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CD Werke für Chor und Klavier von CLAUDE DEBUSSY und REYNALDO HAHN – Chor des Bayerischen Rundfunks; BR Klassik  

01.01.2022 | cd

CD Werke für Chor und Klavier von CLAUDE DEBUSSY und REYNALDO HAHN – Chor des Bayerischen Rundfunks; BR Klassik

 

Französische Chorlieder mit der Sopranistin Christiane Karg, Gerold Huber und Max Hanft (Klavier)

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 Ein gar charmantes und stimmungsvolles Programm hat Chorleiter Howard Arman für das neue Album des Chors des Bayerischen Rundfunks gewählt. Als wichtigstes Stück darf wohl Debussys Kantate „La damoiselle elue“ auf ein Gedicht des englischen Dichters und Malers Dante Gabriel Rossetti in der französischen Übersetzung von Gabriel Sarrazin gelten. Das Gedicht handelt von einer jung veerstorbenen Frau, die auf die goldene Himmelsbrüstung gelehnt auf die Erde blickt und sich nach ihrem Geliebten verzehrt. Mit drei Lilien in der Hand und sieben Sternen in den Haaren glorifiziert sie ihre Liebe und erbittet von Jesus die Gnade, wie früher in Liebe mit diesem Mann vereint zu sein. 

 

Debussy sah „Die Erwählte“ als ein kleines Oratorium mit mystischer, leicht heidnischer Note. Er widmete das Stück Paul Dukas und reichte es in Paris als Bewerbung um den Prix de Rome ein. Howard Arman erstellte 1980 basierend auf der Orchesterpartitur und der Klavierfassung von Debussy eine eigene Fassung für 2 Klaviere, Sopran-Solo und Frauenchor, die er 2020 revidierte. Obwohl von der Tonalität Wagners inspiriert, hören wir doch schon in diesem Frühwerk einen unverwechselbaren, stilistisch reifen Debussy, der mit der „damoiselle“ eine fragile, feenhafte und zerbrechliche Frauengestalt wie die Mélisande geschaffen hat. 

 

Christiane Karg gelingt mit ihrem farbenreichen lyrischen Sopran ein zartes und berührendes vokales Porträt dieser schwer fasslichen Frauenfigur, wenngleich man sich die Spitzentöne leichtgängiger und obertonreicher vorstellen hätte können. Alle unstillbare Sehnsucht, die um sich selbst drehenden Gedanken einer naiv unschuldvollen Schwärmerei, der unumstößliche Glaube, dass seine zwei Gebete ihn in den Himmel bringen werden, all das verschmilzt mit dem Klang der beiden Klaviere zu einem unwirklichen Schweben, die Musik scheint den Duft weißer Rosenblätter zu atmen.

 

Das Album beginnt mit dem vogelzwitschernden Chorlied „Salut printemps“ des 20-jährigen Debussy auf Verse des Staatsmanns und Schriftstellers Anatole de Ségur für Frauenchor, Sopran-Solo und Klavier. Der exzellente, in bester Konzertmanier schlank und elegant singende Frauenchor des Chors des Bayerischen Rundfunks kann in „Les angélus. Cloches chrétiennes pour les matines“ a cappella vorführen, welchen balsamischen Zauber ein harmonischer Chorklang entfalten kann. Das kurze, so stimmungsvolle „L‘ombre des arbres dans la rivière embrumée“ für Singstimme und Klavier aus den „Ariettes oubliées“  nach einem Gedicht von Paul Verlaine war der Sopranistin Mary Garden, der ersten Titelheldin in „Pelléas et Mélisande“ gewidmet. Zum direkten Vergleich: Auf den identen Text hat auch Reynaldo Hahn ein Lied komponiert und in den Zyklus „Sept chansons grises“ aufgenommen.

 

Einem ganz anderen musikalischen Universum begegnen wir in Reynaldo Hahns „Études latines“ für Sopran und Klavier und weiteren Solo-Stimmen (Daniel Behle Tenor, Anna Maria Palii Sopran, Nikolaus Pfannkuch Tenor, Tareq Nazmi Bass) und Chor. In der neoklassizistischen Manier der Poesie des Leconte de Lisle hören wir einen zehnteiligen Zyklus, in dem in romantischen Gesängen einer imaginierten Antike nachgehangen und deren Schönheitsideal verklärt wird. Harmonisch und stilistisch stehen die „Études“ Fauré näher als Debussy. Dem sanften Fluss der kunstvollen Legato-Bögen der Christiane Karg kann hier ohne Einschränkung genussreich gefolgt werden. 

 

Howard Arman und der Chor des Bayerischen Rundfunks zeigen, dass sie auch in diesem gesangstechnisch zwar kaum anspruchsvollen, aber stilistisch heiklen französischen Raritätenprogramm zu Hause sind wie der Fisch im Wasser. 

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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