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CD WOLFGANG AMADEUS MOZART „LA CLEMENZA DI TITO“ mit Spence, Šaturová, Stéphany, Skerath, Dennefeld, Steffens, Orchestre de l’Opera de Rouen Normandie, Ben Glassberg; alpha

22.11.2022 | cd

CD WOLFGANG AMADEUS MOZART „LA CLEMENZA DI TITO“ mit Spence, Šaturová, Stéphany, Skerath, Dennefeld, Steffens, Orchestre de l’Opera de Rouen Normandie, Ben Glassberg; alpha

Von allen Fesseln der Opéra seria befreit

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Der britische Dirigent Ben Glassberg, aktuell Musikdirektor der Opera de Rouen Normandie, Chefdirigent von Glyndebourne on Tour und Gastdirigent des Orchestre National de Lyon, hat sich schon bei der Einspielung von Benjamin Brittens kammermusikalischem Psychothriller „The Turn of the Screw“ mit dem La Monnaie Chamber Orchestra als ein Meister der Konstruktion dichter Spannungsbögen, eines transparenten und dennoch sinnlichen Orchesterklangs und vor allem als ein Musiker entpuppt, der souverän mit Licht und Schatten, dynamisch minutiöser Abstimmung der einzelnen Stimmgruppen und Instrumentalsoli zu jonglieren vermag.

Die Neuaufnahme von Mozarts „La Clemenza di Tito“ stellt ihm auch in Sachen Mozart das allerbeste Zeugnis aus. So gesanglich, flüssig, geschmeidig, flott und ganz auf den Kern der Leidenschaften und die komplexen Beziehungen der Figuren zueinander habe ich diese Oper noch nie gehört. Jegliches Plustern und kühl klassizistischer Säulenglanz sind wie weggeblasen. Es scheint, als gelänge es Glassberg mit dem wunderbaren Orchestre de L’Opera de Rouen Normandie und dem pauschaler agierenden Choeur Accentus auf spektakuläre Weise, in dieser so frisch unbeschwerten Aufnahme alle Steifheit, alle Nüchternheit der seria in ein organisch atmendes modern-psychologisches Drama zu wandeln. Das gelingt dem 28 Jahre jungen Maestro nicht zuletzt dank des vorzüglichen Umgangs mit Mozarts superber Instrumentierung. Ergebene Liebe, Verrat, Rache, Anstiftung zu Mord, nagende Schuldgefühle und allumfassende Vergebung fügen sich so zu einem Universum an musikalischer Schönheit und innerer Wahrhaftigkeit. Dazu kommt, dass Julio Caballero Pérez am Hammerklavier die Rezitative äußerst abwechslungsreich, atemlos am Sängerwort haftend, klanglich bravourös zu gestalten weiß.

Wie sehr sich die neue Aufnahme von meinen alten „Lieblingen“ unterscheidet, ist schon an der jeweiligen Aufführungsdauer abzulesen. Während Karl Böhm den Reigen mit ca:140 Minuten als derjenige mit den breitesten Tempi anführt; so sind Christopher Hogwood (137‘), James Levine/live 3.8.1977 Salzburg (134‘) und István Kertész (121‘) wesentlich langsamer als Glassberg unterwegs, der mit insgesamt nur 113 Minuten Spielzeit jetzt die rascheste Aufnahme am Schallplattenmarkt vorlegt. Dabei wirkt trotz der straffen Tempi bei stets delikat gesetzten Rubati nichts überhitzt, überstürzt oder künstlich beschleunigt, sondern fügt sich in eine kluge Gesamtdramaturgie, die sich genügend Zeit für elegisches Innehalten (z.B.: Rondo des Sesto „Deh per questo istante solo“) und vor allem das elegante Ausschwingen von behutsam ausgeformten Phrasen nimmt.

Die Besetzung mit zwei Rollendebüts (der schottische Tenor Nicky Spence in der Titelrolle und die slowakische Simona Houda Šaturová als Vitellia) darf als ein Triumph einer mustergültigen Ensemblebildung gelten. Besonders hervorheben möchte ich die britische Mezzosopranistin Anna Stéphany als verwegenen Sesto und die junge Schweizerin Chiara Skerath als entzückende Servilia. Antoinette Dennefeld als Annio und der Bassbariton David Steffens als Publio fügen sich gut ins Team.

Fazit: Eine willkommene und musikalisch wertvolle Bereicherung des Katalogs. Vom opernaffinen Ben Glassberg dürfen wir uns noch viel erwarten.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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