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CD: Wendepunkt  L’atelier de musique Pierre Dumoussaud, musikalische Leitung B Records, LBM083

26.11.2025 | cd

CD: Wendepunkt  L’atelier de musique Pierre Dumoussaud, musikalische Leitung B Records, LBM083

Schönberg & Webern: Kammersymphonien plus ein romantischer Seufzer

basse

Wenn man die Namen Arnold Schönberg und Anton Webern auf einem Plattencover liest, zuckt der geneigte Klassikhörer erst einmal zusammen. Zwölftonreihe, Angst vor Dissonanzen, das volle Programm der „Oh-Gott-wird-das-jetzt-schmerzhaft-modern“-Phobie. Man stellt sich schon mal die Ohren zu und sucht reflexartig nach der Fernbedienung. Und dann passiert das Undenkbare: Man legt die Scheibe ein – und wird von Musik umarmt, die so zugänglich, so sinnlich und so emotional direkt ist, dass man sich fragt, warum eigentlich jemals jemand vor diesen beiden Komponisten gewarnt hat.

Pierre Dumoussaud dirigiert hier kein x-beliebiges Ad-hoc-Ensemble, sondern sein „Traumorchester“ – eine handverlesene Truppe aus Kammermusikroutiniers, die jedes Jahr beim Festival de Pâques in Deauville zusammenkommen. Die kennen sich blind, atmen gemeinsam und spielen mit einer Präzision und Wärme, die man bei größeren Klangkörpern oft schmerzlich vermisst. Das merkt man bereits nach den ersten Takten dieser Live-Aufnahme.

Den Anfang macht Schönbergs Kammersymphonie Nr. 1 op. 9 (1906), jenes berüchtigte Ein-Satz-Monster, das damals in Wien für handfesten Theaterskandal sorgte. Hier liegt sie in der autorisierten Fassung für Streichorchester vor – und klingt plötzlich wie ein fiebriger Traum von Brahms, der sich in Mahler und Richard Strauss gleichzeitig verliebt hat. Der Beginn klagt, ja, aber diese Klage wird sofort von einer geradezu süchtig machenden Unruhe durchbrochen. Die Violinen suchen pausenlos das Licht, die Celli graben sich in die Tiefe, und mittendrin entwickelt sich ein polyphones Gewimmel, das so dicht und doch so durchsichtig ist, dass man meint, einzelne Stimmen mit den Fingern greifen zu können. Dumoussaud treibt das Tempo klug voran, lässt aber nie die emotionale Glut erlöschen. Nach knapp zwanzig Minuten ist man erschöpft – aber zufrieden erschöpft.

Mitten hinein platziert das Programm einen wunderbaren Kontrast: Anton Weberns Langsamer Satz für Streichorchester (1905), ursprünglich ein Streichquartettsatz, hier in der geschmackvollen Bearbeitung von Gerard Schwarz. Der junge Webern, noch ganz Schüler seines Lehrers Schönberg, schwelgt hier ohne jede Scham in spätromantischer Glut. Man glaubt, Tristan-Akkorde und Brahms-Sehnsucht gleichzeitig zu hören, nur eben in einer Intensität und Schönheit, die einen leicht sprachlos macht. Die Musiker spielen das mit einer Innigkeit, als wäre es das letzte langsame Stück der Musikgeschichte. Elf Minuten pures Herzblut – und ein Beweis, dass die Zweite Wiener Schule auch ganz ohne Reihen und Konstruktionen tief berühren konnte.

Den Abschluss bildet Schönbergs Kammersymphonie Nr. 2 op. 38 (1906–1939), ein Werk, das der Komponist erst nach über dreißig Jahren fertigstellte und das lange im Schatten der berühmteren Nr. 1 stand. Zu Unrecht. Der erste Satz, ein Adagio in es-Moll, beginnt mit einer fragenden Flöte, so zerbrechlich, dass man den Atem anhält. Die Streicher legen sich wie ein schützender Mantel darunter, bis sie selbst die Führung übernehmen und eine leicht mahlermäßige Trauerstimmung entfalten. Im zweiten Satz (Con fuoco) bricht dann plötzlich der Tanz los: kecke Holzbläser, wippende Rhythmen, ein geradezu freches Spiel mit Tonarten – als hätte Schönberg beschlossen, dass nach all dem Grübeln jetzt endlich wieder Lebenslust erlaubt ist. Dumoussaud und seine Musiker feiern diesen Satz wie eine Befreiung, und man feiert begeistert mit.

Der Klang der Aufnahme ist nah und direkt. Man sitzt mitten im Orchester, hört jeden Bogenstrich, jedes Atemholen. Keine wattige Konzerthallenakustik, sondern Studio-Präsenz mit Charakter. Das passt gut zu dieser Musik, die ja ohnehin aus der Kammer kommt und nie für die große symphonische Geste gedacht war.

Wer immer noch glaubt, Schönberg und Webern seien nur etwas für Masochisten oder Musikwissenschaftler, möge bitte diese CD kaufen, die Augen zumachen und sich einfach fallen lassen. Selten wurde die Zweite Wiener Schule so sinnlich, so menschlich und so unter die Haut gehend präsentiert. Pierre Dumoussaud und sein besonderes Orchester beweisen: Diese Musik ist nicht schräg. Sie ist lebendig. Und sie ist – man traut sich kaum, es zu sagen – wunderschön.

Dirk Schauß, im November 2025

 

Wendepunkt 
L’atelier de musique
Pierre Dumoussaud, musikalische Leitung
B Records, LBM083

 

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