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CD „With all my breath and all my blood“ – GIORGI GIGASHVILI spielt die Klaviersonaten Nr. 6-8 von Sergei Prokofiev; alpha

02.01.2026 | cd

CD „With all my breath and all my blood“ – GIORGI GIGASHVILI spielt die Klaviersonaten Nr. 6-8 von Sergei Prokofiev; alpha

Veröffentlichung: 16.1.2026

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„Letztlich handelt dieses Album von Widerstand. Aber es handelt auch von Hingabe. Davon, wie tief man einen Lehrer lieben kann. Davon, dass Musik zwar Wut in sich trägt, aber auch Hoffnung.G. Gigashvili

Diese Aufnahme ist vieles: Ein Brief, ein Schrei, ein Flüstern, ein Denkmal. Vor allem aber ist sie meine Sprache, die einzige, der ich vollkommen vertraue. So spricht der 25-jährige Georgier Giorgi Gigashvili, begnadeter Musiker durch und durch. Er ist einer der interessantesten, kämpferischsten und liebenswertesten Allrounder unter den jungen Pianisten. Schüler zuerst am Staatlichen Konservatorium von Tbilisi von Revaz Tavadze, dann bei Nelson Goerner und Kirill Gerstein, reizte es Giorgi schon immer, georgische Volkslieder und Popsongs zu singen. Er engagiert sich außerdem für elektronische und experimentelle Musik.

Der Steinway Artist Gigashvili hat bereits zusammen mit Lisa Batiashvili das Album „Secret Love Letters“ mit der Sonate für Violine und Klavier von César Franck.für die Deutsche Grammophon aufgenommen. Für das Label Alpha markieren Prokofievs 1939 bis 1944 entstandene Kriegssonaten nach “Meeting my Shadow” das zweite Solo-Album dieses „rising stars“.

Die in ihren extremen Kontrasten so beredten, die fürchterlichen Umstände des Zweiten Weltkriegs ganz subjektiv adressierenden Sonaten sind in der künstlerischen Entwicklung und persönlichen Beziehung des Pianisten eng mit seinem Lehrer Revaz Tavadze verbunden. So spielte Gigashvili die Sechste, als der verehrte Lehrer und Mentor 82 Jahre alt wurde und die Siebte zu seinem 83. Geburtstag. Die Achte konnte Tavadze infolge seines Ablebens vor dem 84. Geburtstag leider nicht mehr hören.

Auf dem mit über 84 Minuten übervollen Album sind zudem der in gemessenem Tempo gespielte ‚Tanz der Ritter‘ aus Prokofievs „Romeo & Julia“ op. 64, arr. für Violine & Klavier von David Grjunes sowie „To Gia Kancheli“ für Violine & Klavier von Josef Bardanashvili (Violine Lisa Batiashvili) zu hören.

Gigashvili gewinnt der Sechsten Klaviersonate in A-Dur Op. 82 mit einer den jähen Stimmungswechseln genau ausformulierenden, differenziert-rhythmisch pointierten Anschlagskunst und fein gewählten Rubati auch im Perkussiven humane Gestalt ab. In spielerischem Gegensatz zum so speziell irrlichternd gesponnenen sarkastischen Humor entsteht so der Eindruck von Erschütterung, aber vor allem Nachdenklichkeit und fragil wirkendem Licht am Horizont. Gigashvili agiert dabei stets kontrolliert und klar strukturiert, meidet jeden Hauch von Dämonie bzw. Fatalismus. Immer wieder blitzt Schönheit auf. Im virtuosen Vivace erlaubt sich Gigashvili untergründig, eine eruptiv hervorbrechende Leichtigkeit des Seins zu apostrophieren.

Völlig anders wirkt die 1942 geschriebene Sonate in B-Dur, Op. 83. Gigashvili empfindet, dass etwas in ihr zerbrochen sei. „Aber sie tanzt trotzdem weiter, voller Feuer, voller Dringlichkeit, mit zusammengebissenen Zähnen. Die Sonate nennt die Angst und spielt weiter.“ Die Musik scheint ihre Wut und ihr Aufbegehren nicht zuletzt aus Erinnerungen zu schöpfen. Gigashvili setzt auf selbstreferenzielle Kontrastwirkungen von knackig perlenden, wie improvisiert wirkenden Läufen und einem lyrisch-schlichter intonierten Andante coloroso, denen er ohne jegliche Sentimentalität ihre Geschichten, ihr eigenes Flair belässt. Das rasant dahinwirbelnde Precipitato hat etwas von allegorisch deutbaren Naturgewalten, gleicht der nervösen Unberechenbarkeit von Stromschnellen. Für diese siebte Sonate bekam Prokofiev den Stalin Preis verliehen.

Die achte Klaviersonate in B-Dur, Op. 84, 1944 vollendet, ist Prokofievs zweiter Frau, der Dichterin Mira Mendelson, gewidmet. Diese längste unter den Kriegssonaten ist die intimste und persönlichste von allen. Gigashvili legt ein gutes Korn Zartheit, aber auch eine scherenschnittartige Melancholie in seine Interpretation. Wie der Künstler zu diesem Stück anmerkt, hat die Musik und folgerichtig auch er keine Eile, die diversen, teils in bang unheimliche, teils in eigenwillige Anmut gegossenen Gefühlslagen feinsinnig und farbenleuchtend auszukosten. Ein Plädoyer für die Pflänzchen Zuversicht und Durchhaltegeist auch in schwieriger Lage.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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