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CD: Zachary Hatcher – De la nuit… Die Harfe an ihren Grenzen und darüber hinaus. Fuga Libera, FUG882

21.10.2026 | cd

Die Harfe an ihren Grenzen und darüber hinaus

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Für sein erstes Soloalbum hat sich der junge amerikanische Harfenist Zachary Hatcher (geb. 1996) ein Programm vorgenommen, das die außergewöhnlichen Möglichkeiten seines Instruments kompromisslos auslotet. Im Zentrum steht seine eigene Bearbeitung von Maurice Ravels Ondine aus Gaspard de la nuit – ein Werk, das aufgrund seiner enormen technischen Anforderungen lange als nahezu unspielbar auf der Harfe galt. Heute kehrt es allmählich auf die Konzertbühne zurück; Hatcher ist gegenwärtig der einzige Interpret, der es öffentlich spielt. Die Auseinandersetzung mit den Grenzen des Instruments setzt sich in seiner eigenen Sonata for solo harp (2024) fort und zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Programm.

Hatchers Sonate eröffnet das Album mit einer tänzerischen, leicht widerborstigen Burlesque, gefolgt von einem kontrastreichen Walzer und einem langen, eindringlichen Prayer. Leicht dissonante Intervalle eröffnen hier ein Gebet, das vieles mitzuteilen hat – nachdenklich, suchend, nie bloß schön klingend. Es ist, wie Hatcher selbst schreibt, ein Liebesbrief an sein Instrument und zugleich der Versuch, die vollständige Klangpalette und die technischen Möglichkeiten der Harfe in einem großen Solowerk zu zeigen. Man spürt die Absicht, und man spürt vor allem die Liebe.

Die beiden Stücke von Per Nørgård – Consolation: As a Roselike Flower und Swan Descending – bilden meditative Gegenpole. Leise finden sich einzelne Töne zusammen, filigran und zurückhaltend. Sie wirken wie ein langsames Gehen durch einen nordischen Nachmittag, voller stiller Existenzfragen. Hatcher, der in Dänemark lebt und arbeitet, spielt sie mit spürbarer Verbundenheit.

Paul Hindemiths Harfensonate von 1939 steht als eines der zentralen Werke des Repertoires da – und zugleich als Sonderfall im Schaffen des Komponisten. Feierlich und stark in der Tongebung der erste Satz, energisch und vital der zweite, behutsam und von ruhigem Tonzauber der abschließende Lied-Satz. Hatcher betont die unbequeme, dunkle Schwingung, die unter der neoklassischen Oberfläche liegt. Das Stück bleibt sperrig und faszinierend zugleich.

Henriette Reniés Pièce Symphonique (1907) zeigt die andere Seite der Harfentradition: wuchtig, geradezu orchestral und effektvoll in der Marche funèbre, wild und nach vorne drängend im Appassionata, nachdenklich und introspektiv im Schluss. Renié, oft als „Großmutter der Harfe“ bezeichnet, hat das Instrument wie kaum eine andere geprägt. Hier klingt sie untypisch großformatig und dramatisch.

Den krönenden Abschluss bildet Hatchers Transkription von Ravels Ondine. Was auf dem Klavier schon extrem anspruchsvoll ist, wird auf der Harfe zu einem echten Grenzgang. Hatcher meistert die wasserleuchtenden Arpeggien, die flirrenden Figuren und die unterschwellige Bedrohlichkeit mit beeindruckender Souveränität und klanglichem Zauber. Man hört nicht nur die technische Bewältigung, sondern auch die dunkle Faszination, die das Stück seit seiner Jugend auf ihn ausgeübt hat.

Diese CD dauert 54 Minuten und bleibt durchweg spannend. Hatcher spielt mit klarer Struktur, differenziertem Anschlag und einer persönlichen, nie auf Effekt bedachten Haltung. Er stellt die Harfe nicht als bloßes Klangschönheitsinstrument vor, sondern als ein Medium von erstaunlicher expressiver und technischer Bandbreite. „De la nuit…“ ist ein Debüt mit Anspruch und Haltung – und eine Einladung, die Harfe mit anderen Ohren zu hören.

Dirk Schauß, im Oktober 2026

Zachary Hatcher – De la nuit…
Fuga Libera, FUG882

 

 

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