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CD: William Walton Orb and Sceptre Symphonies 1 & 2 City of Birmingham Symphony Orchestra Kazuki Yamada, musikalische Leitung Deutsche Grammophon, 486 8227

13.03.2026 | cd

William Walton: Orb and Sceptre.Symphonies 1 & 2 City of Birmingham Symphony Orchestra,Kazuki Yamada, musikalische Leitung Deutsche Grammophon, 486 8227

weidr

William Walton findet in Kazuki Yamada seinen idealen Anwalt

Es gibt diese Momente im Konzertsaal, in denen die Luft zu flirren beginnt, noch bevor der erste Takt erklingt. Wer die Entwicklung des City of Birmingham Symphony Orchestra (CBSO) in den letzten Jahren verfolgt hat, weiß um die elektrische Spannung, die dieses Ensemble umgibt. Seit Simon Rattle das Orchester in den achtziger Jahren auf die Weltkarte der Philharmonie katapultierte, haftet Birmingham der Ruf eines gallischen Dorfes der Exzellenz an, das sich beharrlich gegen die Londoner Übermacht behauptet. Mit Kazuki Yamada am Pult hat diese Traditionslinie nun ein neues, faszinierendes Kapitel aufgeschlagen. Dass ihr gemeinsames Debüt bei der Deutschen Grammophon ausgerechnet William Walton gewidmet ist, mag auf den ersten Blick wie eine sichere Wahl wirken, entpuppt sich beim Hören jedoch als programmatischer Paukenschlag von enormer Relevanz.

William Walton ist ein Name, der in deutschen Konzertsälen leider oft nur ein Schattendasein führt. Während man sich hierzulande gelegentlich an den monumentalen Sinfonien von Vaughan Williams abarbeitet oder die spröde Modernität von Benjamin Britten seziert, wird Walton häufig in die Schublade des bloßen Gelegenheitskomponisten für royale Prunkereignisse gesteckt. Ein fatales Fehlurteil, das diese Aufnahme mit Nachdruck korrigiert. Walton war in den dreißiger Jahren der „Bad Boy“ der britischen Musikszene, ein Autodidakt mit einem untrüglichen Gespür für rhythmische Energie und harmonische Schärfe, der die englische Pastoralidylle gründlich gegen den Strich bürstete.

Den Auftakt macht der Krönungsmarsch „Orb and Sceptre“, komponiert 1953 für Elizabeth II., deren hundertsten Geburtstag wir im Jahr 2026 begehen. Yamada begeht nicht den Fehler, das Werk in reinem Pomp zu ersticken. Sicher, das Imperiale ist vorhanden, die Prozession schreitet mit erhobenem Haupt voran, doch unter Yamadas Leitung gewinnt der Marsch eine pompöse Eleganz, die weit über das rein Zeremonielle hinausgeht. Es ist eine Visitenkarte des CBSO: Blechbläser von goldener Strahlkraft, donnerndes Schlagzeug und eine rhythmische Präzision, die nie starr wirkt, sondern stets organisch atmet. Man spürt förmlich die von Yamada beschriebene „Telepathie“ zwischen Dirigent und Orchester, eine ja schon unheimliche Einigkeit im Timing.

Das Herzstück der Veröffentlichung ist jedoch die erste Sinfonie von 1935. Ihre Entstehungsgeschichte war qualvoll; Walton rang jahrelang um das Finale, während das Werk bereits in unfertigem Zustand aufgeführt wurde. Das Ergebnis ist ein Monument der Hochspannung. Der erste Satz setzt mit einem beharrlichen Ostinato in den Streichern ein, einem Herzschlag, der sich über fünfzehn Minuten zu einer beispiellosen Intensität steigert. Yamada meistert diesen gewaltigen Spannungsbogen mit einer Souveränität, die an die großen Walton-Exegeten wie André Previn erinnert. Er lässt die Dunkelheit, die im Zentrum dieser Sinfonie lauert, behutsam hervortreten, ohne den Vorwärtsdrang zu opfern. Die rhythmische Schärfe im Scherzo, das Walton bezeichnenderweise mit der Anweisung „con malizia“ (mit Bosheit) versah, wird vom CBSO mit athletischer Wendigkeit umgesetzt, die den Hörer atemlos zurücklässt. Besonders hervorzuheben ist das Lento, in dem die Holzbläser des Orchesters eine wehmütige Melodik entfalten, die in ihrer fragilen Schönheit direkt ins Mark trifft. Hier beweist Yamada, dass er nicht nur das große orchestrale Feuerwerk beherrscht, sondern auch die Fähigkeit besitzt, klangliche Schichten so transparent zu legen, dass jede Nuance der Partitur hörbar wird.

