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CD WOLFGANG AMADEUS MOZART „ESSENTIAL SYMPHONIES“ – ROGER NORRINGTON dirigiert das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR; SWR Music

03.07.2021 | cd

CD WOLFGANG AMADEUS MOZART „ESSENTIAL SYMPHONIES“ – ROGER NORRINGTON dirigiert das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR; SWR Music

 

Live Mitschnitte vom Europäischen Musikfest 2006, Stuttgart, Liederhalle-Hegelsaal

0747313952687

 

Mit dieser Edition hat der SWR einen besonders glitzernden Schatz aus den Archiven gehoben. 2006 dirigierte Roger Norrington innerhalb von zwei Wochen in acht Mittagskonzerten über 20 Symphonien von Mozart. 19 davon fanden Eingang in diese hervorragende Edition, und zwar die Symphonien Nr.1, 8, 12, 19, 22, 25, 28, 29, 31 bis 35, 36 und 38 bis 41.

 

Das Geheimnis einer mitreissenden und alle Gemüter bewegenden Interpretation symphonischer Musik des 18. Jahrhunderts hängt weitaus weniger von der akademischen Frage “Originalklang ja oder nein?” ab, sondern von der musikalischen Persönlichkeit, die das Orchester – sei es auf historischen oder wie beim Radio-Sinfonieorchester Stuttgart auf modernen Instrumenten – leitet. In der Geschichte der Tonträger gibt es die unterschiedlichsten Mozart-Dirigenten-Typen: Da sind die gepflegten Langweiliger, auf der anderen Seite die geschwindigkeitsfanatischen Hudler (frei nach Qualtinger “die Wilden auf der Maschin’”, die nicht wissen, wohin, aber auf jeden Fall früher da sind) und die eingefleischten Musikanten, die mit großem Wissen und ausgiebiger Erfahrung tief in die Seele der Musik eintauchen, Sonnen- und Mondseiten der Partituren zauberisch ausleuchten. 

 

Die großen Mozart-Dirigenten der dritten Kategorie reihen sich nahtlos aneinander. Ob Fritz Busch, Josef Krips, Karl Böhm oder später Nikolaus Harnoncourt, Roger Norrington oder Christopher Hogwood. Sie alle hatten und haben Maßstäbliches zu Mozart zu sagen. Allen gemeinsam ist dieses untrügliche Empfinden für das Theatralische, Opernhafte, den “Sturm und Drang” im riesengroßen instrumentalen Schaffen Mozarts. Hören Sie das Molto Allegro der “Jupiter Symphonie” oder das Finale der Es-Dur Symphonie, KV 543, oder noch dramatischer, das Allegro con spirito der “Symphonie KV 320 in D-Dur” (nach der ‚Posthorn Serenade‘) in dieser Aufnahme mit Norrington an und Ihnen wird Musik mit loderndem Feuer, eine alle Lebensgeister weckende, atemberaubende geistige Vitaminkanonade zuteil. Aber Norrington genießt wie alle bedeutenden Dirigenten vor allem die langsamen Sätze, deren harmonische Wechsel er voll herber Zartheit und subtiler Temporückungen in aller Ruhe zelebriert.

 

Natürlich ist Norrington historisch informiert und will die Spielwiese der damaligen Zeit so authentisch wie möglich gestalten. Er hält sich bei jeder Symphonie an die Orchestergröße bei deren erster Aufführung. Das kleinste Orchester der Serie besteht gerade einmal aus 18 Musikern. Auch die Aufstellung ist wichtig: Die ersten und zweiten Violinen sitzen sich gegenüber, die Bläser stehen in Reihen auf beiden Seiten, in der Mitte ist das Cembalo platziert. Die Tempi richten sich laut Norrington nach den neuesten Forschungserkenntnissen, genau so wie Bogenstrich, Artikulation und Phrasierung. Sämtliche Wiederholungszeichen Mozarts werden beachtet, nur auf die Da Capos der Menuette wird verzichtet. 

 

Die Konzerte waren dramaturgisch so gestaltet, dass Paare früher und später Symphonien gegenübergestellt wurden. Auch die Edition befleißigt sich dieses Prinzips in abgewandelter Form: Jede CD präsentiert dem Hörer jeweils eine Symphonie aus der frühen, der mittleren und der späten Schaffenszeit. Für die letzten vier Symphonien, die Mozart für Prag und Wien komponierte, kamen 24 Violinen und 16 Holzbläser zum Einsatz. Zur Technik von Piano und Forte hält Norrington fest: “In Anlehnung an ein zeitgenössisches System, das wahrscheinlich auch bei Händel und Haydn zum Einsatz kam, wurden die piano-Passagen von der Hälfte des Orchesters, und die forte-Stellen von allen gespielt. Bei einer Mozart-Symphonie hatte ich das noch nicht ausprobiert, aber ich fand es sehr eindrucksvoll und wirksam. Möglicherweise ist das für große Sinfonieorchester ein Schritt in die richtige Richtung.”

 

Roger Norrington erweist sich hier als Mozart-Dirigent von Gnaden. Die Edition stellt nicht weniger als ein singuläres Monument der Mozart-Diskographie dar. Die tontechnisch  grandios direkt und in maximaler Tiefenstaffelung gemischten Aufnahmen zählen somit in jeder Hinsicht zu den Aussagekräftigsten der Schallplattengeschichte. Das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR spielt zum Niederknien gut. Ob es sich um die rhythmische Präzision, das passgenaue interaktive Miteinander der Instrumentengruppen, die forsch glutvolle  Artikulation oder das alle Uhren stehen Lassen bei den himmlischen Aufschwüngen handelt, der Hörer ist von der Kraft und der spirituellen Magie der Musik überwältigt. Eintauchen, Fallenlassen, Genießen!

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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