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CD WOLFGANG AMADEUS MOZART: DIE ZAUBERFLÖTE – der Mozart-Zyklus mit Yannick Nézet-Séguin und Rolando Villazón geht in die sechste Runde

19.07.2019 | cd

CD WOLFGANG AMADEUS MOZART: DIE ZAUBERFLÖTE – der Mozart-Zyklus mit Yannick Nézet-Séguin und Rolando Villazón geht in die sechste Runde; Deutsche Grammophon

Veröffentlichung: 2. August

Aufgenommen wurde diese Zauberflöte – wie auch die anderen im Rahmen dieser Serie erschienenen Mozart-Opern „Don Giovanni“, „Cosi fan tutte“, „Le nozze di Figaro“, „La Clemenza di Tito“ und „Die Entführung aus dem Serail“ – in Verbindung  mit Aufführungen im Festspielhaus Baden-Baden, diesmal  vom Juli 2018. Es handelt sich aber um keinen live-Mitschnitt. Vielmehr sind die Brüche nach den „Takes“ bisweilen allzu wahrnehmbar und nehmen Spannung weg.

Das Grundproblem des 2011 angekündigten spektakulären Aufnahmeunternehmens (in Anlehnung an das mit Karl Böhm Jahrzehnte zuvor realisierte Mozart-Opern-Projekt des Gelblabels) ist nämlich der „Startenor“ selbst. Rolando Villazon, der in seiner Glanzzeit seine Luxusstimme mit einem verschwenderischen Elan versprühte als gäbe es kein Morgen (ich erinnere mich da etwa an einen unglaublichen Waldbühnen Auftritt im Juli 2006), verfügt nur noch über den Schatten eines Schattens einer Opernstimme. In der „Zauberflöte“ ist Villazon ohnedies schon vom Tenor zum Bariton mutiert, um das Projekt zumindest der Überschrift nach durchziehen zu können. Natürlich fehlt ihm auch als Papageno stimmlich und deklamatorisch (so ziemlich) alles, was das wortreich Freche, Unverschämte, Irdische und Feige des saftigen Naturburschen nach Schikaneder, der sich lebenshungrig nach seiner Papagena sehnt, ausmacht. Erich Kunz, Walter Berry, Heinz Holecek oder Hermann Prey, um nur vier legendäre Charismatiker zu nennen, führten auf der Bühne oder im Studio leuchtend vor, wie sehr eine volle samtig dunkle Mittellage, vokale Agilität und eine quicke Wortdeutlichkeit in den Dialogen als Grundvoraussetzungen für individuelle Papageno-Rollenprofile unabdingbar sind. Dass ein grau klingender Tenor ohne Höhe, der zudem die Dialogtexte linkisch „buchstabiert“, auf diesem Terrain nicht Fuß fassen kann, liegt auf der Hand.

Erfreulich hingegen ist, wie sehr sich Yannick Nézet-Séguin im Laufe der Zeit als Mozart-Dirigent profilieren konnte. Der Musikdirektor des Philadelphia Orchestra und der Metropolitan Opera, Ehrenmitglied des Chamber Orchestra of Europe, hat im Mai 2018 einen neuen Exklusivvertrag mit der Deutschen Grammophon geschlossen. Der quirlige 44-jährige Kanadier und „Hans Dampf in allen musikalischen Gassen“ ist nicht nur sympathisch, sondern auch ein gewitzter Vollblutmusiker. Nézet-Séguin legt sich nicht auf eine Gangart fest (historisch informiert versus romantisch inspiriert), sondern musiziert flink dahin, wie ihm der Mozart-Schnabel gewachsen ist. Seine besten Dirigate lieferte er mit „Le nozze di Figaro“ und „Titus“. Stets hat er die Gesamt-Architektur und Proportionen sowie die Finessen der Instrumentierung im Blick, bei der Zauberflöte hingegen will der musikalische Bach nicht immer rauschen. Da rumpelt es hie und da im Gestein, wenn Phrasen abrupt enden und im Wechsel von dynamischer Verdichtung und Dehnung eigenwillige Kanten verfremden. Yannick Nézet-Séguin weiß jedoch (auch scharfe) Akzente zu setzen, er bedient die verschiedenen musikalischen Sphären der Oper kontrastreich und agiert als aufmerksamer Sängerbegleiter.

Im direkten Vergleich zu der im Deutsche Grammophon Katalog  referentiell geführten „Zauberflöte“ aus dem Jahr 1964 unter der musikalischen  Leitung von Karl Böhm (mit Wunderlich, Lear, Peters, Crass, Fischer-Dieskau, Hotter) wählt Nézet-Seguin wesentlich schnellere Tempi ( für den ersten Akt braucht er knapp neun Minuten weniger). Nur bei den beiden Papageno-Arien lässt sich Nézet-Seguin mehr Zeit….

Die Besetzung aus Baden-Baden ist – ausgenommen die Partie des Papageno – sehr gut, ohne spektakulär zu sein: Franz-Josef Selig singt einen schlank eleganten Sarastro, Albina Shagimuratova pfeffert die Koloraturen mit stupender Leichtigkeit in die Stratosphären, ihr kurzes Vibrato im Legato ist nicht mein Fall. Christiane Karg stattet die Pamina zwar mit Wohllaut aus, mit ihrem „weißes“ Timbre vermag sie (mich) jedoch nicht zu berühren. Die große Überraschung und der Star der Aufführung ist Klaus Florian Vogt in der Rolle des Tamino. Mit purem Silberton, exquisiter Phrasierung und vorbildlicher Diktion in den Dialogen hat sich dieser Lohengrin vom Dienst diese schwierige Mozart-Partie ganz und gar angeeignet. Das fordert Respekt und Bewunderung ab. Launig keck und verführerisch agiert Regula Mühlemann als Bilder(hör)buch-Papagena. Die drei Damen Johanni van Oostrum, Corinna Scheurle und Claudia Huckle singen mit Saft und Autorität, ihre individuellen Timbres sind eine Freude. Der junge Paul Schweinester als Monostatos klingt zu schön und zu dünn. Wie bei der Böhm-Aufnahme vor 55 Jahren ist der RIAS Kammerchor wieder mit von der Partie. Heute wie damals ein Muster an Chorkultur, Homogenität und Präzision. Das Chamber Orchestra of Europe glänzt mit Bravour in den Einzelstimmen und königlicher Klangpracht in den Tutti.

Insgesamt mag dennoch keine animierte Stimmung aufkommen, die Aufnahme wirkt allzu poliert und letztlich steril. Wo bleibt die Bühnenluft? Die Referenzaufnahme des Gelblabels mit Böhm und Wunderlich ist und wird weiterhin unangefochten einsame Spitze bleiben.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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