Zwei Flügel, ein Kosmos – und was man mit vier Händen alles anstellen kann

Seit 2023 spielen die griechische Pianistin und Komponistin Tania Giannouli und der Schweizer Nik Bärtsch als Klavierduo. Was auf ihrem gemeinsamen Debütalbum Metakosmos zu hören ist, sprengt die üblichen Vorstellungen von dem, was zwei akustische Flügel miteinander vermögen. Keine Elektronik, keine Loops, keine Effekte – nur vier Hände, zwei Instrumente und eine gemeinsame klangliche Philosophie, die fest in der Gegenwart verwurzelt ist.
Die beiden Musiker verwandeln die Flügel in ein modernes Orchester. Sie hämmern, rhythmisieren, schichten und verweben die Klänge so dicht und facettenreich, dass man sich staunend fragt, ob hier wirklich nur zwei Klaviere am Werk sind. In „Then When“ wird mit einer hämmernden Energie und rhythmischen Komplexität gearbeitet, die an Balkan-Traditionen und die spieltechnischen Möglichkeiten des Cimbaloms erinnert: ostinate Pattern greifen ineinander, Akzente werden gesetzt und wieder aufgelöst, die Instrumente antworten sich in rasenden, präzise verzahnten Dialog. Die Hände scheinen die Saiten und Hämmer nicht nur anzuschlagen, sondern zu orchestrieren – mal massiv und orchestral, mal filigran und transparent.
Ganz anders „Willow Wind“: Hier wird der Wind geradezu hautnah erlebbar. Die Pianisten erzeugen mit fein abgestuften Anschlägen, flirrenden Tremoli und luftigen Arpeggien eine klangliche Brise, die durch die Register wandert. In „Electric Sea“ und „Intonal“ entstehen Wellenbewegungen mit weiten Bögen – ruhende See, Wellenspiel für die Ohren. Die linke Hand legt tiefe, schwingende Fundamente, während die rechte darüber leuchtende oder dunkel schimmernde Flächen spannt. Dynamik und Pedal werden so eingesetzt, dass die Instrumente zu atmen scheinen.
„Spiral Spirit“ dreht sich mystisch und in permanenter Umdrehung: Motive kehren in leicht veränderten Gestalten wieder, die Klangfarben rotieren, die Energie bleibt in ständiger Bewegung, ohne jemals unruhig zu wirken. „Glass Labyrinth“ ist filigran und pastellzart gefärbt – hier zeigen die beiden, wie durchsichtig zwei Flügel klingen können, wenn sie auf feinste Nuancen des Anschlags und der Resonanz hören. „Door 13 / Pink Athens“ hingegen öffnet abgründige, fremde, unheimliche Räume: dissonante Schärfen, abgebrochene Gesten, plötzliche Einbrüche und eine Dramaturgie, die an filmische Spannungsbögen erinnert. Den Abschluss bildet „Bela’s Move“, ein passioniertes Duett, in dem die beiden Instrumente sich leidenschaftlich umkreisen, herausfordern und am Ende wieder finden.
Was Giannouli und Bärtsch mit den Klavieren anstellen, ist eine Art akustisches Sounddesign auf höchstem Niveau. Sie nutzen das volle Spektrum des Instruments: flächige Pedalklänge, filigrane Obertonspiele, rhythmische Momente bis hin zu weit gespannten, orchestralen anmutenden Effekten. Die Kommunikation zwischen den beiden ist so eng, dass die Grenze zwischen den Instrumenten verschwimmt – es entsteht jener „Metakosmos“, den das Booklet beschreibt: ein gemeinsamer Raum, der die Spieler umfasst und ihr Spiel transzendiert.
Die rhythmische Energie speist sich aus dem Erbe der Balkanmusik, die Liebe zum Detail aus der klassischen Kammermusik, die Freiheit aus dem Jazz und die rituelle Struktur aus sakralen Formen. Giannoulis griechische Herkunft und Bärtschs Schweizer Prägung mit ihren Erfahrungen in Osteuropa und Japan verschmelzen zu einer organischen, mühelosen Musik des Hier und Jetzt.
60 Minuten faszinierende Klangimpressionen, die der Fantasie viel Raum geben. Eine CD, die so ganz anders ist – und die zeigt, wie weit zwei Flügel gehen können, wenn sie von zwei außergewöhnlich aufmerksamen und erfindungsreichen Musikern gespielt werden. Absolut hörenswert.
Dirk Schauß, im Oktober 2026
Tania Giannouli & Nik Bärtsch – Metakosmos
Fuga Libera, FUG883

