteme der Amerikaner werden ja auch nicht mehr von Menschen vor Ort bedient, sondern von jenen, die vor Bildschirmen sitzen und sie wie im Computerspiel einsetzen. Die Roboter sind also keine unglaubhafte Option für die Zukunft.

Und so hart und grausig, wie es angeht, entspricht der südafrikanische Regisseur Neill Blomkamp den Erwartungen, die man in ihn setzt: Hat er doch 2009 mit seinem Film „District 9“ den seltenen Fall von hochintelligenter, politisch durchdachter Zukunftsversion geliefert, auch am Beispiel seiner Heimat Südafrika. Ging es damals um Aliens, sind es nun die Roboter – und zur großen Enttäuschung rutscht Neill Blomkamp diesmal ab. In Klischees, zum Teil ganz dicke, in Sentimentalität, in Albernheit sogar. Und dabei „hat“ er doch ein Thema: Denn der Mensch ist unternehmungslustig (und dabei kurzsichtig!) genug, um an dem Roboter zu basteln, der menschliche Eigenschaften besitzt, also denken, fühlen und selbst intelligente Schlussfolgerungen ziehen kann…

Daran arbeitet Deon im Rahmen einer Firma, die die Polizei mit ihren „Robocops“ beliefert. Dort ist man übrigens recht zufrieden und will nichts anderes – weder Deons intelligente Version noch jene riesigen Kampfmaschinen, die Vincent Moore statt dessen verkaufen will. Damit klar ist: Deon ist der absolut Gute, der Idealist mit Gewissen und Visionen, Vincent ist nur böse: Hugh Jackman, der berühmteste Name der Besetzung, erledigt das mit hässlichem Haarschnitt, bösem Blick, aggressiver Körpersprache. Der Mann ist doch ein erster Schauspieler! Warum lässt er sich auf so was ein?

Deon ist nicht weniger ein Klischee, aber der als „Slumdog Millionaire“ bekannt gewordene Dev Patel bietet eine weit differenzierter Leistung. Man glaubt ihm den kleinen Angestellten und den besessenen Wissenschaftler, der sich von der Chefin (Sigourney Weaver kann ihre Nebenrolle kaum aufputzen) nicht zurückpfeifen lässt.

Wenn Deon nun eine kaputte, bei den Gefechten zusammengeschossenen Polizei-Roboter-Leiche stiehlt und sie heimlich tatsächlich zu „echtem“ Leben erweckt, kommt die Katastrophe auf dem Fuß: Deon wird von dem Trio Infernal überfallen, das sich schon durch den Beginn des Films durchkämpfen durfte. Sie meinen, er könne ihnen einen Code geben, die Polizei-Roboter zu steuern. Dann allerdings stehlen sie lieber sein „belebtes“ Stück. Und siehe da, der lebt tatsächlich, verhält sich wie ein Kind und wird „Chappie“ genannt. Endzweck: Ihn zu einer Kampfmaschine zu erziehen, die alle „Guten“ bekämpft. Deon bricht das Herz…

Neill Blomkamp hat für zwei der drei Gangster zwei der berühmtesten südafrikanischen Rapper verpflichtet, die sogar ihre Kunstnamen für ihre Rollen behalten dürfen: Watkin Tudor Jones ist Ninja, und diesem in allem – Erscheinung, Körpersprache, Ausstrahlung – grauenvollen Menschen möchte man nicht im Dunkeln begegnen. Genau so exzessiv abwegig ist Yo-Landi Visser (im Privatleben seine Frau und Teil der Band), die als Yolandi ein schrilles, aber dann auch wieder stellenweise mütterliches weibliches Element vertritt. Als Dritten hat man ihnen Jose Pablo Cantillo als Yankie beigegeben, der noch am wenigsten zum Fürchten ist… aber schlimm genug.

Die Erziehung des „genialen“ Superroboters (der in stellenweiser Niedlichkeit an „E.T.“ gemahnt), ist nun die Kitschorgie schlechthin – das Stahlgestell, das den Weg vom „Baby“ zum selbstbewussten Erwachsenen geht. Natürlich taucht Deon immer wieder auf, will miterziehen, will das Gute in seinem „Chappie“ stärken, aber Erlebnisse im „wahren Leben“ (auch ein Roboter kann von furchtlosen südafrikanischen Straßenjungen verprügelt werden) und der schlechte Einfluß seines Gangstervaters ziehen ihn in die andere Richtung. Ja, ein wahres menschliches Entwicklungsdrama, das man Chappie hier auferlegt… (Für dessen Körpersprache hat der Regisseur übrigens Sharlto Copley eingesetzt, den man in anderen Blomkamp-Filmen als Echt-Menschen erleben durfte.)

Wenn dann noch der andere Bösewicht (nicht zu vergessen: Hugh Jackman ist auch noch da) kapiert, was Chappie ist und kann und er nichts will, als ihn zerstören, dann setzen die finalen Schlachten ein, wobei man nie kapiert, warum eine Art von Robotern kaputt gemacht werden kann, andere wieder nicht?

Über drüber an Dummheit das Finale, das uns allerdings philosophische Überlegungen mitgeben will: Als Deon angeschossen ist und nur noch sterben kann – ja, da pflanzt Chappie das Gehirn seines Meisters in einen leeren Roboter ein. Ewiges Leben im eisernen Körper! Der Traum aller, die die Idee, nicht mehr zu sein, nicht ertragen können. Aber wenn man es durchdenkt – nicht essen, nicht trinken, nicht schlafen, nicht… eh schon wissen, also: eigentlich ja doch kein Mensch sein, nur ein eingesperrtes Gehirn. Wer kann das ernstlich wollen?

Ernstlich kann man nur sagen, dass Neill Blomkamp diesmal eine ziemlich unverdauliche Mischung aus hässlichem Südafrika-Alltag und Zukunftsvisionen, knüppeldickem Kitsch und wabernder Philosophie angerührt hat. Nichts weniger als eine Enttäuschung.

Renate Wagner

 

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