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CD: Felix Mendelssohn Bartholdy: Violinkonzert d-Moll (1822) / Violinkonzert e-Moll op. 64 (1844). Elvin Hoxha Ganiyev (Violine), Württembergische Philharmonie Reutlingen, Howard Griffiths (Leitung). Solo Musica.

16.08.2026 | cd

Felix Mendelssohn Bartholdy: Violinkonzert d-Moll (1822) / Violinkonzert e-Moll op. 64 (1844). Elvin Hoxha Ganiyev (Violine), Württembergische Philharmonie Reutlingen, Howard Griffiths (Leitung). Solo Musica.

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Man muss sich die Konstellation auf der Zunge zergehen lassen: Das wohl populärste Violinkonzert der Romantik teilt sich hier eine Aufnahme mit seinem beinahe vergessenen Zwilling – beide von Mendelssohns Hand, doch getrennt durch mehr als zwei Jahrzehnte. Elvin Hoxha Ganiyev, 1997 in Ankara geboren und mit dieser Produktion zum ersten Mal mit Orchester im Studio, stellt das frühe d-Moll-Konzert des Dreizehnjährigen neben das reife e-Moll-Meisterwerk. Und er beweist auf ganzer Linie, dass hier kein Lückenbüßer neben ein Denkmal tritt, sondern hier zwei gleichrangige Zeugen eine einzige künstlerische Wahrheit bekräftigen.

Die eigentliche Entdeckung dieser Einspielung ist das d-Moll-Konzert. In routinierteren Händen verkümmert es leicht zur Kuriosität, zum Beweisstück früher Begabung. Ganiyev nimmt ihm jede museale Schwere. Er musiziert den Kopfsatz mit einer barock grundierten Motorik, die vor Leben sprüht, lässt die toccatenhaften Läufe atmen und in den dramatischen Wendungen jenen Bach’schen Sturm und Drang aufblitzen, die den jungen Mendelssohn so inspirierte. Bezeichnend ist ein Moment im Finale: Wo die Partitur eine Phrase zweimal identisch verlangt, verwandelt der Geiger die Wiederholung mit einem hingetupften harmonischen Glissando – ein Augenzwinkern, das die Werktreue nicht bricht, sondern belebt. Hier spielt einer nicht gegen die Noten, sondern mit ihnen, und man hört ihm dieses Vergnügen in jeder Phrase an.

Der Kontrast zum e-Moll-Konzert könnte kaum schärfer ausfallen – und gerade daraus zieht die Aufnahme ihre innere Spannung. Ganiyev, der dieses Werk wie fast jeder Geiger seiner Generation schon als Heranwachsender lernte, begegnet ihm mit der Wachheit dessen, der das Allzuvertraute noch einmal von Grund auf befragt. Nichts klingt automatisiert, nichts nach glatter Routine der zahllosen Vorgänger. Der berühmte Soloeinstieg gerät ihm nicht zur Geste, sondern zum leisen, fast tastenden Beginn, aus dem sich die Melodie erst allmählich zu voller Kantabilität weitet. Sein Ton auf der Guarneri „filius Andreae“ von 1715 besitzt eine noble Zurückhaltung: kein eitler Dauervibrato-Schmelz, sondern ein farbenreiches, sprechendes Timbre, das Mendelssohns Idiom die klassizistische Eleganz zurückgibt, um die es mancher Bogen bringt.

Dass diese Lesart trägt, ist auch das Verdienst von Howard Griffiths und der Württembergischen Philharmonie Reutlingen. Der erfahrene Solistenförderer hält das Orchester in kammermusikalischer Transparenz, sodass im e-Moll-Konzert die solistischen Bläserlinien als gleichberechtigte Stimmen hervortreten und nicht als bloßer Klanggrund verschwimmen. Und man spürt die Spielfreude, mit der das Ensemble besonders das d-Moll-Konzert angeht – jene positive Energie überträgt sich unmittelbar.

Unterm Strich ein Doppelporträt, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Ganiyev macht hörbar, wie aus dem staunenden Wunderkind der Meister wurde – und zugleich, wie ein junger Geiger von heute seine eigene Stimme findet, indem er sich an zwei Werken desselben Komponisten misst. Diese Einspielung sucht weder den billigen Effekt noch scheut sie das Bewährte, und gerade in ihrer Unaufgeregtheit liegt ihre Größe. Ein Orchesterdebüt, das man als das nehmen darf, was es ist: ein ehrliches Selbstporträt in zwei Tonarten. Unbedingt hörenswert.

Stefan Pieper

 

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