Fünfundzwanzig Jahre später schrieb Walton seine zweite Sinfonie, ein Werk, das bei seiner Uraufführung 1960 zunächst unterschätzt wurde. Man warf dem Komponisten vor, den Anschluss an die Avantgarde verloren zu haben. Aus heutiger Sicht wirkt diese Kritik kurzsichtig. Die Zweite ist ein Werk von raffinierter Meisterschaft, weniger brachial als die Erste, dafür klanglich komplexer und von mediterraner Farbigkeit geprägt. Yamada und das CBSO treffen den Tonfall dieser Musik genau. Der erste Satz versprüht einen Hauch von Exotik, als hätte Walton einen Sommer an der französischen Riviera verbracht und die Leichtigkeit Debussys in seine eigene Tonsprache integriert. Die Schlagzeuggruppe und die Blechbläser agieren hier mit einer Spritzigkeit, die pure Lebensfreude ausstrahlt. Im langsamen Mittelsatz entfaltet sich ein sinnliches Leuchten, das Yamada mit großer Geduld und einem feinen Gespür für harmonische Rückungen auskostet. Das Finale der zweiten Sinfonie, eine Passacaglia mit fugierten Abschnitten, wird unter Yamadas Händen zu einer Demonstration orchestraler Virtuosität. Es ist faszinierend zu beobachten, wie eng verzahnt die einzelnen Register agieren. Die Dynamik bleibt stets kontrolliert, selbst in den massivsten Eruptionen der Blechbläser und des Schlagwerks bleibt das Klangbild durchhörbar.

Die Toningenieure der Deutschen Grammophon haben diese Live-Aufnahmen aus der Symphony Hall in Birmingham mit einer Wucht und Präsenz eingefangen, die den Hörer mitten in das Geschehen versetzt. Es ist das erste Mal, dass diese zentralen Werke des britischen Repertoires im Katalog des Gelblabels erscheinen – ein längst überfälliger Schritt, der durch diese gelungenen Einspielungen mehr als gerechtfertigt wird.

Kazuki Yamada, der ab 2026 auch die Geschicke des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin leiten wird, positioniert sich mit diesem Album als ein spannender Gestalter der Gegenwart. Er nähert sich Walton nicht als musealem Exponat, sondern als lebendiger, pulsierender Energiequelle. Für das deutsche Publikum bietet diese CD die ideale Gelegenheit, einen Komponisten neu zu entdecken, der weit mehr zu bieten hat als nur Filmmusik oder Krönungsmärsche. Waltons Sinfonien sind emotionale Achterbahnfahrten, die zwischen existenzieller Angst und triumphaler Bejahung schwanken. Dass das CBSO diese Reise mit einer solchen Hingabe mitgeht, zeugt von der besonderen Chemie zwischen dem japanischen Maestro und seinen britischen Musikern. Es ist in der Tat eine Liebesgeschichte, die hier in Tönen erzählt wird – leidenschaftlich, präzise und von einer klanglichen Pracht, die ihresgleichen sucht. Wer wissen möchte, wie die Zukunft der sinfonischen Interpretation aussieht, kommt an dieser Veröffentlichung nicht vorbei.

Dirk Schauß, im März 2026

William Walton
Orb and Sceptre
Symphonies 1 & 2City of Birmingham Symphony Orchestra Kazuki Yamada, musikalische Leitung Deutsche Grammophon, 486 8227

 

 

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