Lettland / Cesis Festival: Richard Wagner: „Tristan und Isolde“
Konzertante Aufführung am 9. Juli 2022

Marco Jentzsch (Tristan), Gun-Brit Barkmin (Isolde). Foto: Müller
Lettland gehört auch fast 20 Jahre nachdem es der EU beigetreten ist, immer noch zu den Entdeckungen auf der Landkarte, auch auf der künstlerischen. Das mag auch daran liegen, dass Lettlands Zuordnung zum Baltikum umstritten ist. Neben den geographischen Kriterien sind sowohl historisch-kulturelle wie auch politische Einflüsse im Land spürbar. Umso wichtiger und großartiger ist die identitätsstiftende Wirkung von kulturellen Höhepunkten wie dem CESIS FESTIVAL. Mittlerweile im 16. Jahr seines Bestehens, beginnt es zumeist mit der Aufführung einer „großen“ Oper. Cesis, auf Deutsch Wenden, liegt im Norden Lettlands, weniger als 200km von der russischen Grenze entfernt und von der Hauptstadt Riga in etwas mehr als einer Autostunde zu erreichen. Ein Ausflug dorthin lohnt aber in jedem Fall, da hier Kultur im „lettischen Bayreuth“ im besten Sinne zu erleben ist.
In der konzertanten Aufführung von „Tristan und Isolde“ ist der Zuhörer zunächst überrascht vom großartigen Orchesterklang. Ein dunkler voller Streicherklang, sehr gute Holzbläser (besonders das Englischhorn!) sowie in weiten Teilen sauber intonierende Blechbläser erfreuen selbst verwöhnte Ohren. Hinzu kommen eine Agogik und eine Phrasierung, die im besten Sinne musikantisch war. Ein ganz großes Lob für den Dirigenten am Pult des Lettischen Sinfonischen Nationalorchesters, Andris Poga. Dem 24-jährigen Letten gelang es, intuitiv große Bögen zu spannen sowie aus dem Wort Musikzauber zu entfesseln. Wagner wäre begeistert gewesen!
Auch die Sängerbesetzung war in weiten Teilen Bayreuth-würdig oder der dortigen überlegen. Da wäre zunächst der Titelheld zu nennen: Marco Jentzsch, ein Tenor, der den gesunden Weg vom lyrischen Mozart über das deutsche Zwischenfach bis zu den großen Heldenrollen gegangen ist: seine Leistung zeichnet besonders aus, dass er fast liedhaft und mit Leichtigkeit diese gefürchtete Partie meistert. Nach den nicht enden wollenden Wogen des zweiten Akts ist man im dritten Akt überwältigt von der Dramatik und dem Zupacken des Tenors, der dabei nie seine sängerischen Mittel überreizt. Dies ist umso höher zu bewerten, als seine Partnerin, die deutsche Sopranistin Gun-Brit Barkmin, die in den vergangenen 10 Jahren an vielen großen Opernhäusern, u.a. auch in Wien vor allem als Salome Erfolge feierte, in weiten Teilen genau diese Stimmqualität nicht aufbringt. Die erzählerischen, rezitativischen Teile des 1. Aktes singt sie noch mit Geschmack und Intelligenz, aber auch hier gab es bei jedem hohen Ton Trübungen in Klangschönheit und Intonation. Leider setzte sich dieser Eindruck im zweiten Akt im Duett mit dem Tenor fort und führte letztlich zu einem unschönen Liebestod.
Als König Marke war der aus dem Nachbarland Litauen stammende Ain Anger zu erleben, der seit 2004 in einem sehr breiten Spektrum aus italienischem, französischem, slawischem und vor allem deutschem Repertoire an der Wiener Staatsoper zu hören war. Er präsentierte sich in guter Form, war wortdeutlich, wenn auch emotional etwas distanziert: im großen Monolog des König Marke hätte man sich mehr Leidenschaft gewünscht.
In den zwei weiteren Hauptrollen erlebte man Sänger ohne Wien-Bezug, die man sich mit Fug und Recht am Haus am Ring wünschen könnte. Das war einmal die schwedische Mezzosopranistin Martina Dike als Brangäne, die mit vorbildlicher Wortdeutlichkeit und der nordischen Stimmen oft ureigenen Naturgewalt ein mitreißendes Portrait der Begleiterin Isoldes zeichnete. Dann der deutsche Bassbariton Oliver Zwarg, der dem Kurwenal im besten Stil eines Walter Berry Stimmschönheit, perfekte Diktion und berührende Emphase verlieh.
In den kleineren Rollen gaben die lettischen Sänger Mihails Čulpajevs (Melot), Artem Safronov (Hirt) und insbesondere Rinalds Kandalincevs (Steuermann) exzellente Proben ihres Talents ab.

Schlussaplaus. Foto: Müller
Somit kann insgesamt eine Reise nach Lettland zum Cesis Festival nur wärmstens empfohlen werden!
Martin Müller
PS: Der 3. Akt ist abhörbar auf Youtube unter: Marco Jentzsch Cesis 3. Akt Tristan und Isolde – aufregend!

