Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD: Wolfgang Amadeus Mozart Klavierkonzerte 20 und 22 Marie-Ange Nguci Mozarteumorchester Salzburg Howard Griffiths, musikalische Leitung Alpha Classics, Alpha 1245

21.09.2026 | cd

Das Mozarteumorchester Salzburg wagt unter Howard Griffiths die Neuerfindung des Vertrauten

moz

Manchmal braucht die Klassikwelt keine weiteren Vermessungen des Altbekannten, sondern schlicht einen frischen Blickwinkel, der gewohnte Pfade ohne ungestüme Bilderstürmerei verlässt. Alpha Classics legt in seiner Reihe zur Nachwuchsförderung den sechzehnten Teil vor, und wer das Resultat hört, greift unwillkürlich nach den Begleittexten, um zu begreifen, warum diese knapp siebzig Minuten musikalische Konversation so überraschend uneitel geraten sind. Verantwortlich dafür zeigt sich Marie-Ange Nguci, eine junge Pianistin mit denkbar ungewöhnlichem Werdegang. Aufgewachsen in Albanien, mit dreizehn Jahren bereits Studentin bei Nicholas Angelich am Pariser Konservatorium, später Dirigierstudentin in Wien, Promotion in New York und ganz nebenbei noch eine betriebswirtschaftliche Graduierung im Kulturmanagement. Solch ein Lebenslauf schürt die Befürchtung einer allzu akademisch durchgeplanten Musizierhaltung. Das Gegenteil ist der Fall.

Nguci nähert sich Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzerten d-Moll KV 466 und Es-Dur KV 482 mit einer geradezu sachlichen Eleganz, die auf jede süßliche Attitüde verzichtet. Schon die Wahl des Instruments lässt aufhorchen: Ein Bösendorfer VC 280 gibt den Ton an, dessen obertonreicher, im Diskant schlanker und im Bass angenehm griffiger Klang dem mozartschen Gestaltungsdrang entgegenkommt. Es ist jenes Wien des Jahres 1785, das aus dieser Einspielung spricht, die Zeit des Aufbruchs, in der der Komponist nach dem Bruch mit dem Salzburger Fürsterzbischof Colloredo als freier Unternehmer seine Subskriptions-Akademien veranstaltete. Wenn Howard Griffiths das Mozarteumorchester Salzburg im Kopfsatz des Es-Dur-Konzerts anschlägt, dann geschieht dies mit prägnantem Zugriff und klar konturierten Details. Griffiths zwingt das Ensemble nicht in ein historisierendes Korsett, sondern erlaubt den Bläsern – den von Mozart hier erstmals anstelle von Oboen eingesetzten Klarinetten – einen wunderbar warmen, ausbalancierten Ton.

Als Nguci einsetzt, verzichtet sie auf jede Form des virtuosen Imponiergehabers. Ihre Phrasierung perlt fein, doch liegt das Augenmerk nie auf der bloßen Geläufigkeit, sondern auf dem steten Dialog. Sie lässt dem Orchester Raum zum Atmen, greift die Motive auf und führt sie mit einer natürlichen Dynamik weiter. Im Andante entwickelt sich ein weiter Atem, der die leisen Wehmutstöne dieser Passage nicht in Melancholie ertränkt, sondern mit rhetorischer Klarheit artikuliert. Das Rondo bringt schließlich jene tanzende Leichtigkeit, in die sich die feinsinnig gewählten Kadenzen von Johann Nepomuk Hummel nahtlos fügen. Nguci spielt Hummel nicht als virtuoses Prunkstück, sondern als schlüssige Weiterführung der mozartschen Gedankengänge.

Den eigentlichen Prüfstein bildet freilich das d-Moll-Konzert KV 466. Es ist jenes Werk, dessen Uraufführung im Saal des Gasthauses Mehlgrube im Februar 1785 unter solchem Zeitdruck stattfand, dass der Kopist bei der Ankunft von Vater Leopold noch an den Stimmen schrieb und der Komponist das Schluss-Rondo nicht einmal mehr durchspielen konnte. Mozart saß damals an einem eigens angefertigten Pedalflügel, um der düsteren Unruhe des Werks Nachdruck zu verleihen. Nguci und Griffiths begegnen dieser geschichtsträchtigen Partitur ohne Scheu vor den schroffen Wendungen. Das Allegro beginnt im Orchester mit beunruhigendem Synkopengrummeln, worauf das Klavier mit kühler Fassung antwortet. Kein dramatisches Lamento, sondern die Demonstration einer inneren Spannung, die sich im weiteren Verlauf entlädt.

In Beethoven-Kadenzen neigen viele Solisten dazu, den Tonfall ins Heroische zu verschieben und Mozart die attitüdenreiche Maske der Spätromantik überzustreifen. Nguci vermeidet diesen Fallstrick durch eine auffallend klare Strukturierung. Sie nutzt die orchestrale Ausbildung ihres Hintergrunds, um die Vielstimmigkeit offenzulegen, ohne den melodischen Faden zu verlieren. In der berühmten Romanze singen Klavier und Holzbläser mit unaufgeregter Schönheit um die Wette. Hier zeigt sich die Stärke des Salzburger Klangkörpers, der den Pianissimo-Passagen eine geschmeidige Transparenz verleiht, ohne den Ton je dünn werden zu lassen. Der Ausbruch im Mittelteil der Romanze gerät folgerichtig nicht zum Getöse, sondern behält seine musikalische Logik.

Im Rondo schließlich greift Nguci wieder zur Hummel-Kadenz. Das Klavier zeigt sich hier stellenweise aufbegehrend, ein wenig widerborstig gegen die Vorgaben des Orchesters. Diese kleine Reibung verleiht der Einspielung ihre besondere Würze. Man spürt das wache Auge einer Künstlerin, die auch als Dirigentin das Ganze im Blick behält und sich nicht in den Vordergrund drängt. Das Spiel bleibt stets transparent, frei von Pedalnebel oder künstlichen Effekten. Griffiths führt das Orchester mit straffer Hand durch die Klippen der Partitur, lässt den Musikern aber genug Eigenleben, um das Musizieren wie eine spontane Übereinkunft wirken zu lassen.

Was diese Aufnahme aus der Masse der Mozart-Interpretationen heraushebt, ist das Fehlen jeglicher Attitüde. Man findet hier weder die kühle Perfektion moderner Wettbewerbsgewinner noch die bemühte Originalität jener Interpreten, die jede Note neu erfinden wollen. Die Tontechnik fängt das Geschehen mit erfreulicher Direktheit ein, lässt dem Flügel seinen holzigen Körper und verteilt die Instrumentalgruppen auf einer natürlichen Bühne. Es bleibt der Eindruck einer reifen, im besten Sinne unaufgeregten Auseinandersetzung mit zwei Hauptwerken der Klavierliteratur. Marie-Ange Nguci empfiehlt sich mit dieser CD nicht als flüchtiges Talent der Saison, sondern als Musikerin mit eigenem Kopf und vorzüglichem Handwerk. Howard Griffiths und das Mozarteumorchester erweisen sich dabei als Partner, die diesen Weg ohne akademische Versteifung mitgehen. Ein gelungenes Dokument einer Zusammenarbeit, das Lust auf weitere Begegnungen macht.

Dirk Schauß, im September 2026

 

Wolfgang Amadeus Mozart

Klavierkonzerte 20 und 22

Marie-Ange Nguci

Mozarteumorchester Salzburg

Howard Griffiths, musikalische Leitung

Alpha Classics, Alpha 1245

 

Diese Seite drucken